Süddeutsche Zeitung

Brasilien vor dem WM-Viertelfinale:Überwältigt vom eigenen Gefühlstheater

Seit Brasiliens Spielern die Dimension eines Scheiterns bei der Fußball-WM bewusst geworden ist, herrscht große Aufregung. Trainer Scolari, der große Motivator, wirkt überfordert. Jetzt soll eine eilig einbestellte Psychologin helfen.

Brasilien zittert, die nationale WM-Mission ist mächtig ins Stocken geraten. Dabei hat bisher doch alles wunderbar funktioniert. Dilma Rousseff zum Beispiel, die Staatspräsidentin, will sich im Herbst auf einer Woge nationaler WM-Euphorie erneut ins Amt tragen lassen, und irgendwie hat sie es geschafft, den Hauptkritiker ihrer milliardenteuren Dauerparty mundtot zu kriegen, den ehemaligen Fußballhelden Romario.

Keinen Mucks hat Romario seit dem Anpfiff der Weltmeisterschaft von sich gegeben, der sozialistische Abgeordnete, der die Veranstaltung zuvor so wortstark als Familientreff von Politik- und Sportmafia gegeißelt hatte. Woher sein konziliantes Schweigen rührt, könnte sich aufklären, falls nach Dilmas Wiederwahl Romario einen schönen Senatorenposten in Brasilia ergattern sollte.

Ein limitiertes Team - und Neymar

Stets auf gewinnbringende Rochaden bedacht ist auch Luiz Felipe Scolari. Der Trainer der Seleção gilt als ein Meister der Motivation und des Stark-Redens. Mit diesen Tugenden hat er ein eher limitiertes Team gebaut und ins Turnier geführt, eine Mannschaft, die im Kern alle Hoffnung auf Neymar, einen 22-Jährigen, setzen muss, der seine erste WM spielt.

Dass es ein Ritt auf der Rasierklinge wird, hat sich gleich beim ersten K.o.-Spiel gezeigt, im Achtelfinale gegen Chile. Thiago Silva, der Kapitän persönlich, brach vor dem Elfmeterschießen weinend zusammen, weil ihm jäh bewusst wurde, was bisher mit der Macht manipulativer Trainerworte und der Illusion erhabener Videobilder im modernen Trainingscamp aus dem Gemüt radiert worden war: die Dimension des Scheiterns. Die Dimension des zweiten Scheiterns bei der zweiten WM im eigenen Land.

Scolaris Unbehagen beim Blick auf Thiago Silva war in Entsetzen umgeschlagen, als ihn der Kapitän auch noch bat, erst als Letzter zum Elfmeterschießen antreten zu müssen. Da vor dem Shootout auch den Torwart Júlio César Weinkrämpfe beutelten, ergriff Paulinho die Gelegenheit; der just vor dieser Partie aus der Stammformation expedierte Mittelfeldspieler ließ die Kollegen im Kreis antreten und richtete aufbauende Worte an sie. Scolari ließ es geschehen, er spürte wohl, dass er selbst jetzt keinen mehr erreichen würde.

Ob es der Augenblick war, in dem ihn sein Gespür für diese Mannschaft verließ, die im Lande als Scolari-Familie gilt, als wäre der Coach mit 23 Söhnen unterwegs? Jedenfalls war es der Moment, von dem an er Fehler zu machen begann.

Scolaris falscher Zug

Nach einem Ruhetag zurückgekehrt in die Trainingsfestung Granja Comary in Teresopolis, die seit fast zwei Monaten umzingelt ist von Hundertschaften der Presse, wollte der Nationaltrainer etwas Druck aus dem Kessel nehmen. Er tat es wie üblich, mit kühlem Kalkül - aber diesmal war es der falsche Zug. Denn Scolari suchte das diskrete Gespräch mit sechs Journalisten von den wichtigsten Medien im Lande.

So etwas bleibt in der kleinen Welt von Granja Comary nicht lange verborgen. Bald rüttelten die Ausgesperrten an der Tür, und wenig später war das Kommunikationsdesaster perfekt. Scolari wollte im kleinen Kreis um Verständnis dafür werben, dass er die offenkundige psychische Instabilität einiger Akteure im Schnellverfahren durch die Teampsychologin Regina Brandão korrigieren lässt. Doch im Chaos von Teresopolis, das der konspirative Treff evoziert hatte, drang rasch alles nach außen.

Ins Bild dieser Presse-Panne passt, dass der Medienchef der Seleção, Rodrigo Paiva, von der Fifa zunächst bis zum Viertelfinale am Freitag gegen Kolumbien gesperrt wurde. Auch Paiva waren beim Chile-Spiel die Nerven durchgegangen: In der Halbzeit hatte er dem gegnerischen Stürmer Pinilla einen Schlag versetzt, das Videomaterial im Stadion verriet ihn. Das große Zittern hat auch die technische Kommission erreicht, der Paiva angehört.

Regina Brandão eilte schon am Montagabend herbei. Sie soll das Team für die restliche Zeit begleiten. Abgefangen bei der Ankunft, scheiterte jedoch auch sie grandios beim Versuch, die Sache tiefer zu hängen: Es handele sich um einen lang geplanten Besuch, erzählte sie. Auf der CBF-Website hieß es, sie sei in den vergangenen Wochen an der Universität São Paulo und in ihrer Praxis beschäftigt gewesen und komme erst jetzt in ihren Ferien dazu, sich wieder um die Seleção zu kümmern.

