Serie "Reisen ohne Flug":Die Begeisterung der Deutschen für ihren Wald ist neu entflammt

Allerdings hat der Hainich den Status als Nationalpark und Welterbe auch ein bisschen dem Kalten Krieg zu verdanken. Der Wald rutschte ja erst durch die Wiedervereinigung von der Peripherie ins Herz der Nation. Zuvor hatten Teile davon den sowjetischen Streitkräften und der Nationalen Volksarmee als Übungsgelände gedient. Vom Aussichtsturm des Hainichblicks zum Beispiel sind noch die Schneisen zu sehen, die einst Panzer walzten. Auf der Fahrt dorthin, vorbei an einer zur Umweltbildungsstation umfunktionierten ehemaligen Garage für Militärfahrzeuge, meint Reiche eher beiläufig: "Hier Schießbahn zwei, da haben sie mit Panzerfäusten und Maschinengewehren geschossen."

Baumkronenpfad

Der Hainich profitiert von der neu entflammten Begeisterung der Deutschen für ihren Wald. Den 2005 eröffneten Baumkronenpfad gehen jährlich rund 200 000 Besucher ab.

(Foto: Thomas Stephan)

Der Großteil des schon seit Langem extensiv bewirtschafteten Waldes hatte dennoch eine recht entspannte Zeit. Hunderte Jahre alte Buchen und Eichen wachsen dort zum Teil ganz ohne Haltungsschäden gen Himmel. Bläst mal der Sturm einen der teilweise kerzengeraden Stämme um, stehen unten schon die jungen Sprösslinge parat, wie gierig darauf wartend, die entstandene Lücke zu schließen, während der Gefallene als Totholz allen möglichen Organismen als Lebensraum dient. Anderswo erobert sich der Wald freie Flächen zurück oder ersetzt ehemalige Monokulturen. So wie am Craulaer Kreuz, wo der Fichtenforst im Jahr 2000 geerntet wurde. Inzwischen steht der Mischwald dort wieder knapp zehn Meter hoch. "Weide, Buche, Eiche, Kirsche, Spitzahorn", und wenn Reiche die Laubbäume so aufzählt, scheint mitzuschwingen: Pfeif auf die Fichte!

Die Erklärung zum Nationalpark und zum Weltnaturerbe gab aber nicht nur der Natur die Freiheit, wild werden zu dürfen. Sie setzte die Gegend zugleich auf die touristische Landkarte. Anne-Katrin Ibarra Wong von der Welterberegion Wartburg-Hainich, welche immerhin auch Martin Luther und das ganze Drumherum zu bieten hat, meint: "Aus Marketingsicht spielt der Nationalpark eine noch größere Rolle als der kulturelle Bereich." Alleine der für mehr als vier Millionen Euro eingerichtete Baumkronenpfad lockt dabei jährlich rund 200 000 Besucher. Etwa ein Fünftel davon kommt im Oktober, dem Monat der natürlichen Laubmalerei. An guten Herbsttagen stehen jene, die das Dach des Waldes sehen wollen, nicht selten in der Schlange.

Serie "Reisen ohne Flug": Stirbt hier ein Baum, dient das Totholz allen möglichen Organismen als Lebensraum. Der Wald erobert sich hier auch freie Flächen zurück oder ersetzt ehemalige Monokulturen.

Stirbt hier ein Baum, dient das Totholz allen möglichen Organismen als Lebensraum. Der Wald erobert sich hier auch freie Flächen zurück oder ersetzt ehemalige Monokulturen.

(Foto: Rüdiger Biehl)

Ziemlich sicher profitiert der Hainich dabei auch von der neu entflammten Begeisterung der Deutschen für ihren Wald. Zwischen Hessen und Usedom beginnen sich sogenannte Heilwälder und Waldbademeister im Angebot der örtlichen Kurorte zu verwurzeln, Hotels werben mit Wilder Waldküche und Baumtherapien, Autoren schreiben vom Wood Wide Web oder dem geheimen Leben der Bäume. In der Waldakademie des deutschen Lieblingswaldmeisters Peter Wohlleben kann man sich zum Waldführer ausbilden lassen oder nur ein Pilzseminar für Anfänger belegen. Selbst im bodenständigen Hainich gibt es ein Waldresort mit Burnout-Ratgeber und Shinrin-yoku (japanisch für Waldbaden). Und Reiche bestätigt sämtliche Studien über die positive Wirkung des Waldes auf das Immunsystem, wenn er meint, er sei seit seinem Dienstantritt als Ranger vor neun Jahren nie wirklich krank gewesen. Während der Mensch also den Wald immer mehr als Erholungsziel für Ausflügler und Naturklinik für die Ausgebrannten entdeckt, kämpft manch ein Baum heute selbst mit dem Stress.

Jener der Buche lässt sich auch messen und früh erkennen, zum Beispiel an ihrem gesteigerten Fortpflanzungsdrang. "In den vergangenen 20 Jahren konnten wir beobachten, dass wir alle zwei bis drei Jahre eine Mast hatten. Da war der ganze Boden voller Bucheckern. Sonst ist das alle sieben Jahre der Fall", sagt Andreas Henkel. In der Nationalparkverwaltung in Bad Langensalza ist er für Naturschutz und Forschung zuständig; der Park ist schließlich auch ein riesiges Waldlabor. Im Gespräch zerlegt Henkel den Hainich in Raster und Probepunkte, er erzählt von Grundwasserprojekten und Biodiversitäts-Exploratorien zur biologischen Vielfalt. Aber auch er muss eingestehen: "Durch die beiden vergangenen Sommer wurde das Wissen über den Wald über den Haufen geworfen. Wir hätten nicht gedacht, dass die Trockenheit die Buche so mitnimmt."

Dabei waren weniger die geringen Niederschläge als vielmehr die hohen Temperaturen für die Trockenheit verantwortlich. Gab es zwischen 1950 und 1980 noch etwa drei Tage pro Jahr mit Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius im Hainich, waren es in den vergangenen zehn Jahren 14 und 2018 sogar 29 Tage gewesen. Und wer in der Nationalparkverwaltung auf eine Karte mit den sogenannten Vitalitätsänderungen der Waldflächen zwischen Juli 2018 und Juli 2019 blickt, kapiert ziemlich schnell, dass der Burn-out der Buchen vielleicht ernster zu nehmen ist als der von so manchem Geschäftsführer. In knapp einem Drittel des Waldes zeigte die Wasserarmut innerhalb nur dieses einen Jahres bereits Wirkung.

Was das für die Rotbuche langfristig bedeutet, ist freilich noch nicht ganz klar. Henkel sagt - und es klingt wie ein Versprechen: "Wir beobachten das. Wir sind gespannt." Reiche, seit einigen Jahren Großvater und kurz vor der Pensionierung, sagt: "Ich hab schon die Hoffnung, dass meine Enkelkinder noch lange was davon haben." Er meint den Wald, die Wildkatze, die Rotbuche. Aber ganz sicher ist er sich da natürlich nicht.

Reiseinformationen

Anreise: Mit dem Zug nach Eisenach oder Bad Langensalza, zum Beispiel von München aus in drei bis dreieinhalb Stunden. Von dort mit dem Hainichbus (Linie 150) zum Baumkronenpfad oder nach Hütscheroda.

Baumkronenpfad: Im Oktober von 10 bis 19 Uhr, im November und Dezember bis 16 Uhr geöffnet. Eintritt für Erwachsene elf Euro, Kinder zwei bis vier Euro, Tel. 036 03 / 82 58 43, www.baumkronen-pfad.de

Wildkatzendorf: Im Oktober noch täglich bis 18 Uhr geöffnet, Erwachsene sieben Euro, Fütterungszeiten auf www.wildkatzendorf.com, Tel. 03 62 54 / 86 51 80 Übernachtung: Das Hotel zum Herrenhaus in Hütscheroda liegt direkt am Nationalpark Hainich, ÜN im DZ mit Frühstück ab 41,50 Euro pro Person, Telefon: 03 62 54 / 72 00, www.hotel-zumherrenhaus.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Die Serie im Netz: sz.de/thema/Reisen_ohne_Flug

© SZ vom 17.10.2019/ihe
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