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Taktik bei der Fußball-WM:Wie im Wilden Westen

Wild und kontrolliert: die deutsche Nationalspieler

(Foto: AP)

Rauf und runter, volles Tempo und kaum kontrolliertes Mittelfeldspiel: Viele Mannschaften zelebrieren bei dieser WM hemmungslosen Dauerrenner-Fußball. Doch es gibt auch Hybrid-Varianten, wie es Holländer und Deutsche vorführen.

Von Thomas Hummel, Porto Alegre

Vielleicht muss eine Weltmeisterschaft in Brasilien genauso aussehen: wild, ungeordnet, kreativ. Früher wäre das anders gewesen. Im größten Land des Fußballs schwärmen die Leute von o jogo bonito, dem schönen Spiel. Sie erinnern sich an den fabelhaften Didi, den König Pelé und an die Artisten der 1980er Jahre. Wenn damals auf deutschen Pausenhöfen ein Junge einen tollen Trick vorführte, dann hieß es, er spiele "brasilianisch".

Nun ist die Weltmeisterschaft zum ersten Mal seit 64 Jahren wieder in Brasilien. Und sie hat wenig vom früheren Getrickse und Gezaubere im Programm. Dafür legt sie ein Tempo vor, das seinesgleichen sucht. Diese WM bringt selbst die Zuschauer zum Schwitzen, ob bei 35 Grad im Schatten oder bei 14 Grad plus Regen und Wind. Von den Achtelfinals entfalteten sich mindestens sechs zu atemberaubenden Abnutzungskämpfen. Die hohe Schule der europäischen Taktik scheint irgendwo im Atlantik untergegangen zu sein. Oder erlebt der Fußball auf dieser Weltmesse einen neuen Entwicklungssprung?

Frank Wormuth ist Leiter der Fußballlehrerausbildung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), Trainer der U20-Nationalmannschaft und in Brasilien als Spielbeobachter unterwegs. Ihn beeindrucken die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften vor allem wegen ihrer Fitness. "Sie rennen rauf und runter, gehen ein unheimlich hohes Tempo. Das können die Europäer nicht", sagt der 53-Jährige. Diese müssten sich wegen des oft ungewohnten Klimas die Kräfte ein wenig einteilen, deshalb sehe ihr Spiel langsamer aus.

Mannschaften wie Costa Rica, Mexiko, Chile, aber auch Brasilien, Argentinien und sogar die Nordafrikaner aus Algerien wählten bevorzugt den Weg des Überfallangriffs. Gegen Deutschland trieben es die Algerier auf die Spitze damit, indem sie nach Ballgewinn sofort den Ball hoch und weit Richtung ihres Stürmers Islam Slimani traten, der gegen Per Mertesacker ins direkte Duell sollte und das durch seine Schnelligkeitsvorteile oft gewann. Slimani glich sich damit den süd- und mittelamerikanischen Stürmern an, die ständig das Eins-gegen-Eins suchen. Neymar, Lionel Messi oder Joel Campbell sind Vertreter dieser Draufgänger, die vorne mit Einzelaktionen das Spiel entscheiden sollen.

Hinten bedienen sich einige Trainer einer taktischen Abwehrvariante, die lange Zeit ausgestorben war und erst durch die Italiener vor einigen Jahren wiederbelebt wurde: Die Dreierkette, die sich gegnerischem Ballbesitz in eine Fünferkette wandelt. Vorteil: Zusammen mit oft zwei defensiven Mittelfeldspielern verteidigen sieben Mann das eigene Tor, "das ist ein stabiler Block", erklärt Wormuth.

Prominentestes Opfer der Fünfer-Abwehrkette war Spanien. Gegen die Niederlande und Chile kam der Titelverteidiger mit seinem gewohnten Passspiel kaum zum Torabschluss, musste zudem erkennen, dass viele Spieler nach der langen Saison zu müde waren, um das enorme Tempo mitgehen zu können. Die Italiener scheiterten einerseits am Abwehrriegel Costa Ricas, andererseits an den physischen Herausforderungen im Nordosten Brasiliens.

Im Normalfall fehlt bei einer Fünfer-Abwehrkette allerdings mindestens ein Spieler in der Offensive, was diese amerikanischen Teams durch ihr enormes Laufpensum ausgleichen. Besonders die äußeren Mittelfeldspieler haben die gesamte Seite zu bespielen, was in Deutschland zuletzt Jörg Heinrich anno 1998 tun musste. Zu einer Zeit also, als das Spiel noch wesentlich langsamer war.

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