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Unglaubliche Teppiche in Großbritannien:Blumenmuster im Geometriegewitter

Kilometerweise verlegte Hässlichkeit: Die Briten lieben Teppiche, bei deren Betrachtung die Augen wund werden. Im Hotel, im Badezimmer, überall. Unser London-Korrespondent weiß, warum.

Von Alexander Menden und Alessandra Schellnegger (Fotos)

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Quelle: Alessandra Schellnegger

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Wer deutsche Verhältnisse gewohnt ist, sollte sich, bevor er bei einem Besuch in Großbritannien das Badezimmer benutzt, auf einige landesübliche Besonderheiten gefasst machen. Viele Duschen sind aufgrund des mangelnden Wasserdrucks eher plätschernde Rinnsale. Auch normale Steckdosen sucht man vergeblich - außer den 110-Volt-Steckdosen für den Elektrorasierer. Ihre Installation in Badezimmern ist wegen zu großer Nähe zu fließendem Wasser verboten. Für jemanden, der gekachelte Nasszellen gewohnt ist, dürfte das Seltsamste aber die Gewohnheit der Briten sein, ihre Badezimmer mit Teppichboden auszulegen.

Text: Alexander Menden, London

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Weder Angst vor Pilzsporen noch die Aussicht, morgens beim Zähneputzen auf feuchten Kunstfasern herumzulaufen, würde die Besitzer dieser Badezimmer je dazu bewegen, ihren schönen Teppichboden gegen irgendetwas Abwaschbares auszutauschen.

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Tatsächlich ist ein lückenloser Teppichboden-Belag in der gesamten Wohnung das untrüglichste Zeichen dafür, dass man sich in einem traditionellen britischen Haushalt befindet.

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Natürlich: Linoleum ist weit verbreitet. Und wer, speziell in London, hip sein will, entschließt sich womöglich für einen abgeschliffenen Holzbohlenboden, wie er es in irgendeiner Altbauwohnung in Berlin-Mitte gesehen hat.

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Doch für solchen kontinentaleuropäischen Schnickschnack wird sich ein Großteil der Briten nie erwärmen können (es sei denn, sie ziehen im Rentenalter in ein voll verkacheltes Haus an der Costa del Sol).

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Rein praktisch betrachtet geht es natürlich zunächst genau darum, um Wärme: Britische Alt- wie Neubauten zeichnen sich in vielen Fällen durch eine extrem gute Luftzirkulation aus. Aus kontinentaleuropäischer Sicht könnte man sie unter Umständen auch zugig nennen. Jedenfalls ist der Wind, der durch Schiebefenster und unter Türen hindurch streicht, auf einem unisolierten Boden unangenehm spürbar.

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Teppichboden behebt zwar nicht das Grundproblem, lindert aber die Symptome - eine Strategie, mit der die Briten übrigens an so ziemlich jedes bauliche Problem herangehen. Doch das allein erklärt natürlich noch nicht das Image von Teppichböden als Inbegriff luxuriöser Gemütlichkeit.

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Tatsächlich gibt es keine wirklich befriedigende Erklärung für diese insulare Präferenz. Tatsache ist, dass auch in öffentlichen Gebäuden, ganz gleich ob in Flughäfen, Ministerien oder Kinos, Teppichböden weiterhin der Bodenbelag der Wahl sind.

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Alle Versuche, das zu ändern, sind fehlgeschlagen. Als beispielsweise vor 15 Jahren eine Studie der Universität Southampton ergab, dass in jedem Quadratmeter Teppich zirka 100 000 Staubmilben nisten, schlug eine Gruppe besorgter Eltern asthmakranker Kinder vor, die Teppichböden in Klassenzimmern zu entfernen. Dieses Ansinnen wurde von den Schulen rundheraus abgelehnt, mit dem Hinweis, der Teppich dämpfe den Klassenlärm und trage zu einer "zivilisierten" Lernatmosphäre bei.

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Ebenso erstaunlich wie das britische Festhalten an diesem eher schwer zu reinigenden Bodenbelag sind allerdings die Muster, in denen er meist daherkommt. In Flughafen- und Hotelkorridoren liegt kilometerweise kaleidoskopische Hässlichkeit ausgerollt, bei deren Betrachtung die Augen wund zu werden drohen.

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Dies kann man, ähnlich wie bei den legendär scheußlichen Mustern der Sitzbezüge in öffentlichen Verkehrsmitteln, noch damit begründen, dass es Flecken kaschiert und den Reisenden ermuntert, an Orten des Übergangs nicht länger als nötig zu verweilen.

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In Privatwohnungen greift diese Erklärung allerdings nicht. Die verschlungenen Blumenmuster und gewebten Geometriegewitter, die dort über alle Zimmerböden zucken, sind ja von den Besitzern persönlich als ständiges optisches Hintergrundrauschen ausgewählt worden.

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Quelle: Alessandra Schellnegger

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Dem Reisenden, der voller Verwunderung auf all die Girlanden, Schottenmuster und verwegenen Farbkombinationen starrt und sich wundert, warum man sich so etwas freiwillig antut, kann man nur jene Antwort anbieten, die auf die Frage nach so ziemlich jeder Inkommensurabilität des britischen Alltags passt: Das ist hier Tradition.

Nur britische Teppiche sind schlimm? Von wegen. Wer noch nicht genug gesehen hat, kann hier die wunderbare Welt der internationalen Flughafenböden erkunden - die manchmal nicht weniger geliebt werden.

© SZ vom 05.02.2015/ihe
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