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Figln in Österreich:Wer hier zu Fuß geht, ist selbst schuld

Figln Skifahren Firn Firngleiter

Auf der Birkkarspitze, dem höchsten aller Karwendelgipfel, sind die Verhältnisse gerade optimal zum Figln.

(Foto: Bene Höflinger)

Im Tal ist es heiß, so heiß - trotzdem liegt weit oben in den Bergen in diesem Jahr noch zu viel Schnee zum Wandern. Optimal für eine vergessene Sportart: die Abfahrt mit dem Firngleiter.

Nun geht es also hinab, 1700 Höhenmeter insgesamt. Vorerst zählt aber nur dieser eine erste Steilhang unterhalb der Birkkarspitze, 40 Grad Neigung, mindestens, so mehr oder weniger. An den Füßen nur Skischuhe und zwei kurze Latten, nicht länger als ein Skateboard. Bene Höflinger, den kein Mensch bei seinem Ausweisnamen Benedikt nennt, sagt: "Schmeißen darf's dich nicht, sonst kann's sein, dass du über die Felsen fliegst."

Diese Tour ist seine Idee gewesen. "Eine super Gschicht", behauptete er.

Es ist ein sonniger Wochentag Mitte Juni; in den sonst von Berggängern gefluteten Karwendeltälern herrscht tatsächlich noch das, was man auch als Freizeitmisanthrop guten Gewissens als Ruhe bezeichnen kann. Die Auffahrt mit dem Mountainbike über 800 Höhenmeter von Scharnitz aus führt zurück in den Frühlingsanfang; unterhalb des Karwendelhauses blühen Krokusse. Im Schlauchkar, jenem trogartigen Berghang auf dem Weg zur Birkkarspitze, liegt dagegen noch zu viel Schnee, um den höchsten aller Karwendelgipfel zu erwandern, und nicht mehr genug davon, um ihn durchgehend mit Skiern zu besteigen. "Übergangszeit", nennen das manche. Höflinger aber meint: "Zum Figln könnten die Verhältnisse nicht besser sein."

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Figln kommt von Figl, der Kurzform von Firngleiter. Dabei handelt es sich um einen etwas kurz geratenen Verwandten des Tourenskis, nur etwas mehr als einen halben Meter lang, im Grunde ein abgesägter Ski. Er lässt den Fahrer zwar nicht ganz so anmutig wirken, eignet sich dafür aber perfekt für sulzigen Untergrund und lässt sich locker und leicht auf den Rucksack schnallen. Erfunden haben soll die Figl der Innsbrucker Emo Heinrich kurz nach dem Weltkrieg, um nach dem Klettern bei frühlingshaften Bedingungen schneller wieder durch die Schneerinnen ins Tal zu rutschen. Und wie das in der Evolution der Sportgeräte oftmals läuft, existieren heute diverse Subspezies wie etwa die Snowblades, das Lieblingsfirngerät von Höflinger. "Wiegen so gut wie nichts und sind leichter zu fahren", sagt er. Er selbst braucht ansonsten nichts anderes als ein Paar steigeisenfeste Bergstiefel. Denn auch wenn er das nicht so sagt: Mit Skischuhen und Skistöcken figln nur Weicheier. Oder Touristen.

"Das ganze Jahr lang figln"

Höflinger ist in Reit im Winkl aufgewachsen, also kein Weichei. Er war auf Bergen, die sind dreimal so hoch wie die Birkkarspitze. Im vergangenen Jahr ist er mit seinem Bruder auf den Pik Lenin gestiegen, einen 7134 Meter messenden Koloss an der Grenze von Tadschikistan und Kirgisistan, also einer Gegend, die in der geografischen Vorstellungswelt vieler Menschen meist nur noch als riesige Leere existiert. Über den Pik Lenin sagt Höflinger, er sei zwar schon hoch, aber "technisch total easy. Also haben wir unsere Figl für die Abfahrt mitgenommen". Es sei eine gute Entscheidung gewesen.

Schon wenige Höhenmeter oberhalb des Karwendelhauses beginnt das Stapfen im Schnee. Bene Höflinger steigt voran, zügig, aber nie hektisch. Jenes Kar, durch das im Hochsommer Karawanen ambitionierter Wanderer über eintönige Schotterfelder gen Gipfel marschieren, präsentiert sich als große, weiße Fläche; so einsam, wie man sich sonst nur Gebirge in Kirgisistan oder Tadschikistan vorstellt. Halt, weit oben hasten noch zwei Skitourengeher als kleine dunkle Punkte aufwärts, in einem unglaublichen, beneidenswerten Tempo. Einer der beiden Punkte wird sich auf der Abfahrt als Peter Schlickenrieder entpuppen. Schlickenrieder hat mal eine Silbermedaille im Skilanglauf bei Olympia gewonnen; der darf ruhig so schnell sein. Er sagt: "Unser Saisonabschluss-Berg." Höflinger sagt: "Die Saison geht erst richtig los. Ich glaube, dass man heuer noch das ganze Jahr über figln kann."

Denn der vergangene Winter hat dermaßen viel Schnee in die Rinnen und Kare der Nordalpen geladen wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Etliche Hütten des Alpenraums haben ihren Start verschieben müssen, auf manch einer Passstraße fährt man noch heute an meterhohen Schneewänden vorbei. Vor allem nördlich ausgerichtete Kare in engen Tälern, von denen es im Karwendel einige gibt, wirken da selbst während Hitzeperioden wie Kühlschränke. Jemand wie der ehemalige Freeride-Profi Höflinger empfindet einen solchen Winter als ein wahres Fest, bis heute. Und am liebsten würde er sehen, wie dieser Frühsommer einer fast schon vergessenen Sportart ein Revival beschert. "Das Figln ist doch eine super Möglichkeit, schneller ins Tal zu kommen." Bei der Abfahrt vom Pik Lenin zum Beispiel hätten sie dank der Figl das höchste und härteste Hochlager auf mehr als 6000 Metern einfach ausgelassen. Viele der anderen Bergsteiger hätten ein wenig komisch geglotzt, "weiß ja kaum einer mehr, was Figl sind".

Klar, zwei Bergreihen weiter, im Revier der Innsbrucker Nordkettenbahnen, wäre ihm das nicht passiert. Dort hat der Firnsport seit einiger Zeit den Sprung zum Frühjahrs-Event geschafft, bei dem Einheimische wie Gäste durch tiefe Schneefurchen figln. Laut dem Marketing-Manager der Nordkettenbahn sind die 80 Paar Leihfigl an der Seegrube regelmäßig vergriffen, und seit heuer darf sogar den gesamten Sommer über gefiglt werden. Zuvor war dies aus Sicherheitsgründen nur für wenige Wochen im April und Mai erlaubt.

Bene Höflinger, der selbst zehn Jahre in Innsbruck gelebt hat und keine Figl-Minute missen möchte, weiß, dass die Sause nicht nur der eigenen Laune, sondern auch dem Image der Stadt guttut. "Aber es ist eigentlich nicht das Richtige." Höflinger weiß eben auch noch, wie das in seiner Kindheit war, in den nicht allzu fernen Neunzigerjahren. Häufig ist er damals mit seinem Bruder und Vater auf den Schneeresten im Wilden Kaiser herumgerutscht, "so hat der uns dazu gebracht, wandern zu gehen". Selten waren sie dabei alleine. 2001 wurde er am Griesner Kar im Alter von 13 Jahren sogar offizieller Figl-Champion der Alpenvereins-Sektion Reit im Winkl-Kössen. "Das hieß wirklich so: Figl-Champion." Er glaubt nicht, dass der Wettbewerb danach noch einmal ausgetragen wurde. Bene Höflinger, 32 Jahre und schon einer der Letzten seiner Art. Von der kleinen Birkkarhütte auf 2645 Metern am Schlauchkarsattel ist es nur noch eine kurze Felskletterei entlang mancher Stahlsicherungen zum Gipfel. Um den Notunterstand herum tost der Wind, drinnen hängen ein erstaunlich neumodisch wirkender Schlafsack und eine gar nicht so uralte Gitarre, damit auch niemandem kalt oder gar langweilig wird. Eine letzte Melodie, dann wird gefiglt.

Der steilste Abschnitt ist schnell gemeistert; die Angst beflügelt den eilenden Fuß, so etwas in der Art hat jedenfalls der Schiller mal geschrieben. Aber es ist eine super Gschicht, in der Tat. Der zu Firn geheizte Schnee schmiert hinweg unter den Figln, die vielleicht doch Snowblades heißen; bald schon beflügelt der Übermut. Keine zwei Stunden dauert die gesamte Abfahrt, über 1700 Höhenmeter und 22 Kilometer, durch Winter und Frühling, auf Figln, mit dem Fahrrad, dazwischen kurz zu Fuß, eine Art knieschonender Karwendel-Triathlon. Immer zügig, nie hektisch. Wer hier nur in Wanderschuhen herunterhatscht, ist selbst schuld.

Unten im Tal hat es 28 Grad Celsius; die Menschen am Wanderparkplatz von Scharnitz laden gerade ihr Kajak aufs Autodach. Man könnte glatt meinen, der Sommer ist in den Bergen angekommen.

Reiseinformationen

Anfahrt: Mit dem Zug von München direkt in zwei Stunden nach Scharnitz. Vom Bahnhof bis zum Ausgangspunkt am "Parkplatz Karwendeltäler" sind es mit dem Fahrrad nur wenige Minuten.

Die Tour: Von Scharnitz (970 m) bis zum Gipfel der Birkkarspitze (2749 m) sind es rund 1800, bis zum Birkkarbiwak 1700 Höhenmeter. Die 18 Kilometer bis zum Karwendelhaus (1771 m) am besten mit dem Mountainbike fahren. Der anschließende Anstieg gilt selbst im Hochsommer als schwere Bergwanderung, bei Schnee herrscht im oberen Bereich des Schlauchkars Absturzgefahr; evtl. Steigeisen mitnehmen.

Übernachtung: Karwendelhaus, Übernachtung ab 23 Euro, für AV-Mitglieder ab zwölf Euro, Telefon: 0043/720/983554, www.karwendelhaus.com

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