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Champions League:Neymar macht alles allein

Das Spiel, das die gläserne Decke sprengen soll, an der man bisher immer angestanden war, spiegelte nämlich mal wieder alle Unzulänglichkeiten des Teams. Tuchel ist es nicht gelungen, aus den vielen Einzelfiguren ein Kollektiv mit einem klaren, erkennbaren Spielplan zu formen. Neymar machte mal wieder alles allein, holte sich den Ball zuweilen ganz hinten, um ihn nach ganz vorne zu tragen. Die Leichtigkeit seiner Kavalkaden war schön anzuschauen, aber moderner Fußball geht anders. "Ney" war dann auch noch erstaunlich ineffizient vor dem Tor, fast tollpatschig. Natürlich fehlte PSG die Schaltfigur im Zentrum, der verletzte Marco Verratti glättet sonst die Übergänge. Aber darf eine Elf auf diesem Niveau so zusammenhanglos spielen?

Erst die Auswechslungen brachten Luft. Mbappé, noch immer nicht voll genesen von seiner Knöchelverletzung, riss mit seinen Tempoläufen dennoch Krater in die Abwehr Atalantas, das sich immer mehr zurückfallen ließ. Zehn Minuten vor Schluss kam dann noch jener Mann zum Einsatz, von dem es in Paris bisher immer hieß, er sei zwar ein netter Kerl, beliebt bei den Fans und beim Trainer wegen seines großen Einsatzes, immer, auch im Training, aber eben nicht so der Knipser: Choupo-Moting, Stürmer, 31, geboren in Hamburg, seit 2018 in Paris unter Vertrag, hatte bis dahin in dieser Saison erst fünf Tore erzielt, alle Wettbewerbe gerechnet. In 17 Spielen. Sein Vertrag läuft in diesen Tagen aus, im Januar stand er noch nicht einmal auf der Liste für die Champions League - ein Marktposten. "Als ich eingewechselt wurde", wird Choupo-Moting später sagen, "habe ich mir gesagt, wir können das doch nicht einfach so hinnehmen."

Der Rest ist bekannt, eine "folie": vom 0:1 zum 2:1 in 149 Sekunden. Und bei beiden Toren stand der nette Kerl ohne neuen Vertrag mittendrin im Gemenge der Schlussminuten, in diesem Strudel des Unwägbaren, den zweiten Treffer erzielte er selbst. Wie ein Knipser. Wenn nun auch alle überrascht sind in Paris: Aus dem Kreis von Tuchels Vertrauten hört man, der Trainer habe erst neulich gesagt, der Choupo, der werde noch ein wichtiges Tor machen. Ganz sicher.

Die Sportzeitung L'Équipe widmet ihm einen schönen Titel mit lautmalerischem Wortspiel: "Chapeau Moting", Hut ab Moting. Und vielleicht ist auch diese Geschichte ein Fanal für die Wende. In Doha haben sie die Streichliste wieder weggeräumt, so nah war das Dach Europas noch nie, die Rampe. In zwei Jahren soll ja dann die Weltmeisterschaft in Katar stattfinden, die Vollendung des Masterplans.

© SZ vom 14.8.20/jbe/tbr
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