BVB in der Champions League:"Die haben mich alle angegrinst, minutenlang"

BVB in der Champions League: Der eine versucht, den Elfer zu verhindern, der andere grinst: Mats Hummels (Mitte) im Zwiegespräch mit Eindhovens Malik Tillman in der Szene vor dem 1:1 der Niederländer.

Der eine versucht, den Elfer zu verhindern, der andere grinst: Mats Hummels (Mitte) im Zwiegespräch mit Eindhovens Malik Tillman in der Szene vor dem 1:1 der Niederländer.

(Foto: Piroschka van de Wouw/Reuters)

Dortmund wittert Benachteiligung: Ein Elfmeterpfiff für die PSV Eindhoven beim 1:1 in der Champions League erzürnt die Borussia. Mats Hummels poltert - andere Beteiligte erinnern an ähnliche Szenen aus der Vergangenheit.

Von Ulrich Hartmann

"Null Prozent" ist eine klare Ansage. "Null Prozent" klingt unzweifelhaft. Allerdings gilt der Gutachter, der am Dienstagabend in Eindhoven diese Expertise über die Rechtmäßigkeit eines Foulelfmeters abgegeben hat, als nicht letztinstanzlich objektiv. Denn der Gutachter heißt Mats Hummels und ist jener Abwehrspieler von Borussia Dortmund, dessen Grätsche in der 54. Minute einen Foulelfmeter zur Folge hatte, welcher das Ergebnis des Achtelfinal-Hinspiels in der Champions League in Eindhoven maßgeblich beeinflusst hat. Über den Elfmeter, den PSV-Angreifer Luuk de Jong in der 56. Minute zum 1:1-Endstand verwandelte, urteilte Hummels aufgebracht: "Null Prozent Elfmeter!"

Die Null ist in diesem Zusammenhang als demonstrative Überzeugung zu verstehen. Hummels wollte verdeutlichen, dass er keinen Zweifel daran hegte, hier richtig zu liegen. Und er liegt vermutlich auch richtig. So endgültig und abschließend kann man das allerdings nie wirklich sagen, weil jede strittige Elfmeterszene mit vielerlei Details in jede Richtung interpretiert werden kann. Allerdings wirkte in diesem Fall durchaus seltsam, dass ein regulär erscheinendes Tackling mit eindeutiger primärer Ballberührung als Foul bewertet wurde.

Zunächst spitzelte der zugegebenermaßen kompromisslos reingrätschende Hummels dem Eindhovener Malik Tillman - übrigens ein Leihspieler des FC Bayern - den Ball seitlich vom Fuß. Hummels berührte den Ball nicht nur dezent, sondern kraftvoll. Anschließend freilich brachte er, da er ja mit dem ganzen Körper in den Gegenspieler hineinrutschte, Tillman auch zu Fall. Der gebürtige Nürnberger stürzte mit einem Schmerzensschrei zu Boden. Diese um Sekundenbruchteile nachfolgende Berührung dürfte bei der Bewertung der Gesamtszene aber eigentlich keine Rolle spielen. Hummels hatte mit seiner Grätsche erkennbar den Ball gespielt und den Kontrahenten auch nicht grob von hinten umgebügelt.

Die Eindhovener Spieler um ihn herum hätten nur gelacht nach dem Elfmeterpfiff, berichtete Hummels hernach ("Die haben mich alle angegrinst, minutenlang"). Doch auch diese Auskunft mit dem Ziel einer polemischen Emotionalisierung war natürlich nicht objektiv und kann auch nicht als Argument herhalten. Mit dieser Beobachtung wollte Hummels die Entscheidung des serbischen Schiedsrichters Srdjan Jovanovic und des slowenischen Video-Assistenten Nejc Kajtazovic nur weiter diskreditieren.

Das 1:1 in Eindhoven ist im Angesicht des Rückspiels in Dortmund am 13. März nicht mal ein schlechtes Ergebnis für den BVB. Hätten die überlegenen Eindhovener nur ein paar ihrer vielen Torchancen genutzt, dann hätte die Borussia diese Partie auch klar verlieren können. Die Dortmunder zeigten keine gute Leistung. Sie hatten vor allem zu Beginn versucht, das Spiel zu verlangsamen, sie spielten passiv und wollten Eindhoven gar nicht erst in Schwung kommen lassen. Doch schon das gelang nur mäßig. Ihr überraschender Führungstreffer durch den früheren PSV-Stürmer Donyell Malen zum 1:0 in der 24. Minute spielte ihnen in die Karten. Der Ausgleich war am Ende ein halbwegs gerechtes Ergebnis. Trotzdem war die Wut der Dortmunder über den strittigen Elfmeter verständlich.

BVB in der Champions League: Elfmeter oder nicht? So sah der Moment zwischen Hummels und Tillman aus der hinteren Perspektive aus.

Elfmeter oder nicht? So sah der Moment zwischen Hummels und Tillman aus der hinteren Perspektive aus.

(Foto: John Thys/AFP)

Dass sie sich in der Champions League nun schon zum dritten Mal binnen zwölf Monaten benachteiligt fühlten, weckte in einigen Dortmundern Verschwörungsgedanken. Im März 2023 hatte es bei einer 0:2-Niederlage im Achtelfinal-Rückspiel beim FC Chelsea einen umstrittenen Handelfmeter (verwandelt von Kai Havertz) gegen den BVB gegeben und im September 2023 einen weiteren solchen (verwandelt von Kylian Mbappé) bei der 0:2-Niederlage im ersten Gruppenspiel bei Paris St. Germain. "Langsam reicht es", schimpfte nach dem nun dritten ärgerlichen Fall BVB-Klubchef Hans-Joachim Watzke.

"Wir können das in drei Wochen korrigieren", sagt BVB-Trainer Terzic halbwegs entspannt

Bereits kurz nach dem Schlusspfiff in Eindhoven hatte beim übertragenden Streamingdienst Amazon Prime am Spielfeldrand der TV-Experte Matthias Sammer, der zugleich eine Beraterfunktion bei Borussia Dortmund ausübt, strittige Schiedsrichter-Entscheidungen verallgemeinert und eine generelle Benachteiligung deutscher Mannschaften im Europapokal beklagt. Er sagte: "Ich möchte dafür plädieren, in den internationalen Gremien mehr Persönlichkeit zu zeigen, Dinge klar zu benennen, den Leuten mal wieder klar die Stirn zu bieten und sich das nicht gefallen zu lassen."

Bevor Hummels während der nächtlichen Heimfahrt im Bus in Sozialen Medien den Elfmeter noch als "Witz" abtat, hatte auf der Pressekonferenz Trainer Edin Terzic den unerfreulichen Zwischenfall auch zu einer eigenen Lernstandskontrolle erhoben. Er sagte: "Es war bei uns ein großes Thema in der Wintervorbereitung, dass wir uns in der Hinrunde zu viele Elfmeter gefangen haben." Als Trainer hat Terzic für dieses Problem sogar eine Lösung, bei der man nicht auf das Wohlwollen des Schiedsrichters angewiesen ist: "Am besten fängst du dir erst gar keinen Elfmeter, indem du den Gegner nicht in den Sechzehner kommen lässt." Auch die Situation mit Hummels sei, betonte Terzic, erst dadurch zustande gekommen, "dass wir es vorher nicht gut verteidigt haben".

Terzic klang auch deshalb halbwegs entspannt, weil die umstrittene Szene ja keine unumkehrbaren Konsequenzen hat. "Wir können das in drei Wochen korrigieren", sagte er mit Blick auf das Rückspiel am 13. März. An jenem Mittwochabend im BVB-Stadion, so viel ist wohl klar, wird die Dortmunder Volksseele jede Strafraumszene und Elfmeter-Entscheidung noch einmal sehr viel kritischer begutachten als bisher ohnehin schon.

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