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Reisepionier John Wesley Powell:"Wie wir durchgekommen sind, werden wir wohl nie erfahren"

Grand Canyon John Wesley Powell

John Wesley Powell (re.) zusammen mit Tau-Gu, dem Häuptling der Paiute-Indianer: Der Geologe und Entdecker begegnete den nordamerikanischen Ureinwohnern mit Respekt und lernte einige ihrer Sprachen.

(Foto: Hillers; NPS/CC-BY-2.0)

Noch vor 150 Jahren war der Grand Canyon ein weißer Fleck auf der Landkarte. Bis der einarmige Bürgerkriegsveteran John Wesley Powell das Abenteuer der Erkundung wagte.

Versucht hatten es andere schon. Aber diese Schlucht, vom Fluss Colorado mehr als einen Kilometer tief in das ausgedehnte felsige Plateau im Südwesten der USA eingekerbt, war ein harter Brocken, in jeder Hinsicht. "Wertloses Land", urteilte 1858 der Soldat und Botaniker John Christmas Ives, der mit einem eigens konstruierten Dampfschiff versucht hatte, den noch namenlosen Canyon zu erkunden. Flussaufwärts näherte er sich an, gab aber schnell auf. Unpassierbar seien die Stromschnellen, seine Expedition werde die erste und letzte an diesen "nutzlosen Ort" sein. Er sollte sich täuschen.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Denn einen anderen ehemaligen Bürgerkriegssoldaten ließ dieser weiße Fleck auf der Landkarte der jungen Vereinigten Staaten von Amerika nicht los. Es war die Zeit, als europäischstämmige Pioniere im 19. Jahrhundert den noch unerschlossenen Westen nicht nur erkundeten, sondern auch für sich in Besitz nahmen, meist ohne Rücksicht auf die indianischen Ureinwohner, die auf den Plateaus und in den Canyons seit vielen Hundert Jahren jagten oder Ackerbau betrieben. Karten der Region waren ein kostbares Gut. Doch das trockene Colorado-Plateau mit diesem mehr als 400 Kilometer langen Einschnitt, an dessen Grund ein wilder Fluss schäumte, war noch nicht vermessen. Zu wild, zu unzugänglich.

Der Mann, der es dann doch versuchte, muss schon immer ein neugieriger Typ gewesen sein. John Wesley Powell, geboren 1834 im Staat New York, wuchs in Ohio und Wisconsin auf, wo seine Eltern Farmen bewirtschafteten. Er verschlang Bücher über Botanik und Geologie, ging als Student monatelang auf Erkundungstouren, wanderte durch Wisconsin, unternahm Fluss-Expeditionen auf dem Mississippi und dem Ohio River. Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte er in der Unionsarmee. 1862, in der Schlacht von Shiloh, verletzte ihn eine Kugel so schwer, dass der rechte Arm amputiert werden musste. Zeitlebens sollte er Schmerzen im Stumpf haben - und trotzdem wagte er sein bislang größtes Abenteuer, die Expedition auf dem Colorado River.

100 Jahre Nationalpark

Historische Bilder aus dem Grand Canyon

Es ist ein bunt zusammengewürfeltes Team von neun Männern, mit dem Powell das Abenteuer wagen will, das er mangels staatlichem Auftrag weitgehend selbst finanziert. Sein Bruder ist dabei, ein Pelzhändler und zwei Trapper, die sich in der Region auskennen, zwei ehemalige Soldaten, ein Verleger, ein junger Schotte und ein Engländer, der zufällig am Startort ist und sich spontan der Expedition anschließt. "Gentleman-Abenteurer" nennt Powell ihn in seinem Expeditionsbericht.

Ausgangpunkt ist am 24. Mai 1869 Green River, ein Ort in Wyoming, am gleichnamigen Fluss gelegen, dem größten Nebenarm des Colorado Rivers, vom Grand Canyon noch fast 1000 Kilometer entfernt. Proviant für zehn Monate wird auf vier flache Holzboote verteilt, außerdem warme Kleidung, Fallen für die Jagd, Werkzeug für den Hüttenbau, für die wissenschaftliche Arbeit Sextanten, Chronometer, Barometer und Kompasse. Powell will die Schlucht nicht nur durchfahren, sondern wissenschaftlich vermessen.

Die Fahrt mit den schwer beladenen Booten beginnt - und "schon anderthalb Kilometer stromab von Green River laufen wir auf einer Sandbank auf". Ein Ruder zerbricht, ein weiteres geht verloren, es werden nicht die einzigen Verluste auf der Reise bleiben.