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Tourismus im Nahen Osten:Stille Zeiten in Israel

Eine muslimische Familie fotografiert sich vor dem Felsendom auf dem Tempelberg.

Bis jetzt gibt es in Israel nur einheimische Touristen. Hier fotografiert sich eine muslimische Familie vor dem Felsendom auf dem Tempelberg.

(Foto: Ammar Awad/Reuters)

Kaum ein Tourist besucht Jerusalem oder Bethlehem, nach wie vor gilt ein Einreiseverbot. Auch für den Sommer sieht es schlecht aus.

Der Gesang der sechs Franziskaner schwillt immer mehr an und dringt aus der Kapelle in die Weite der verzweigten Grabeskirche in Jerusalem. Ein Mann mit wirrem Haar und Jesusbart, der nur mit einem Jutesack bekleidet ist, eilt barfuß über den Marmorboden und schließt sich der Gruppe an. Vor dem Eingang zum überdachten Grab unter der Rotunde haben drei Priester der armenisch-apostolischen Kirche ein Pult aufgestellt; sie rezitieren halblaut aus dem Buch, das vor ihnen liegt. Auf der anderen Seite, vor dem Ausgang, stehen zwei Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche, tratschen und lachen zwischendurch. Der Weihrauch wabert aus der Kapelle der Franziskaner, Töne und Wortfetzen mischen sich.

Normalerweise gibt es an einem Wochenende wie diesem ein Grundrauschen der Menschenmassen, die sich durch die Kirche drängen. Die Schlange von Besuchern windet sich oft mehrmals um das Heilige Grab, den überlieferten Ort der Bestattung Jesu. Auch rings um den abgewetzten Stein beim Eingang der Kirche, wo Jesu Leichnam gelegen haben soll und den Pilger berühren oder gar küssen, herrscht üblicherweise reger Andrang.

Seit dem Ausbruch des Coronavirus ist die Grabeskirche - sonst eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Jerusalems - das, was sie normalerweise nie ist: ein Ort der Stille und Besinnung. Wegen der Pandemie musste auch das wichtigste Heiligtum des Christentums seine Pforten im März schließen - was letztmalig 1350 im Jahr der Pest der Fall war. Seit vier Wochen ist die Kirche wieder zugänglich. Vor allem Ordensleute sind nun dort zu sehen.

Nonnen in der Grabeskirche in der Altstadt von Jerusalem

Vor allem Ordensleute wie diese Nonnen sind momentan in der Grabeskirche in Jerusalems Altstadt zu sehen. Normalerweise drängen sich dort die Menschen.

(Foto: Mahmoud Illean/dpa)

Noch einsamer ist es in der elf Kilometer Luftlinie entfernt liegenden Stadt Bethlehem. Kein einziger Mensch ist in der Geburtskirche Jesu, der Platz davor ist leer. Dafür ist am Checkpoint umso mehr los. Drängen sich sonst schon mehrere Taxifahrer um jeden einzelnen Touristen, der zu Fuß die Absperrung zwischen Israel und dem Westjordanland überquert, sind es nun mehrere Dutzend, die um den Fahrgast buhlen. Drei Monate lang habe er nun schon keine einzige Tour gehabt und damit kein Einkommen, erzählt der Fahrer.

Das im März 2017 in Bethlehem eröffnete Hotel Walled Off des Street-Art-Künstlers Banksy, der die Mauer nebenan mit seinen Kunstwerken versehen hat, ist verrammelt. Der Wächter davor weiß nicht, wann wieder geöffnet wird. Auf der Homepage heißt es, das Hotel bleibe "auf unbestimmte Zeit geschlossen". Sogar das legendäre King David Hotel in Jerusalem, in dem alle Staatsgäste absteigen, ist zumindest bis 1. Juli zu, das American Colony, das Luxushotel im Ostteil der Stadt, hat sogar bis September seinen Betrieb eingestellt.

Die Coronakrise hat die israelische Tourismusindustrie hart getroffen, die in den vergangenen Jahren von Rekord zu Rekord geeilt ist. Israel war eines der ersten Länder außerhalb Südostasiens, das Anfang März wegen des Coronavirus die Grenzen für Ausländer dichtgemacht hat. Einreisen dürfen bis jetzt nur Israelis und Ausländer, die ihren Lebensmittelpunkt in dem Land haben - und auch dann nur, wenn von den israelischen Behörden vorab grünes Licht für die Einreise gegeben wird. Damit ist der Tourismus im Heiligen Land komplett zusammengebrochen. Während der wichtigsten Reisezeit rund um Ostern und Pfingsten hatte das Land keine Gäste. Im gesamten Vorjahr war die Zahl der ausländischen Besucher noch um elf Prozent auf 4,55 Millionen gestiegen. Touristen aus Deutschland machten die viertgrößte Gruppe aus hinter den USA, Frankreich und Russland - ein Zuwachs um elf Prozent. In den vergangenen zwei Jahren wurden zahlreiche neue Flugverbindungen zwischen Deutschland und Israel eröffnet.

Hoffnungen der Reisebranche auf eine baldige Öffnung des Landes hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vergangene Woche zunichte gemacht. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis war aus Athen angereist, beide wollten eine bilaterale Vereinbarung für Reiseerleichterungen ihrer Bürger präsentieren, um den Tourismus zwischen den Ländern wieder anzukurbeln: Frühestens am 1. August werde dies möglich sein, sagte Netanjahu. Der zypriotische Präsident Nicos Anastasiades sagte einen für diese Woche geplanten Besuch in Israel wieder ab, nachdem in Israel in den vergangenen drei Wochen ein starker Anstieg an Corona-Neuinfektionen verzeichnet wurde. Zypern strich Israel von der Liste jener Länder, in denen das Infektionsrisiko niedrig ist und es für Einreisende von dort keine Beschränkungen gibt.

Österreich und Deutschland gehören zu rund einem Dutzend Länder, mit denen Israel über bevorzugte Bedingungen zur Einreise verhandelt: Voraussetzung dafür soll ein negativer Coronatest sein. Aber bisher gestalten sich nach Angaben von Verhandlungsteilnehmern die Gespräche zäh.

Vertreter des Tourismussektors in Israel werden immer ungeduldiger, weil damit auch die Buchungen im Sommer gefährdet sind. Mark Feldman, Chef des Reiseveranstalters Ziontours, beklagt sich darüber, dass die Regierung seiner Ansicht nach zu wenig für die Branche tut. "Das ärgert mich sehr als Bürger und als jemand, der in diesem Bereich arbeitet. Wir müssen auf Tests setzen. Das ist die einzige Lösung, wie wir den Tourismus wieder hochfahren können." Er verweist auf das Beispiel Österreich, wo am Flughafen ein Testlabor eingerichtet wurde. Binnen drei, vier Stunden ist die Auswertung da. Bei einem negativen Testergebnis entfällt die erforderliche zweiwöchige Quarantäne für alle, die von einem Staat außerhalb Europas einreisen. Es werden auch Nachweise von einem Test akzeptiert, der maximal vier Tage vor der Einreise gemacht wurde.

Vertreter der Tourismusbranche in Israel fordern seit Wochen die Einrichtung eines solchen Labors am Flughafen Ben Gurion. Die ansonsten zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Menschen volle Ankunftshalle ist fast leer. Dabei ist dieser Flughafen Israels Tor zur Welt: Im Vorjahr wurden 24,8 Millionen Passagiere gezählt. Auch wenn Fluglinien wie Lufthansa wieder Verbindungen von München und Frankfurt nach Israel anbieten, so gibt es in der Regel momentan nicht mehr als ein halbes Dutzend Flüge, die ankommen oder abheben. Die israelische Airline El Al hat den Flugverkehr bis 31. Juli eingestellt. Weil es noch immer keine Einigung mit der Regierung über ein Rettungspaket gibt, ist offen, ob und wann der Betrieb wieder aufgenommen wird.

Der Süden Israels ist über den Flughafen Ramon normalerweise gut zu erreichen. Jetzt bietet die zweitgrößte israelische Fluglinie Israir nur vereinzelt Inlandsflüge an. Dabei hatten nach der Eröffnung des neuen Flughafens im Vorjahr Billigfluglinien wie Wizz Air ein gutes Dutzend Verbindungen nach Deutschland und Österreich im Angebot.

Im rund 20 Kilometer entfernten Eilat herrscht dagegen, wie auch in Tel Aviv, durchaus wieder Partystimmung in den Strandlokalen. Nur israelische Touristen zieht es ans Rote Meer. Einzelne Restaurants wie auch Hotels sind zwar noch geschlossen. Das trägt aber nur dazu bei, dass der Andrang an anderen Orten größer ist. Als Regierungschef Benjamin Netanjahu Mitte Mai eine Lockerung des Ausgangssperre ankündigte, riet er seinen Landsleuten: "Macht einen drauf!" Am Mosh-Strand folgen die Menschen seinem Rat.

Touristen am Strand von Tel Aviv

An den Stränden des Landes - hier in Tel Aviv - trifft man sich wieder. Dort und in Eilat befolgen die Menschen den Rat ihres Ministerpräsidenten: "Macht einen drauf!"

(Foto: Amir Cohen/Reuters)

Gähnende Leere herrscht dagegen an den Badestellen am Toten Meer. Hierhin kommen normalerweise Patienten mit Hautkrankheiten, für die ein Bad im Wasser mit der hohen Salzkonzentration heilsam ist. Oder Besucher, die einen Abstecher aus dem eine Autostunde entfernten Jerusalem machen. Beide Gruppen bleiben seit Beginn der Pandemie aus.

Jerusalem ist das wichtigste Reiseziel der Israel-Besucher, Pilger sind die größte Gruppe. Das Paulushaus in der Jerusalemer Altstadt nahe des Damaskustors ist normalerweise um diese Zeit ausgebucht. Jetzt ist das Haus auf unbestimmte Zeit geschlossen. Hoffnung, dass sich das so rasch ändert, hat Tamara Häußler vom Deutschen Verein vom Heiligen Lande, der die Herberge betreibt, nicht: "Vor allem für Gruppenreisen sieht es schlecht aus." Das österreichische Hospiz an der Via Dolorosa hat seit dem letzten Mai-Wochenende wieder geöffnet. In den vergangenen vier Wochen haben in dem Haus mit 124 Betten insgesamt drei Gäste übernachtet. Sie hatten die Dachterrasse mit dem grandiosen Blick über die Altstadt zum Sonnenuntergang für sich allein.

© SZ vom 25.06.2020/edi
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