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Urlaub in Lateinamerika:Kontinent der Konflikte

Bogota Proteste Indigene

Seit Wochen demonstrieren in Bogotá indigene Gruppen, Studentinnen, Lehrer und Umweltschützer für eine gerechtere Sozialpolitik.

(Foto: Juan Barreto/AFP)
  • Veranstalter raten Reisenden in Lateinamerika zwar zu Vorsicht - doch nur zwei Länder sollten sie besser auslassen.
  • Gerade Demonstrationen sollten kein Grund sein, ein Land oder gar einen ganzen Kontinent zu meiden.

Lateinamerika sieht derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung ziemlich gefährlich aus. Venezuela ist in der Dauerkrise, in Mexiko steigen die Mordraten, in Rio de Janeiro führen Polizei und Banden in den Favelas Krieg. In den vergangenen Wochen sind aus Chile, Kolumbien, Bolivien und Ecuador Bilder von Demonstrationen und Straßenschlachten dazugekommen.

Das Auswärtige Amt hat etwa für Bolivien einen Reisehinweis erlassen, eine Stufe unter der Warnung. Darin wird von "nicht erforderlichen Reisen nach Bolivien derzeit abgeraten". Kann man denn überhaupt noch nach Lateinamerika reisen?

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Markus Schiegg, einer der erfahrensten Lateinamerika-Reiseanbieter in Deutschland, sagt uneingeschränkt: "Ja." Man müsse eben differenzieren, die Länder seien sehr unterschiedlich. Brennende Autos seien zwar "medial eindrücklich", doch sagten sie wenig über die Lage im ganzen Land aus.

Er vergleicht die jüngsten Ausschreitungen in Bogotá oder Santiago de Chile eher mit denen beim G-20-Gipfel in Hamburg 2017. "Damals sah es für Amerikaner oder Chinesen auch so aus, als könne man nicht mehr nach Deutschland reisen." Je weiter jemand weg sei, desto bedrohlicher wirke die Lage. Schiegg hält Lateinamerika "zu 95 Prozent für unproblematisch", das gelte auch für Bolivien.

Alles machbar - nur Venezuela nicht

Straßensperren von Demonstranten seien dort auch früher an der Tagesordnung gewesen. Man sollte besser nicht bei der "Demo mitmischen" und sich informieren. Und man sollte vorher mit einem erfahrenen Veranstalter sprechen. "Wir sind ja auch daran interessiert, dass die Leute gut zurückkommen." Im Kern wüssten gerade die Einheimischen, dass Tourismus ihrem Land guttue.

Ausdrücklich nimmt Schiegg nur Venezuela aus, Caracas sei gefährlich wegen der hohen Kriminalität, Folge der Versorgungskrise. In Ecuador aber seien die Krawalle in dem Moment abgeflaut, als Stornierungen kamen. Der Tourismus sei eben ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

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Ähnlich argumentiert der Kolumbien-Veranstalter Georg Rubin von Kontour-Travel, der maßgeschneiderte Reisen in das südamerikanische Land anbietet. Tourismus sei eine wichtige Einnahmequelle neben dem Rohstoffverkauf. Das wüssten auch die Regierungen.

Die jüngsten Demonstrationen in Bogotá und anderen Großstädten vergleicht er - ähnlich wie Schiegg - eher mit europäischen Schauplätzen wie derzeit Paris oder Barcelona, wo katalanische Unabhängigkeitsbefürworter immer wieder mit der Polizei aneinandergeraten. Derzeit sieht Kontour keine Veranlassung, Reisen zu stornieren. Natürlich müsse man als Veranstalter flexibel reagieren und Krawalle meiden. Ein Besuch des Goldmuseums in Bogotá etwa musste schon mal kurzfristig gestrichen werden, weil Demonstrationen anstanden.

Protest in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá

Bunter Protest in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, auch die Trommler sind dabei.

(Foto: Luisa Gonzalez/Reuters)

"Wir prüfen ständig alle Reisen", heißt es bei Kontour. Dazu sei man auch im Kontakt mit den Behörden. "Unsere Guides und Fahrer sind instruiert, besonders aufmerksam und vorsichtig zu sein und die Situation im Auge zu behalten. Gäste ohne festes Tagesprogramm rufen wir an, informieren sie über die Situation und erläutern ihnen mögliche Aktivitäten." Georg Rubin sagt, dass nur in entlegenen ländlichen Gebieten die Motive einzelner Ausschreitungen unklar seien und sich miteinander vermischten, etwa im Südwesten Kolumbiens, wo viele Indigene vom Koka-Anbau lebten. Solche Gebiete streiche man von der Route.

Tourismus? Beliebt bei Geldwäschern

Grundsätzlich stellt sich natürlich die Frage, warum sich jemand, der sich für eine ohnehin konfliktreiche Weltgegend wie Lateinamerika interessiert, ausgerechnet wegen Demonstrationen vom Reisen abhalten lassen sollte, die Ausdruck demokratischer Willensbildung sind. Nirgendwo anders auf der Welt ist der Reichtum so ungleich verteilt, zugleich sind Staatlichkeit wie auch die Institutionen schwach.

Das führt zu sozialen Spannungen, die sich auf vielfältige Weise entladen. In Kolumbien gab es deshalb jahrzehntelang Bürgerkrieg. Die Demonstrationen, die meist von der Mittelschicht ausgehen, die soziale Verbesserungen fordert, sind da eine vergleichsweise harmlose Ausdrucksform.

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Viele Menschen versuchen, der Armut durch Drogenhandel zu entkommen, das schafft Kriminalität. In Mexiko raten einem Einheimische häufig, sich vor der korrupten Polizei mindestens ebenso in Acht zu nehmen wie vor Gangs - die allerdings meist kein Interesse daran haben, Touristen anzugreifen. Im Gegenteil: Tourismus ist eine für Geldwäsche beliebte Branche, mancherorts, wie in Guatemala, schützt das Reisende sogar.

Schön, aber nicht empfehlenswert: Honduras

Grundsätzlich betonen Reiseveranstalter, dass es genüge, gefährliche Routen zu meiden. Eine Ausnahme ist Honduras, dort setzt man sich auf Überlandfahrten der gleichen Gefahr von Überfällen aus wie Einheimische, weshalb große Veranstalter das Land schon lange meiden, trotz Stränden und Maya-Ruinen.

In Bolivien hingegen sind Straßensperren seit jeher Ausdruck politischer Partizipation, etwa bei Indigenen, die damit demokratischen Forderungen Nachdruck verleihen. Ein Tourist hat da wenig zu befürchten, es gilt eher, eine alte Kulturtechnik wiederzubeleben, die uns auf Reisen abhandengekommen ist, die aber viele Bolivianer perfekt beherrschen: die des Wartens.

Vielleicht kommt man als Reisender sogar ins Gespräch und lernt mehr über die Gründe des Protests und die Lage der Menschen im Land. Und war das nicht eigentlich mal der Sinn des Reisens?

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