bedeckt München -2°

Mesut Özil bei Arsenal:Löw wurde von seinem Lieblingsschüler enttäuscht

Im Laufe der vielen Jahre, die er für die Nationalmannschaft spielte, ist er nicht unbedingt durch Kenntnisse der Weltpolitik aufgefallen, erst recht nicht durch kampflustiges, herausforderndes Verhalten oder gar durch Tücke und Arglist. Bis auf den heutigen Tag, sagt ein langjähriger DFB-Mitarbeiter, werde man rund um die Nationalmannschaft "niemanden finden, der etwas Schlechtes über ihn sagt". Was auch immer noch für den Bundestrainer gilt, obwohl er, Stichwort Loyalität, von seinem Lieblingsschüler enttäuscht wurde. Der samtpfötige Spieler Özil ließ einiges von der sanften Natur erkennen, die dem Menschen Özil zu eigen war. Auch das Langmütige, Lethargische und Unbedarfte, das seine sportlichen Kritiker immer beschäftigt hatte, gehört dazu. "Er war freundlich zu jedem, aber er lebte immer ein wenig in der Mesut-Welt", sagt der Mann vom DFB.

Als durch die Veröffentlichung des Fotos, das ihn und Ilkay Gündogan an der Seite des türkischen Staatschefs Erdoğan zeigte, die Geschichte der Entzweiung vom DFB begann, erfasste Özil als einer der Letzten die Brisanz des Themas.

Lange her: Der Schalker Mesut Özil, damals 18 Jahre jung, im Mai 2007 in einem Revierderby gegen Borussia Dortmund. Sein Gegenspieler damals: ein gewisser Florian Kringe.

(Foto: ActionPictures / Imago)

Andererseits gab es das immer wieder, dass sich, wie im Sommer 2018 und jetzt in London, seine Sympathisanten fragten: Wie konnte das passieren? Wie konnte es so weit kommen? Wer steckt dahinter?

Schon mit seinem Heimatklub ging er damals im Dissens auseinander. Als Manager Andreas Müller im Sommer 2007 dafür sorgte, dass Ivan Rakitic vom FC Basel zum FC Schalke kam - nicht zu Unrecht, wie man Rakitics Werdegang entnehmen kann -, witterte Özils Vater Mustafa Verrat. Er fand, dass die Nummer 10, die der abgewanderte Regisseur Lincoln freigemacht hatte, unbedingt und ganz allein seinem Sohn zustünde. Am Ende des zähen Disputs erhoben Özil senior und der von ihm bestellte Berater böse Vorwürfe gegen Mitspieler und Klubleitung, und am 15. Dezember 2007 machte Özil junior, an Rakitics Seite, beim 2:1 gegen Nürnberg das letzte Spiel für Schalke; dann verkaufte ihn Müller unter Bedauern an Werder Bremen. Er hätte das Supertalent gern behalten, aber das Verhältnis zu dessen Vertretern ließ das kaum zu.

Ein Transfer, den weder Özil noch Mourinho oder Ronaldo wollten

Mustafa Özil wollte immer das Beste für seinen Sohn, darin bestand manchmal das Problem. Als Mesut Özil unter der Regie von José Mourinho bei Real Madrid spielte, entwickelte sich durch das Zutun des Vaters ein Konflikt, an dessen Schluss der Verkauf des Mittelfeldlenkers zum FC Arsenal stand - ein Transfer, den im Grunde keiner wollte. Weder Özil selbst, der sich in Madrid wohlfühlte und dort lernte, das gute Leben zu genießen, noch Mourinho oder Cristiano Ronaldo. Auch der große Superstar wusste Özils Vorlagendienste zu schätzen, auch er erkannte, was die Spieler der DFB-Elf längst wussten: Özil besaß die Gabe, die Mitspieler besser zu machen oder zumindest besser aussehen zu lassen.

Özil, sagte der Bundestrainer Löw, sei "der einzige Spieler, der auch hinten Augen hat". Selbst der späte, schon etwas mürrische Michael Ballack erkannte das und förderte den jungen Mitspieler.

Die Vertreibung aus Madrid erfolgte, wie ein Vertrauter erzählt, weil Vater Mustafa Özil sich beim Klub darüber beschwerte, dass sein Sohn keine Freistöße schießen dürfe. Angeblich blieben die Freistöße Cristiano Ronaldo vorbehalten, da dieser einen Sondervertrag mit einem Sportkonzern unterhielt, der für 30 Ronaldo-Treffer eine Sonderprämie bezahlen würde. Nach den Protesten ordnete der stolze Klubchef Florentino Perez, so geht die Geschichte weiter, Özils Verkauf an.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema