Ponte Tower in Johannesburg:"Es gibt immer einen Weg hinaus"

Obwohl viele Straßenzüge inzwischen mit Kameras überwacht werden, gelten große Teile der Innenstadt nach wie vor als nicht sicher - auch für Besucher. Hillbrow, wo der Ponte Tower liegt, gehört dazu. "Ja, es ist gefährlich hier", sagt der temperamentvolle Francois Leya, der als Fünfjähriger mit seiner Mutter aus dem Kongo nach Südafrika kam. Er mahnt, die Handtaschen festzuhalten: "Doch für uns ist es das ganz normale Leben." Die Historikerin Jo Buitendach, die geführte Touren durch das Studentenviertel Braamfontein anbietet, gibt ihm recht: "Joburg hat sicher noch viele Probleme, aber alles ist besser als das Apartheidsystem vorher."

Alles? Bis heute quält Johannesburg eine spezielle südafrikanische Variante von Hausbesetzungen. "Beim Wohnungs-Hijacking nehmen sich Banden leer stehende Gebäude und vermieten sie illegal an Bedürftige", erklärt Francois Leya während der Ponte-Tour seinen Gästen. 120 000 solcher Mietverhältnisse soll es sogar nach offiziellen Angaben des neuen Bürgermeisters Herman Mashaba im Zentrum Johannesburgs noch geben. Auf dem 58-jährigen Unternehmer, der 2016 mit der Oppositionspartei Demokratische Allianz gegen den allmächtigen ANC gewonnen hat, ruhen große Hoffnungen. Er kennt die Probleme seines Ballungsraums mit geschätzt zehn Millionen Einwohnern: "Prozesse gegen Wohnungs-Hijacker" und "Entschädigungen nach Zwangsräumungen" stehen ganz oben auf seiner To-do-Liste.

Wie ganz Johannesburg idealerweise einmal aussehen könnte, erlebt man bereits auf Touren durch Maboneng, ein Vorzeigeviertel am östlichen Rand der Innenstadt. Nach zehn Jahren Pionierarbeit des visionären Privatinvestors Jonathan Liebmann ähnelt der Bezirk mit Wohnungen, Kunst und Geschäften dem Meatpacking Distrikt in New York. Jeden Sonntag wird er zur Partyzone. Der "Living Room", vor fünf Jahren als Hippie-Kneipe auf einer Dachterrasse mit ein paar Topfpflanzen und Hollywoodschaukeln eröffnet, ist dann so voll wie der Ballermann auf Mallorca: "Ich hätte nie gedacht, dass mein Café mal so explodieren würde", sagt der Besitzer Wayne Brodie, ein rothaariger Rasta: "Aber wir sind das neue Südafrika, der erste Platz Johannesburgs mit einem wirklich gemischten Publikum."

Führungen durch das Gebäude sollen Touristen zum Perspektivwechsel anregen

Was schafft Wandel? Was hat ausgerechnet den Ponte-Turm aus den Fängen der Wohnungs-Hijacker befreit? "Eine schwache Regierung" sei das größte Problem, sagt Liebmann, "Privatinitiative ist oft die Lösung." Hoffnung für das gesetzlose Ponte-Terrain keimte erstmals vor der Fußball-WM 2010 auf, als Investoren eine Umwandlung in Eigentumswohnungen versprachen. Der Plan scheiterte. Doch der Besitzer des Hauses, die Kempston Group, übernahm von den Interims-Investoren Danie Celliers und dessen Frau Elma, zwei Hausmanager mit weitreichenden Befugnissen. Sie warfen illegale Mieter aus 484 Apartments heraus, eine Wohnung nach der anderen wurde frei. Mithilfe von Gabelstaplern und eines Fließbandsystems wurde der stinkende Abfallberg aus dem Innenhof geräumt. Zum ersten Mal seit dem Ende der Apartheid wurden für den Ponte wieder legale Mietverträge unterzeichnet.

"Mit unseren Führungen wollen wir auch einen Perspektivwechsel anregen", sagt Nickolaus Bauer, ein gebürtiger Österreicher, der mit Michael Luptak das Hilfsprojekt angestoßen hat. Der Sohn eines österreichischen Vaters und einer weißen sambischen Mutter nannte es "Dlala Nje", "einfach Spielen" auf Zulu. Denn auch ein Jugendzentrum im Parterre des Turms gehört dazu. Ein paar Jungs tollen auf ausrangierten Couchen; ein 13-jähriges Mädchen sitzt vor einem alten Computer, andere spielen Fußball. 800 Kinder leben zurzeit im Ponte Tower. "Vor uns gab es nichts für sie", sagt Bauer.

Dass gerade das verkommenste Gebäude der Stadt zum Symbol eines neuen Aufbruchs wird, macht die Initiatoren von "Dlala Nje" stolz: "Egal, wie schlecht die Situation auch ist, es gibt immer einen Weg hinaus", sagt Leya. Fragt man ihn, wie er denn die Probleme Johannesburgs angehen würde, kommt die Antwort schnell: "Hausbesetzer zu Hausbesitzern machen, mehr bauen." Es braucht neue Lebensmodelle, das sehen inzwischen irgendwie alle in Südafrika ein. Shoppingmalls für Weiße, innerstädtische Ghettos für Schwarze - so kann die Zukunft jedenfalls nicht aussehen. Doch die Rainbow Nation holt auf. Seit Kurzem, merkt Francois Leya an, gebe es sogar die ersten Airbnb-Apartments im früheren Turm des Grauens.

Reiseinformationen

Anreise: Mit South African Airways (SAA) nach Johannesburg, ab 680 Euro hin und zurück, www.flysaa.com

Unterkunft: Boutique-Hotel Hallmark House im gleichnamigen Loft-Tower im Szeneviertel Maboneng, DZ ab 90 Euro, www.hallmarkhouse.co.za; Hostel Curiocity, Bett ab 15 Euro, www.curiocitybackpackers.com

Walking Touren: Durch den Ponte Tower und durch Innenstadtviertel, www.dlalanje.org; Graffiti und Lifestyle, z. B. im Studentenviertel Braamfontein, www.pastexperiences.co.za; Architektur und Wandel mit Städteplaner Gerald Garner, ab 20 Euro, www.joburgplaces.com

Weitere Auskünfte: www.dein-suedafrika.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 01.03.2018/ihe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB