Unesco-Weltnaturerbe Mehr Sex fürs Watt

Frei ab 16: Die Wattwanderungen zum Thema Fortpflanzung sind nicht für Kinder konzipiert.

(Foto: Christian Charisius / dpa)

Die Führungen durch den Nordsee-Schlick widmen sich neuerdings dem Liebesleben von Würmern und Krebsen. Verglichen damit sind die Menschen ganz schöne Langweiler.

Von Dominik Prantl

Da steckt man noch gar nicht sonderlich weit drin im Watt, und schon gibt es für so manchen Besucher den ersten Schlag ins Gesicht, oder besser: unter die Gürtellinie. Die Größe - so hieß es zumindest früher, als Zeitschriften wie Bravo noch als Aufklärungsassistent und Leitmedium für Heranwachsende dienten und nicht irgendwelche Webseiten - die Größe also, die sei überhaupt nicht wichtig, und noch viel weniger entscheidend sei die Länge. Nun stehen da aber Matthias Schulz und Rogers Staves, beide Meister ihre Fachs, und sie behaupten ohne große Umschweife: Länge ist alles beim Männchen!

Das niedersächsische Wattenmeer, spät abends im Mai, der angeblich alles neu macht, aber in dem doch auch das meiste nur nach uralten Mustern läuft. Gerade hat die Ebbe das Wasser aus der Küstenregion gesogen. Matthias Schulz legt kurz die für Wattwanderführer geradezu obligatorische Mistgabel zur Seite, tastet sich durch eine Pfütze und fischt einen Einsiedlerkrebs heraus. Der sitzt - wie üblich etwas stieläugig dreinblickend - in einem alten Schneckenhaus, um seinen empfindlichen Hinterleib zu schützen. Staves, grauweißer Bart, Leiter der Bildungsarbeit im Wattenmeer Besucherzentrum und als Meeresbiologe so eine Art inoffizieller Sprecher des Einsiedlerkrebses, blickt wohlwollend auf das Tier herab. Dann sagt er: "Der mit dem längsten Penis lebt am längsten. Er muss dann das Haus gar nicht verlassen, um das Weibchen zu befruchten."

Wobei selbst der Einsiedlerkrebs im Vergleich zur Seepocke, einem eigentlich ziemlich unauffälligen Gliederfüßer, recht blass aussieht. "Bei der Seepocke muss der Penis bis zur Nachbarin reichen", sagt Staves. Relativ zur Körpergröße gehört er damit zu den Rekordhaltern im Tierreich.

"Liebesrausch im Weltnaturerbe" heißt die neue Tour bei Eckwarderhörne an der Halbinsel Butjadingen, genau dort, wo der Jadebusen in die Nordsee übergeht, und es ist keineswegs die einzige Exkursion, deren Titel an einen zweitklassigen Erotikfilm aus den Achtzigern erinnert. Nur einige Kilometer weiter westlich, gegenüber der Inselkette mit Wangerooge, Langeoog und Baltrum, werden seit kurzem ein "Watt ohne Tabus" oder die "Frühlingsgefühle im Wattenmeer" angepriesen. Offiziell begründen die Regionsvermarkter die Bekenntnis zu mehr Sex im Angebotsspektrum damit, dass sich die Region seit zehn Jahren Unesco-Weltnaturerbe nennen darf und es zum Jubiläum schon etwas Besonderes sein sollte.

Nicht schön, aber wichtig: Ein Wattwurm liegt im Sand vor der Nordseeinsel Föhr.

(Foto: Carsten Rehder/ dpa)

Es lässt sich aber auch als wunderbares Element einer Imagekampagne verstehen, die auf den ersten Blick etwas platte Schlammfläche nun neu als größten Swingerclub der Welt zu interpretieren. Manch nicht ganz so populäres Tier der niedersächsischen Küste kann dadurch von einer anderen, sehr persönlichen Seite vorgestellt werden. Schließlich besitzen die wenigsten Wattbewohner die knuffige Aura einer Kegelrobbe oder die Lobby einer Honigbiene, für deren Rettung sich die Bayern zu einer Rekordbeteiligung bei einem Volksbegehren aufrafften. Oder anders: Der Charme von Wattwurm, Auster und Strandgrundel hält sich bislang doch eher in Grenzen.

Das heißt natürlich nicht, dass die Tiere weniger wichtig wären. Möglicherweise kann die Menschheit sogar eher auf Robben und Siebenschläfer verzichten als etwa auf Wattwürmer, von denen sich bis zu 100 pro Quadratmeter im Watt befinden. Sie machen laut Staves nicht nur rund 70 Prozent der Nahrung für die Schollen aus. "Ohne sie hätten wir viel weniger Sauerstoff im Boden." Außerdem lässt sich von vielen Arten mal wieder einiges lernen, zum Beispiel, dass sich nicht hinter jedem monströsen Antlitz ein grausames Wesen verbirgt. Die durchaus gespenstisch wirkende Strandkrabbe etwa gehört zu den eher konservativen, fast einfühlsamen Typen des Feuchtgebiets. Tatsächlich warten die Männchen sogar geduldig, bis die Frauen ihren Panzer abgelegt und mit Pheromonen Bereitschaft zur Paarung signalisieren. Dann gibt es allerdings kein Halten mehr. Tagelang legt sich das Männchen bei der Paarung auf das frisch geschälte Weibchen. "Dadurch schützt er sie gleichzeitig", sagt Schulz, der Wattführer.

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Für ihn ist das manchmal eher schlüpfrige Terrain ohnehin noch etwas neu und ungewohnt. Denn der im Gezeitenrhythmus entblößte Meeresboden bietet ja durchaus genügend Platz für andere Wanderangebote. Insgesamt erstreckt sich das einzigartige Biotop über drei Staaten und 11 500 Quadratkilometer, alleine der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer umfasst knapp 3500 Quadratkilometer. Auf manchen Touren sagt Schulz in dieser Weite kein einziges Wort, er nennt sie "Sound of Silence". Meistens streicht er aber mit Kindern in größeren Gruppen durchs Watt, sticht Wattwürmer mit der Mistgabel aus und ahmt Fußballspiele mit Mannschaften aus Herzmuscheln nach. Dabei weiß er natürlich genau, wie er die Gehäuse positionieren muss, damit sein Lieblingsteam nicht untergeht - im Wortsinne. Oder er legt Miesmuscheln in trübes Wasser und stellt die Quizfrage, was passiert: Ob die Tiere in ein Glas nebenan springen oder das Wasser reinigen, solche Dinge.

Die Gezeiten, Wind und Wasser haben ihre Spur im Watt hinterlassen. Und natürlich auch die Wattwürmer.

(Foto: Verena Wolff / dpa)

Der Meeresbiologe Staves vom Besucherzentrum Wattenmeer nennt derartige Führungen - ob sie nun direkt übers Watt führen, aufs offene Meer zu den Schweinswalen oder in den Vogelreichtum der Salzwiesen - einen "der wichtigsten Aspekte" seines Jobs. "Wir erreichen die Leute nur, wenn wir sie begeistern." Insofern ist der "Liebesrausch im Weltnaturerbe" da nur die Fortführung der Umweltbildung mit anderen Mitteln. Und obwohl die Führungen zumindest offiziell erst ab 16 Jahren freigegeben sind, dürften auch jüngere Teilnehmer dabei wohl eher keinen bleibenden Schaden davontragen. Denn die expliziten Szenen laufen eher theoretisch ab. Viel zu sehen gibt es meistens nicht, weder vom ungewohnt langen Reproduktionsschlauch der Seepocke noch vom Liebesakt der Strandkrabbe.

Auch ohne Anschauungsunterricht stellt sich jedoch ziemlich bald die Erkenntnis ein, dass wir Menschen mit unserem meist bipolaren Geschlechtermodell doch eine ziemlich festgefahrene Spezies bei der Fortpflanzung sind. So wird die Pantoffelschnecke als Männchen geboren, wechselt das Geschlecht, sobald sie sich auf einem Weibchen verankert und dieses befruchtet hat - und dient auf diesem fortan dem nächsten Männchen als Partnerin. Dadurch können regelrechte Türme aus mehreren Schnecken entstehen. Der Seeringelwurm stirbt dagegen nach der Fortpflanzung, egal ob Männchen oder Weibchen. Das erste Mal und dann nie wieder. Bei der Wellhornschnecke ufern die Liebesdramen inzwischen zum Artensterben aus. Weil Chemikalien von Bootsanstrichen bei den von Natur aus unterrepräsentierten Weibchen zur Bildung männlicher Geschlechtsorgane führen, stürzen sich die vielen Single-Männer regelrecht auf die letzten verbliebenen Weibchen - und zerquetschen diese.

Für den Besucher bleibt statt maritimer Wollust am Ende daher eher das Gefühl, es trotz allem vielleicht auch als Langweiler ganz gut zu haben.

Reiseinformationen

Anreise: Das zentral gelegene Wilhelmshaven ist gut per Zug erreichbar, z. B. ab München in siebeneinhalb Stunden, einfache Fahrt ab 30 Euro, www.bahn.de. Wer am Ort mobil sein möchte, ist allerdings auf Taxi oder Mietwagen angewiesen.

Ausstellungen: Alles Wissenswerte übers Watt gibt es im Wattenmeer Besucherzentrum Wilhelmshaven, www.wattenmeer-besucherzentrum.de, oder in den Nationalpark-Häusern wie etwa in Fedderwardersiel, www.nationalparkhaus-wattenmeer.de

Wattwanderungen: Exkursionen zum Fortpflanzungsverhalten der Watttiere werden entlang der Küste in Eckwarderhörne-Butjadingen, Harlesiel und Neßmersiel noch bis Anfang Juli angeboten; genaue Daten der Führungen sowie romantische Unterkünfte unter www.die-nordsee.de/romantik, Tel.: 044 21 / 956 09 91.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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