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Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich:DFB-Elf in der Imagefalle

"Ich will nicht Weltmeister werden und mich danach hinstellen müssen und sagen: Sorry, dass wir das Finale nur mit einem Tor Unterschied gewonnen haben" - Thomas Müller

(Foto: AP)

Sogar Thomas Müller vergeht langsam die gute Laune. Die deutschen Nationalspieler haben das Gefühl, es niemandem mehr recht machen zu können - egal wie sie spielen. Vor allem Bundestrainer Joachim Löw muss vor dem Viertelfinale gegen Frankreich viel Kritik einstecken. Zu Unrecht.

Berti Vogts hatte wieder mal eine Idee, aber er kam nicht durch damit. Ob man nicht ein Feldspielertrikot für Oliver Kahn, den dritten Torwart, besorgen könne, fragte Vogts den damaligen Pressechef Wolfgang Niersbach; Vogts wollte ein Zeichen setzen damals, kurz vor dem Ende der EM 1996. Er wollte ein Feldspielertrikot von Kahn zur Pressekonferenz mitnehmen und damit ganz Europa zeigen, welche Sorgen er hat: gesperrte Spieler, verletzte Spieler und ein EM-Endspiel vor der Brust. Und er wollte Druck auf den europäischen Fußballverband Uefa ausüben: Vielleicht würde der Verband die Sperren fürs Endspiel ja zurücknehmen?

Lass' sein, Berti, bringt nix, hat Niersbach ihm geantwortet. Die Gesperrten blieben gesperrt, die Verletzten verletzt, und Vogts' Elf wurde Europameister. Torschütze im Finale: nicht Oliver Kahn, sondern Oliver Bierhoff.

Bierhoff weiß, wie das geht: ein widersprüchliches Turnier spielen und sich am Ende als Sieger feiern lassen. "Die Mechanismen sind bei Turnieren immer die gleichen", sagt er, "gute Spiele werden überbewertet, nach weniger guten Spielen bricht gleich Panik aus. Nach dem 4:0 gegen Portugal waren wir der Titelfavorit, nach dem Algerien-Spiel heißt es: Wie wollen die Frankreich schlagen?"

Bierhoff sitzt am Pool des Pressehotels, er ist nach Per Mertesackers lustig entgleistem ZDF-Interview als Regierungssprecher zu einer eigens anberaumten kleinen Runde erschienen, und er kann es sich leisten, den lässigen Turnier-Routinier zu geben. Aber natürlich weiß der Teammanager, dass die normalen Mechanismen diesmal von einer unnormalen Stimmungslage grundiert sind. "Die Mannschaft ist eigentlich relativ ruhig", sagt Bierhoff zwar, "sie weiß, was bisher gut und was schlecht war." Aber wer das Mertesacker-Interview zum Maßstab nimmt, der ahnt, dass "relativ ruhig" eine freundliche Formulierung für "genervt" ist.

"Wir spielen wirklich nicht für die Überschriften"

"Ich will nicht Weltmeister werden und mich danach hinstellen müssen und sagen: Sorry, dass wir das Finale nur mit einem Tor Unterschied gewonnen haben", hat Thomas Müller vor dem Abflug zum Viertelfinale als Botschaft hinterlassen. Müller ist ein munterer Kerl, der jeden Witz nimmt, der nicht bei drei im Pool ist. Aber mit diesem Satz war es ihm ernst.

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