Deutsche Biathleten beim Saisonauftakt:Plötzlich Gejagte in Gelb

Deutsche Biathleten beim Saisonauftakt: Seit 2017 findet sich sein Name in den Ergebnislisten des Weltcups, die Kameras aber waren stets auf andere gerichtet: Philipp Nawrath nach seinem Coup im Sprint von Östersund.

Seit 2017 findet sich sein Name in den Ergebnislisten des Weltcups, die Kameras aber waren stets auf andere gerichtet: Philipp Nawrath nach seinem Coup im Sprint von Östersund.

(Foto: Pontus Lundahl/TT/Imago)

Philipp Nawrath gewinnt im Alter von 30 Jahren in Östersund erstmals ein Weltcup-Rennen, er und Franziska Preuß beenden den Auftakt jeweils als Gesamtführende: Der starke Saisonstart der deutschen Biathleten macht sogar die Norweger "ein bisschen nervös".

Von Korbinian Eisenberger

Ein Mann in schwarz-rot-gelblich gehaltenem Trikot lief über die rote Linie im Schnee, und auf den Rängen von Östersund ertönte der Siegesjubel. Dieser Mann mit der Startnummer 47, Florent Claude vom Team Belgien, verdeckte in diesem Moment einen zweiten Athleten mit viel schwarz und auch etwas rot-gold im Rennanzug: Philipp Nawrath, ein Profibiathlet des deutschen Teams, der aus Claudes Windschatten heraus zum ersten Mal in seinem Leben als Sieger über den Zielstrich eines Weltcup-Rennens lief. Aus Claudes Windschatten - und aus dem Schatten aller anderen.

Auch im zweiten Individualrennen der Biathlon-Weltelite stand am Samstagnachmittag also ein deutscher Athlet ganz oben. Nach dem 30 Jahre alten Roman Rees, der am vergangenen Wochenende das Einzelrennen über die längere Distanz für sich entschieden hatte, gelang nun dem Allgäuer Nawrath, ebenfalls 30, ein praktisch perfektes Sprint-Rennen ohne Fehlschuss und Tadel. "Wahnsinn", erklärte Nawrath: "Es scheint so, dass bei uns beiden erst mal die 30 dastehen muss." Am Ende stand zudem - nach zehn gelaufenen Loipenkilometern sowie zehn Scheibentreffern - nicht nur Nawraths erstes Weltcup-Podium zu Buche, sondern auch sein erster großer Triumph.

Philipp Nawrath - seit 2017 findet sich sein Name weitestgehend kontinuierlich in den Start- und Ergebnislisten im obersten Branchenregal der Skijäger. Zweimal wurde der Füssener im Weltcup Vierter, einmal gewann er mit der Staffel ein Weltcup-Rennen. Die Kameras aber waren fast immer auf andere gerichtet. Zu ihnen zählte im deutschen Männerteam vergangene Saison vorrangig noch der einstige Weltmeister Benedikt Doll - mit einem Sieg in Östersund. Ansonsten überzeugten die DSV-Männer selten restlos. 16 Siege gingen allein auf das Konto des Norwegers Johannes Thingnes Bö, neben ihm auf dem Podest standen meist dessen Teamkollegen, bisweilen ein Franzose oder Schwede, selten ein Deutscher, und nie ein Nawrath.

Franziska Preuß und Vanessa Voigt laufen in der Verfolgung abermals auf Rang zwei und drei

Nawrath galt bislang als solider Läufer. Dass er aber von allen 101 Startern die zweitschnellste Laufzeit in der Loipe verbucht (nur der Schwede Sebastian Samuelsson war schneller) -, gar vor Bö, das ist neu. Eventuell ist die gute Laufleistung der Deutschen generell in diesen Tagen von Östersund nicht nur Resultat von "unserer harten Arbeit im Sommer", wie Nawraths Teamkollege Justus Strelow, diesmal 15., im ZDF erklärte. (Johannes Kühn wurde Achter, Benedikt Doll Zehnter.)

Vor Beginn dieser neuen Saison hatten nicht wenige Beobachter geraunt, den deutschen Biathlon-Männern wie Frauen stünde - nach dem Karriereende der zuletzt einzig konstanten Topathletin Denise Herrmann-Wick - die eventuell schwierigste Saison seit jeher bevor. Nach der Männerverfolgung von Östersund lautet nun die deutsche Gesamtbilanz in Schweden: zehn Podestplätze in zehn Rennen, davon zwei Siege zweier Männer, denen dies vorher wohl die wenigsten zugetraut hätten.

