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Bundesliga:So viel Berlin war noch nie

Werder Bremen - 1.FC Union Berlin

Unions Taiwo Awoniyi (re.) jubelt mit Marcus Ingvartsen über sein Tor zum 2:0 gegen Bremen.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Union ist zu gut für sein Außenseiter-Image, die Hertha zu schlecht für ihren "Big City Club"-Anspruch - und Tasmania vermarktet das Fernduell des Scheiterns mit Schalke 04. Berlins Fußball liefert gerade erstaunliche Unterhaltung.

Kommentar von Boris Herrmann

Schon wieder eine Pleite für Schalke, so langsam werden sie wirklich nervös in der Vereinsführung. Im letzten Spiel vor dem Weihnachtspäuschen hatten sie so große Hoffnungen auf Arminia Bielefeld gesetzt und am ersten Spieltag des neuen Jahres auf Hertha BSC. Irgendeiner dieser kriselnden Klubs müsste doch mal in der Lage sein, dem FC Schalke zum Sieg zu verhelfen. Denkste!

"Das kann doch alles nicht wahr sein", so oder so ähnlich wird Almir Numic seit Wochen zitiert. Numic ist als Vorsitzender des Oberligisten Tasmania Berlin inzwischen ein gefragter Mann. Sein Verein pflegt einen identitätsstiftenden Umgang mit seiner Rolle als ewige Schießbude der Bundesligageschichte. Das will man sich ungern von Schalke versauen lassen, einerseits. Andererseits lässt sich nicht verhehlen, dass Numic der ganzen Aufregung rund um die gegenwärtige Negativrekordjagd auch etwas abgewinnen kann. Bessere Reklame, wie der Berliner immer noch sagt, wo andere von Marketing sprechen, hat wohl selten ein Fünftligist erfahren, ohne einen einzigen Euro zu investieren.

Union überzeugt, Hertha nicht - und Tasmania vermarktet rührig das Fernduell mit Schalke

Mit jedem Spiel, welches die Schalker wieder nicht gewinnen - inzwischen fehlt nur noch eines bis zur Rekordmarke -, wird die Höllensaison der Tasmanen aus den Sechzigern in bunteren Farben nacherzählt. Wie eine Truppe von Feierabendkickern für die zwangsabgestiegene Hertha spontan in die Bundesliga nachrückte, weil aus politischen Gründen eine Mannschaft aus dem eingemauerten Westberlin dabei sein sollte. Wie der Torhüter Basikow per ADAC-Fernruf vom Campingplatz am Gardasee zum ersten Bundesligaeinsatz beordert wurde. 55 Jahre lang galt Tasmania als Synonym des Scheiterns. Und jetzt, da der vermeintlich unsterbliche Rekord tatsächlich wackelt, wird den letzten Überlebenden von damals wie Popstars hinterhertelefoniert. Die Optimisten unter ihnen sagen dann gerne: "Ach, wir haben noch so viele andere Negativrekorde."

Spitzfindige Statistiker weisen zu Recht darauf hin: Tasmania reihte seine 31 sieglosen Spiele binnen einer Saison aneinander, während die Schalker Sieglosigkeit (noch) saisonübergreifend gezählt werden muss. Das ändert aber nichts an dem Eindruck, dass in den aktuellen Bundesliga-Debatten plötzlich drei Hauptstadtklubs mitmischen. So viel Berlin war noch nie.

Man darf dabei auch die Beiträge der beiden offiziellen Berliner Teilnehmer nicht unterschlagen. Wundersames ereignet sich auch in Oberschöneweide, wo der gespenstisch erfolgreiche 1. FC Union zunehmend Schwierigkeiten damit hat, sein sorgsam gehegtes Außenseiter-Image zu rechtfertigen. Ganz am anderen Ende der Stadt strampelt derweil die von Großinvestoren aufgemotzte Hertha gegen ihr Selbstbild als "Big City Club" an. Sie kann wohl von Glück sagen, dass sie am Samstag dem Absturz in die akute Abstiegszone auch deshalb entronnen ist, weil die zuverlässigen Punktelieferanten aus Gelsenkirchen da waren.

Es widerspricht dem Gerechtigkeitsgefühl vieler Menschen, dass der Profibetrieb weiterläuft, während das ganze Land zum Stillstand verdammt ist. Aber als emotionale Wärmestube erfüllt dieser Sport gerade jetzt keine ganz unwichtige Funktion. Vor allem als Beobachter des Berliner Fußballs bekommt man in diesem einsamen Winter ein erstaunlich gutes Unterhaltungsangebot serviert. Rührende Szenen ereigneten sich am Samstagabend etwa vor dem Olympiastadion: Drinnen ein Spiel vor lauter leeren Sitzschalen, draußen die Mahnwache eines Oberliga-Fanklubs mit der Bitte um historische Gerechtigkeit: "Das ist unser Rekord. Ra Ra Ra Tasmania", stand da geschrieben.

Schon klar: Den Original-Verliererklub gibt es eigentlich gar nicht mehr. Er ging seit Mitte der Sechziger ungefähr drei Mal pleite und wurde noch öfter umbenannt. Aber der heutige SV Tasmania hat die Versager-Geschichte des einstigen SC Tasmania 1900 mit viel Liebe zur Selbstironie in die Gegenwart gerettet. Deshalb ist es ihm auch zu gönnen, dass sein Online-Shop derzeit kaum noch mit der Nachfrage nach Fan-Utensilien hinterherkommt. Mit etwas Geschick lässt sich auch aus sehr vielen Niederlagen Kapital schlagen. Hat diese Erkenntnis nicht etwas Tröstliches, selbst für Schalke 04?

© SZ/cca/ska
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