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Neonazi-Skandal:Chemnitzer FC - der zerrissene Verein

Chemnitzer FC - Budissa Bautzen

Gemeinsam für den guten Willen: Spieler von Chemnitzer FC und Budissa Bautzen mit Plakat.

(Foto: Harry Haertel/dpa)
  • Im ersten Heimspiel nach dem Neonazi-Skandal wirbt der Chemnitzer FC auf Plakaten und T-Shirts für Toleranz.
  • Er sieht sich zahlreichen radikalen Anhängern gegenüber, die genau dagegen protestieren.
  • "Dass der Verein ein bisschen zerrissen ist, begleitet uns eine ganze Weile", sagt Trainer Daniel Bergner, er sei froh, dass "die Sache" nun vorbei sei.

Um genau zwölf Minuten nach halb zwei waren sie wieder da. Jene, die sich für die einzigen legitimen Besitzer des "Himmelblaus" halten, der dominanten Klubfarbe beim Chemnitzer FC, und die sich so lange, viel zu lange, fühlen durften wie Fische im Wasser.

Das Heimspiel des CFC gegen Budissa Bautzen hatte am Samstag schon um 13.30 Uhr begonnen. Doch sie hatten bloß ein Banner aufgehängt, auf dem "12 Minuten für den 12. Mann" zu lesen war und hatten sich zunächst, wie auf einem Flugblatt angekündigt, statt auf der Tribüne "an den Cateringständen" aufgehalten, um gegen die Vereinspolitik zu protestieren. Die Hoheit über die Südkurve des Stadions an der Gellertstraße lärmend zurückzuerobern, wenn das Spiel schon läuft, zurückzukehren, sich selbst zum Souverän aufzuschwingen - das war der Plan. Doch siehe da: So triumphal war das gar nicht.

Nicht, dass sich das ganze Stadion gegen sie erhoben hätte. Aber es gab Pfiffe. Und diese Pfiffe waren nicht nur unüberhörbar, sie waren auch Ausdruck der Missbilligung all dessen, was seit zwei Wochen über dem Klub schwebt wie eine düstere Wolke. Sie waren das sonore Symptom der Zerrissenheit eines Klubs und einer Stadt, die sich hier, im Stadion, in dieser Deutlichkeit wohl noch nie manifestiert hatte.

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Was zwei Wochen zuvor beim Regionalligaspiel gegen Altglienicke geschehen war, machte nicht nur landesweit Schlagzeilen. Es katapultierte einen Klub, einen Viertligisten, der sich im Insolvenzverfahren befindet, in eine noch schiefere Lage. Damals war dem kurz zuvor verstorbenen Thomas Haller im Stadion eine Huldigung zuteil geworden, die verstörte und doch lehrreich war. In warmen Worten wurde ein Mann zum Vorzeige-Fan stilisiert, der lange der Chef einer örtlichen Sicherheitsfirma war, die nicht nur im Stadion für Ordnung gesorgt hatte. Nur: Er war eben auch Gründer einer 2007 aufgelösten, aber nie ganz verschwundenen Organisation, die sich "HooNaRa" nannte: "Hooligans, Nazis, Rassisten".

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Das Gedenken an Haller fand mit Billigung maßgeblicher Personen aus der Vereinsführung statt, die später behaupten sollten, sie seien von radikalen Fans bedroht worden. Also von jenen, die nun wieder da waren - und streikten. Es gab eine Strafanzeige gegen Unbekannt, stichhaltige Belege für die konkrete Bedrohung fehlen bis heute. Was es stattdessen gab: Rechtfertigungsversuche, die so indiskutabel waren, dass sich lokale Sponsoren absetzten, und die Reaktion von Sportvorstand Thomas Sobotzik, die - unfreiwillig - ein Bild der Stadt zeichnete, das von Nicht-Chemnitzern kaum so brutal formuliert worden wäre: "Von was distanziert sich eine Sparkasse?", fragte er mit Blick auf den Trikotsponsor des CFC. "Sie distanziert sich von sich selbst, von Chemnitz, von seinen Bürgern. Das macht mich verrückt." Es klang, als setze er ganz Chemnitz mit der CFC-Kurve gleich.

Es folgten Rücktritte und Rauswürfe, unter anderem des Stadionsprechers, der später sagen sollte, er habe nur den Text vorgelesen, den ihm der Verein in die Hand gedrückt hatte, und dessen Nachfolgerin am Samstag von den Südkurven-Fans bei jeder Wortmeldung in Grund und Boden gepfiffen wurde - ganz gleich, ob sie über Aus- und Einwechslungen oder darüber informierte, dass sich 4333 Zuschauer zusammengefunden hatten.