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Mesut Özil bei Arsenal:Spitzenspieler ohne Mannschaft

January 21, 2020, London, United Kingdom: Mesut Ozil of Arsenal during the Premier League match between Chelsea and Ars

Zehnerdämmerung? Mesut Özil ist beim FC Arsenal vermutlich endgültig vom Rampenlicht in den Schatten gewechselt.

(Foto: Richard Calver/imago)

Seit der FC Arsenal ihn aus der Kaderliste gestrichen hat, ist Mesut Özil ein Fußballer, der nicht mehr Fußball spielt. Mehr denn je ist es ein Rätsel, was er denkt und wer ihn lenkt.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Mesut Özil hat in seinen Vereinen etliche Derbys gespielt, mit dem FC Arsenal gegen Tottenham, mit Real Madrid gegen Atlético, mit Werder Bremen gegen den Hamburger SV und viele mehr. Das folgenschwerste war wahrscheinlich jenes vom 12. Mai 2007. Schiedsrichter war Herbert Fandel, der gegnerische Trainer hieß Thomas Doll, außerdem wirkten auf der anderen Seite Marc-André Kruska, Markus Brzenska sowie der ehrenwerte, aber zweifellos schon angejahrte Haudegen Christian Wörns mit. Özil war gerade volljährig und schickte sich an, in seiner ersten Saison in einem Profiteam deutscher Meister zu werden. Es kam anders.

Für seinen Klub wurde es wieder mal ein tragischer Nachmittag, unter anderem deshalb, weil Christoph Metzelder den vermutlich einzigen Flankenlauf seiner Profikarriere mit einer Vorlage krönte, die Ebi Smolarek mit dem finalen Treffer vollendete. So gewann Borussia Dortmund am 33. Spieltag 2:0 gegen den Tabellenführer Schalke 04 und verhalf damit dem VfB Stuttgart zur Meisterschaft.

Niemand weiß, wie sich die Weltgeschichte entwickelt hätte, wenn damals der Favorit den Außenseiter besiegt hätte, aber so, wie es jetzt aussieht, teilen Özil und Schalke 13 Jahre später wieder ein gemeinsames Schicksal. Der geniale Spielmacher und der Klub aus seiner Heimatstadt zählen zurzeit zu den großen Verlierern im Fußball der Gegenwart.

Özil klagt über mangelnde Loyalität

Während Schalke 04 am Samstagabend beim 0:3 im Revierderby beim BVB wieder einmal gezeigt hat, dass es das zentrale Thema des Spitzensports verlernt hat, das Gewinnen, musste Özil zu Beginn der Woche erfahren, dass er nun ein Spitzenspieler ohne Mannschaft ist. Sein Klub, der FC Arsenal, ließ ihn im Zuge eines Verwaltungsakts wissen, dass er für ihn keine Verwendung sieht. Als die Londoner den Kader für die laufende Premier-League-Saison nominierten, verzichteten sie darauf, Mesut Özil für einen der 25 Plätze zu melden.

Der Betroffene äußerte Enttäuschung und klagte über mangelnde Loyalität, sein Trainer Mikel Arteta hingegen verwahrte sich gegen Mutmaßungen, die Entscheidung habe keine sportlichen, sondern von den Klubautoritäten auferlegte innenpolitische Gründe. Der Beschluss sei eine Sache des Fußballs, sagte der Coach, wenngleich er das Votum gegen den 32 Jahre alten deutschen Weltmeister als persönliche Niederlage betrachte. Özil habe eine "sehr faire Chance" erhalten, doch ohne absehbaren Nutzen. Arteta übernahm die Verantwortung: "Ich habe als Trainer versagt."

Trotz dieser Beteuerungen vertreten Beobachter des englischen Profifußballs den Verdacht, der kalte Ausschluss sei das Resultat einer Auseinandersetzung zwischen Spieler und Klub: Nachdem Özil Ende vorigen Jahres durch ein Statement zugunsten des in China unterdrückten Volks der Uiguren den Geschäftsgang des Vereins irritiert hatte - Arsenal verdient in China gutes Geld -, setzte er im Frühjahr die Konfrontation fort mit der Weigerung, sich am Gehaltsverzicht zu beteiligen. Als er neulich anbot, den aus Kostengründen gekündigten Mitarbeiter zu bezahlen, der seit Jahren das Klubmaskottchen Gunnersaurus verkörpert, durfte das die Klubführung als Provokation verstehen.

Nach seiner Ausbootung teilte Özil nun mit, er werde nicht nur weiterhin fleißig trainieren, sondern auch, "wo immer möglich, meine Stimme gegen Unmenschlichkeit und für Gerechtigkeit einsetzen".

Die Frage ist, wie weit Özils geschliffene und manchmal sehr pathetischen Stellungnahmen eigener Wortwahl entstammen, und wie weit sein Handeln auf eigener Überzeugung und Initiative beruht. Oder ob andere ihn lenken, und er es leider mit sich geschehen lässt.

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