"Wenn wir verlieren, sind wir nicht tot"

Klug war diese Erklärung nicht: Als wäre die Seleção nicht das Personengrüppchen, auf das gerade der ganze Planet schaut, sondern ein lockerer Pilates-Kreis für Anfänger. Flott zogen die Presseleute das Kommuniqué hervor, mit dem Frau Brandão kurz vor WM-Beginn nach dreitätigem Intensiveinsatz verabschiedet worden war: Sie habe ein Persönlichkeitsprofil von jedem Spieler erstellt, fortan stünde sie aber natürlich für "Noteinsätze" zur Verfügung.

Noteinsätze. Darum geht es. Jetzt ist es ein dauerhafter Noteinsatz geworden. Die Rollen in der Seleção werden in fieberhafter Eile umverteilt - innerhalb der Scolari-Familie und draußen auf dem Rasen.

"Wir gegen alle"

Scolari wirkt, als habe er sich in den Fäden der eigenen Motivationskunst verheddert. "Wir gegen alle", lautet sein Motto, gern setzt er martialische Sätze in die Welt wie den, dass Gegner Feinde seien und er mit seinen Spieler zu sterben bereit sei. Nach dem viel kritisierten Fehlpfiff des japanischen Referees Nishimura im Eröffnungsspiel, der Brasilien das Elfmetertor zur Führung gegen Kroatien ermöglichte, raunte Felipão in die Kameras, es sei eine internationale Presseverschwörung gegen Brasilien im Gange.

Vor jedem WM-Spiel singen die Spieler die Hymne a capella weiter, aber inzwischen brüllen sie dieses Lied. All das überwölben Aussagen, die Scolari und sein Sportdirektor Carlos Alberto Parreira schon vor der Präsentation ihrer WM-Auswahl machten: "Wir werden Weltmeister." Das plappert seither auch der greise CBF-Präsident nach, José Maria Marin, der vorm Achtelfinale verkündete: "Das wird ein sehr trauriger Tag für Chile."

Scolari, der Regisseur dieses brausenden brasilianischen Gefühlstheaters, arbeitet mit hohen Dosen. Damit sein Team, sollte es gegen Kolumbien wieder eng werden, nicht außer Kontrolle gerät, gibt er ihm nun eine neue Marschroute vor: Es soll "weniger Herz und mehr Fußball" zeigen.

Am Mittwochabend kam die Seleção am Spielort Fortaleza an. Hundert Fans warteten am Flughafen, doch das Team zog es vor, auf der Militärbasis zu landen. Bloß nicht noch mehr Rummel, das Hotel ist ohnehin ständig von Fans umzingelt.

Für den gesperrten Luiz Gustavo (zweite gelbe Karte) wird wohl Paulinho ins Mittelfeld zurückkehren, der neue Motivator; auch über einen Verzicht auf den bisher behäbigen Mittelstürmer Fred denkt der Coach nach. Die Doppelspitze würden dann Hulk und Neymar bilden. Auch Letzterer kam erstmals in den Genuss einer therapeutischen Sitzung, er habe es genossen, berichtete Neymar und plauderte: "Wir tragen eine große Verantwortung, aber wir müssen es auch als Spiel ansehen. Wenn wir verlieren, sind wir nicht tot." Ist dies der Kern von Brandãos Botschaft an zweifelnde Spieler?

In Fortaleza hat sich Kolumbien demonstrativ einen Tag vor der Seleção breit gemacht. Beide Teams wohnen nicht weit voneinander entfernt an der Strandpromenade Avenida Beira Mar. Indes sind James Rodriguez und Kollegen nicht auf der Flucht vor den Fans, sie pflegen diese Beziehung nach Kräften. Und wagen sogar ein paar Tanzschrittchen, wenn sie vor der Busabfahrt zum Training Hunderte singende Landsleute mit Autogrammen versorgen müssen.

Im Sponsorfahrzeug vorneweg fährt der größte Star dieser Truppe, Trainer José Pekerman. Der ja 2006 mit Argentinien so grandios das Viertelfinale gegen den damaligen Gastgeber Deutschland vercoacht hatte, mit unfassbaren Auswechslungen nach 1:0-Führung und souveränem Spiel. Was Pekerman damals tat, war nie wirklich schlüssig zu erklären; gleich nach dem Abpfiff trat er zurück. Nun ist er wieder in einem WM-Viertelfinale, und wieder gegen den Gastgeber. Brasiliens Nervenschwäche thematisieren Pekermans Spieler nun schon listig. Sie haben ja die Fotos der weinenden Brasilianer in allen Zeitungen gesehen, und sie hören die "Heulsusen"-Gesänge ihrer Fans.

Brasiliens WM-Projekt wackelt am Freitag im Estádio Castelão. Die Fans der Seleção wollen mit aller Macht dagegen halten, Tausende haben sich über soziale Netzwerke vorm Spiel am Stadion verabredet und ein Lied einstudiert. Es beginnt so: "Explodiere, Castelão, in allergrößter Freude!"

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Quelle:
SZ vom 04.07.2014/jkn
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