Deutsche Biathleten beim Saisonauftakt: Fährt in Gelb zur zweiten Weltcup-Station in Hochfilzen: Franziska Preuß.

Fährt in Gelb zur zweiten Weltcup-Station in Hochfilzen: Franziska Preuß.

(Foto: Petter Arvidson/Bildbyran/Imago)

Ganz offensichtlich kommt den DSV-Athleten bis dato die Änderung der Skiwachs-Regel entgegen, wonach das umweltschädliche Fluor nicht mehr aufgetragen werden darf. Diese Teilerklärung lieferte auch Nawrath, der am Sonntag erstmals im Gelben Trikot in die Verfolgung ging und sich vorab bei den DSV-Wachsern bedankt hatte: "Unsere Techniker arbeiten hier jeden Tag teilweise von der Früh um sechs an. Das ist die Basis dafür, dass wir hier solche Erfolge feiern", erklärte Nawrath, der Schattenmann, der jetzt keiner mehr ist.

Nach Ansicht des deutschen Männer-Bundestrainers Uros Velepec kommt einstweilen auch die Konkurrenz ins Grübeln. "Die Norweger sind ein bisschen nervös", so die Einschätzung des Slowenen. Die in der Vergangenheit so dominanten Skandinavier um Dauersieger Johannes Thingnes Bö sind noch ohne Einzelsieg, weil eben die deutschen Ü30er Rees und Nawrath sich die ersten beiden Siege schnappten. "Es ist nicht so, dass niemand mitspielen kann. Jetzt machen wir ihnen ein bisschen Sorgen. Das ist auch gut für uns", so der 56 Jahre alte Velepec, der im Frühjahr Mark Kirchner im Amt abgelöst hatte.

Der ungeahnt erfolgreiche deutsche Start der Männer ist aus sporthistorischer Sicht von Relevanz, weil es lange nicht mehr verzeichnet ist, dass ein deutscher Biathlet im Gelben Trikot an den Start ging. Michael Greis war dies zuletzt vor 15 Jahren gelungen. Nun lassen sich gleich zwei neue Namen eintragen. Rees hatte sich am Samstag die Startnummer auf das gelbe Leibchen bügeln lassen, bei der Verfolgung der Männer am Sonntagnachmittag ging dann Nawrath als Gesamtführender an den Start und verteidigte - mit Podestrang zwei hinter dem Schweden Samuelsson - das gelbe Trikot.

Die offensichtliche deutsche Formstärke ließ sich am Sonntag abermals bei den Frauen beobachten. Franziska Preuß, Vierte beim Sprint am Freitag, gelang im Verfolgungsrennen nicht nur eine fast fehlerlose Schießleistung - auch in der Loipe hielt sie mit den Besten mit und sicherte sich am Ende Rang zwei hinter der Französin Lou Jeanmonnot, die im Zielsprint eine halbe Skilänge schneller war. Preuß' Teamkollegin Vanessa Voigt, Fünfte zuvor im Sprint, leistete sich in der Verfolgung ebenfalls einen Schießfehler und kam als Dritte ins Ziel.

Es war wie ein schwedisches Déjà-vu für Preuß und Voigt, die auch im Einzelrennen am ersten Wochenende Rang zwei und drei belegt hatten. Janina Hettich verbesserte sich von Rang 19 auf Rang 13 und erfüllte damit eine Teilnorm für den Einsatz bei der Biathlon-WM im tschechischen Nové Město na Moravě. Preuß indes darf zur zweiten Weltcup-Station nach Hochfilzen auch das für sie ungewohnte Kleidungsstück mitnehmen, das die Deutschen dieser Tage fast schon routiniert anlegen: das Trikot der Gesamtführenden.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusBiathlon
:"Es ist eine neue Wissenschaft geworden"

Die deutschen Biathleten sind überraschend stark in die Saison gestartet. Ein Grund: die Wachskünste von Chefpräparator Sebastian Hopf, der seit Kurzem auf seinen wichtigsten Stoff verzichten muss. Einblicke in eine ganz eigene Welt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: