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Montenegro:"Wer will dann hier noch Urlaub machen?"

Montenegro: Küste bei Petrovac

Montenegros Küste kann schön sein oder verbaut. Bei Petrovac ist sie beides.

(Foto: Robert Harding/imago)

Das junge Land an der südlichen Adria wirbt mit unberührter Natur. Doch idyllische Buchten sind bedroht durch Korruption und Vetternwirtschaft.

Wenn man mit Dušan Varda die Küste entlangfährt, muss man sich Zeit nehmen. In vielen Orten kennt er jemanden. Er grüßt, bleibt auf der Straße stehen, hält Schwätzchen. Viele seiner Bekannten sympathisieren mit Vardas Sache: Der 50-Jährige ist Umweltaktivist, Taucher, Filmemacher. Angeblich kennt niemand Montenegros 300 Kilometer lange Küste besser als er. Genau deshalb ist Varda besorgt. "Die Regierung bemerkt anscheinend nicht, dass wir immer weniger Strände und immer mehr Beton haben", sagt Varda, "sie denkt wohl, unsere Küste ist endlos."

Tatsächlich misst sie in Luftlinie nur etwa 100 Kilometer. Hier will das junge Land sein Geld verdienen. Erst 2006 hat sich Montenegro aus dem Staatenbund mit Serbien gelöst, in Jugoslawien war die kleine, dünn besiedelte Region eine der ärmsten. Montenegro ist hauptsächlich von unzugänglichen Bergen überzogen. Alle Hoffnungen liegen deshalb auf dem schmalen Streifen zwischen Meer und Gebirge: Er erstreckt sich zwischen der tiefen Bucht von Kotor an der nördlichen Landesgrenze zu Kroatien und einem zwölf Kilometer langen Naturstrand an der albanischen Grenze im Süden. Dort mündet der Fluss Buna ins Meer und bildet ein flaches Delta.

Sechs Gemeinden gibt es an der Küste, mit kleineren Orten, dem Touristenstädtchen Budva, dem hübschen Ort Petrovac und der Hafenstadt Bar. Hier liegt die sogenannte Montenegrinische Riviera mit langen Sand- und Kiesstränden, die teilweise von dichten Wäldern gesäumt und nur vom Meer aus zu erreichen sind. An den karstigen Steilküsten werfen Kiefern ihre Schatten auf transparentes, türkisblaues Wasser, vielerorts ist der seichte Meeresboden noch von meterhohen, sehr alten Seegraswiesen bedeckt. Kleinere Buchten, Höhlen, ein paar Inseln und Halbinseln geben der Küste ein abwechslungsreiches Profil. "Hier wird gerade um jeden Meter gefeilscht", sagt Varda auf der Terrasse seines Hauses in Sutomore. Die Großeltern haben es in den 1960er-Jahren gekauft. Er breitet eine Landkarte aus und zeigt auf den zentralen Küstenabschnitt des Landes. Sutomore liegt mitten drin. Links nebenan hat Varda eine Baustelle, das Wasser vor seiner Veranda verfärbt sich gerade gelb. "Das müsste man mal untersuchen lassen", sagt er nachdenklich.

In der Saline, in der früher Zugvögel rasteten, soll jetzt ein Resort entstehen

Die Hauptstadt Podgorica liegt hinter den Bergen. Dort tut die Regierung herzlich wenig, um die Naturschönheit und die Artenvielfalt der Küste zu erhalten. Dabei definiert sich Montenegro in der Verfassung als ökologischer Staat. Es gibt kein einziges Meeresschutzgebiet. Dynamitfischer treiben ungestraft ihr Unwesen. Die Abwässer des Landes fließen ungeklärt ins Meer. Montenegro hat knapp 650 000 Einwohner und drei größere Städte. Und das Feuchtgebiet der ehemaligen Saline von Ulcinj ist ausgetrocknet. Wo früher Zugvögel rasteten, soll jetzt ein Resort entstehen.

Wenn man mit Dušan Varda die Küste entlangfährt, hört man immer wieder dieselben Geschichten von Buchten, die an Investoren aus Russland, Ägypten oder den Vereinigten Arabischen Emiraten verkauft wurden. Yachthäfen, Villen, Hotelanlagen, Ferienwohnungen sollen entstehen oder existieren schon. Manche Unternehmer stellen sich Montenegro als das "Dubai von Südosteuropa" vor, andere werben mit "Tourismus auf höchstem Niveau". Doch nicht alle Vorhaben enden so wie auf den Hochglanzprospekten angekündigt.