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Brasilien vor dem WM-Viertelfinale:"Wenn wir verlieren, sind wir nicht tot"

Klug war diese Erklärung nicht: Als wäre die Seleção nicht das Personengrüppchen, auf das gerade der ganze Planet schaut, sondern ein lockerer Pilates-Kreis für Anfänger. Flott zogen die Presseleute das Kommuniqué hervor, mit dem Frau Brandão kurz vor WM-Beginn nach dreitätigem Intensiveinsatz verabschiedet worden war: Sie habe ein Persönlichkeitsprofil von jedem Spieler erstellt, fortan stünde sie aber natürlich für "Noteinsätze" zur Verfügung.

Noteinsätze. Darum geht es. Jetzt ist es ein dauerhafter Noteinsatz geworden. Die Rollen in der Seleção werden in fieberhafter Eile umverteilt - innerhalb der Scolari-Familie und draußen auf dem Rasen.

"Wir gegen alle"

Scolari wirkt, als habe er sich in den Fäden der eigenen Motivationskunst verheddert. "Wir gegen alle", lautet sein Motto, gern setzt er martialische Sätze in die Welt wie den, dass Gegner Feinde seien und er mit seinen Spieler zu sterben bereit sei. Nach dem viel kritisierten Fehlpfiff des japanischen Referees Nishimura im Eröffnungsspiel, der Brasilien das Elfmetertor zur Führung gegen Kroatien ermöglichte, raunte Felipão in die Kameras, es sei eine internationale Presseverschwörung gegen Brasilien im Gange.

Vor jedem WM-Spiel singen die Spieler die Hymne a capella weiter, aber inzwischen brüllen sie dieses Lied. All das überwölben Aussagen, die Scolari und sein Sportdirektor Carlos Alberto Parreira schon vor der Präsentation ihrer WM-Auswahl machten: "Wir werden Weltmeister." Das plappert seither auch der greise CBF-Präsident nach, José Maria Marin, der vorm Achtelfinale verkündete: "Das wird ein sehr trauriger Tag für Chile."

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Scolari, der Regisseur dieses brausenden brasilianischen Gefühlstheaters, arbeitet mit hohen Dosen. Damit sein Team, sollte es gegen Kolumbien wieder eng werden, nicht außer Kontrolle gerät, gibt er ihm nun eine neue Marschroute vor: Es soll "weniger Herz und mehr Fußball" zeigen.

Am Mittwochabend kam die Seleção am Spielort Fortaleza an. Hundert Fans warteten am Flughafen, doch das Team zog es vor, auf der Militärbasis zu landen. Bloß nicht noch mehr Rummel, das Hotel ist ohnehin ständig von Fans umzingelt.

Für den gesperrten Luiz Gustavo (zweite gelbe Karte) wird wohl Paulinho ins Mittelfeld zurückkehren, der neue Motivator; auch über einen Verzicht auf den bisher behäbigen Mittelstürmer Fred denkt der Coach nach. Die Doppelspitze würden dann Hulk und Neymar bilden. Auch Letzterer kam erstmals in den Genuss einer therapeutischen Sitzung, er habe es genossen, berichtete Neymar und plauderte: "Wir tragen eine große Verantwortung, aber wir müssen es auch als Spiel ansehen. Wenn wir verlieren, sind wir nicht tot." Ist dies der Kern von Brandãos Botschaft an zweifelnde Spieler?

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In Fortaleza hat sich Kolumbien demonstrativ einen Tag vor der Seleção breit gemacht. Beide Teams wohnen nicht weit voneinander entfernt an der Strandpromenade Avenida Beira Mar. Indes sind James Rodriguez und Kollegen nicht auf der Flucht vor den Fans, sie pflegen diese Beziehung nach Kräften. Und wagen sogar ein paar Tanzschrittchen, wenn sie vor der Busabfahrt zum Training Hunderte singende Landsleute mit Autogrammen versorgen müssen.

Im Sponsorfahrzeug vorneweg fährt der größte Star dieser Truppe, Trainer José Pekerman. Der ja 2006 mit Argentinien so grandios das Viertelfinale gegen den damaligen Gastgeber Deutschland vercoacht hatte, mit unfassbaren Auswechslungen nach 1:0-Führung und souveränem Spiel. Was Pekerman damals tat, war nie wirklich schlüssig zu erklären; gleich nach dem Abpfiff trat er zurück. Nun ist er wieder in einem WM-Viertelfinale, und wieder gegen den Gastgeber. Brasiliens Nervenschwäche thematisieren Pekermans Spieler nun schon listig. Sie haben ja die Fotos der weinenden Brasilianer in allen Zeitungen gesehen, und sie hören die "Heulsusen"-Gesänge ihrer Fans.

Brasiliens WM-Projekt wackelt am Freitag im Estádio Castelão. Die Fans der Seleção wollen mit aller Macht dagegen halten, Tausende haben sich über soziale Netzwerke vorm Spiel am Stadion verabredet und ein Lied einstudiert. Es beginnt so: "Explodiere, Castelão, in allergrößter Freude!"

© SZ vom 04.07.2014/jkn
Quelle: Opta Sportdaten

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