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Borussia Dortmund:Mit Götze und Schürrle riskiert der BVB seine Zukunft

Goetze of Germany celebrates with Schuerrle after scoring a goal against the U.S. during their international friendly soccer match in Cologne

Wiedervereint in Dortmund: Mario Götze und André Schürrle.

(Foto: REUTERS)

Zwei verblasste WM-Helden wollen in Dortmund ihre Karrieren retten - geht das gut? Das Großexperiment der Borussia ist eine wackelige Angelegenheit.

Kommentar von Jonas Beckenkamp

Natürlich schießt einem jetzt wieder diese Szene in den Kopf: Rio de Janeiro, Maracanã-Stadion, 13. Juli 2014. Deutschland im WM-Finale gegen Argentinien - und dann diese magische 113. Minute. Ein Sprint von André Schürrle, die Flanke seines Lebens zu Mario Götze und der mit dem Tor seines Lebens. Schürrle und Götze, diese beiden Glückskinder des deutschen Fußballs, sie haben das damals gewuppt mit einer Aktion, die sich eingebrannt hat in das kollektive Gedächtnis.

Die Nostalgie schwingt mit beim Versuch, nun nüchtern auf den Werdegang der beiden Spieler zu blicken. Schürrle und Götze, das waren zwei große Versprechen - heute sind sie zwei Einkäufe von Borussia Dortmund und man fragt sich, ob das gutgeht mit ihnen und dem Großexperiment BVB. Etwa 25 Millionen haben die Dortmunder für Götze bezahlt, dazu jetzt 30 Millionen für Schürrle. Das sind gehörige Summen für zwei Spieler, die seit jener Juli-Nacht am Zuckerhut nur selten etwas zustande brachten.

An den promintentesten von insgesamt acht Zugängen bei der Borussia lässt sich nachempfinden, was im Pott gerade passiert: Ein Verein krempelt sich komplett um und es bleiben dicke Fragezeichen, ob das alles funktioniert.

Dortmund wollte die "Echte Liebe" sein, ein Gegenentwurf zum glitzernden Millionenzirkus in München - dann verlor mit Mats Hummels ausgerechnet der Mann den Glauben an diese Liebe, der sie wie kein anderer gelebt hatte. Der BVB musste seinen besten Fußballer ziehen lassen, sein Gesicht, seine Seele. Mit İlkay Gündoğan und Henrikh Mkhitaryan verabschiedeten sich auch der Zweit -und der Drittbeste des Teams, obwohl Geschäftsführer Watzke ausschloss, dass alle drei den Klub verlassen werden. "Wir verlieren weltweites Topniveau", bemerkte Trainer Thomas Tuchel kürzlich entwaffnend ehrlich, "wir sind an Grenzen gestoßen."

Dass der BVB sich angesichts dieses Trends nun schüttelt, sein Festgeldkonto aktiviert und mit Götze, Schürrle, Emre Mor, Marc Bartra, Ousmane Dembélé, Sebastian Rode, Raphaël Guerreiro und Mikel Merino eine kleine, europäische Allstar-Mannschaft zusammenstellt, ist verständlich. Aber das Gelingen dieses offenen Versuchs ist keinesfalls garantiert. Wer soll das Spiel von hinten heraus gestalten wie es Hummels tat? Wer soll wie der oft unterschätzte Gündoğan das Mittelfeld ordnen, ihm Pfiff verleihen und Haltung? Wer ersetzt Mkhitaryans Samtfüße?

Hier ein kleiner Rundgang durch die Dortmunder Einkaufsliste: Die einstigen Weltmarken Götze und Schürrle sind seit Rio zu gewöhnlichen Bundesligaspielern geschrumpft. Den Beweis, dass sie ein Team mitreißen oder gar durch eine Saison tragen können, sind sie mehrfach schuldig geblieben. Rode kommt quasi von der Tribüne des FC Bayern, Dembélé ist ein 19-jähriger Übersteigerkönig, der mit der Umstellung von der französischen Liga auf die Bundesliga beschäftigt sein wird. Spielmacher Mor dürfte der Sprung von der dänischen (!) Superligaen nach Deutschland ebenso schwer fallen.

Bartra war in Barcelonas Abwehr alles andere als Stammkraft und Guerreiro mag in Portugals Zerstörersystem bei der EM ein gutes Bild abgegegen haben - aber kann er auch Tuchels elaborierte Offensive, in der die Außenverteidiger "Echte Liebe" zum Mitgestalten entwickeln müssen?

All diese Baustellen erfordern nun die Ausbildungs-Expertise eines Trainers, der an sein Personal höchste Erwartungen stellt. Das Dortmunder Experiment ist auch Tuchels größte Probe, er muss Talente zu Charakteren formen und ihnen dabei stilbildend wie Pep Guardiola in München das schöne Spiel einimpfen. Aufgrund der DNA dieser Dortmunder Mannschaft ist ein anderer Weg ohnehin kaum vorstellbar - wer sich die anderswo gescheiterten Götze und Schürrle als Identitätsstifter holt, muss wissen: Das Risiko spielt immer mit.

© SZ.de/jbe/schm/feko

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