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Chile, Ecuador und Argentinien:Warum Lateinamerika brennt

Anti-government protests in Chile

In Chile wird seit Tagen demonstriert.

(Foto: REUTERS)

Proteste in Chile und Ecuador, ein bevorstehender Sieg der Linksperonisten in Argentinien: Hinter all dem steht der Überdruss mit dem Wirtschaftssystem. Denn in Ungleichheit ist Lateinamerika Weltmeister.

Lateinamerika brennt. Chile hat diese Woche die größten Demonstrationen seit dem Ende der Diktatur erlebt; am Freitag demonstrierten mehr als eine Million Menschen in Santiago. In Ecuador musste der Präsident vor Kurzem aus der Hauptstadt flüchten und konnte Krawalle nur eindämmen, indem er die Streichung von Subventionen zurücknahm. In Argentinien wird sich krasser Unmut in der Bevölkerung am Sonntag voraussichtlich in einem Sieg der Linksperonisten niederschlagen, die seit jeher Weltmeister in politischer Mobilisierung von Unzufriedenheit sind.

So unterschiedlich die Gegebenheiten in den Ländern sein mögen, hinter dem Aufruhr steht stets das gleiche Motiv: der Überdruss weiter Teile der Bevölkerung mit einem Wirtschaftssystem, das es nicht schafft, die krasse soziale Ungleichheit zu beseitigen - auch darin ist Lateinamerika Weltmeister. Während Nord- und Mitteleuropa sich vom Links-rechts-Gegensatz zu verabschieden beginnen, verschärft sich dieser in den Schwellenländern Lateinamerikas massiv. Zu groß, zu unüberbrückbar ist dort der Gegensatz zwischen Arm und Reich.

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Landesweit gehen Menschen für soziale Reformen auf die Straße. Präsident Piñera erklärt, er habe die Botschaft gehört. Er und Santiagos Bürgermeisterin Rubilar sind sich einig: Chile hat sich verändert.

Im Grunde sind es die immer gleichen Zyklen, in denen der Halbkontinent gefangen ist. In den Nullerjahren versuchten linke Regierungen, die Einnahmen aus dem Rohstoffboom gerechter zu verteilen als ihre liberalen Vorgänger, für einen Ausgleich zu sorgen und mehr Menschen in die Mittelschicht zu hieven.

Fallen die Preise auf dem Weltmarkt, merkt die neue Mittelschicht jedoch schnell, wie verletzlich sie ist; das Wohlfahrtssystem kollabierte, Machtwechsel waren die logische Folge. Manche Regierungen versuchten es nun wieder mit den Mitteln der Neunzigerjahre. Ecuador oder Argentinien riefen den Internationalen Währungsfonds zu Hilfe, um die öffentlichen Kassen zu sanieren. Doch sind Kredite des IWF stets an Auflagen geknüpft: Subventionsabbau, Privatisierungen, Austerität. Das trifft dann etwa ecuadorianische Bauern, Kleinhändler oder Busunternehmer, die ihre Existenz auf subventioniertem Diesel aufgebaut haben.

Chile ist ein Sonderfall, dort herrscht seit den Pinochet-Jahren das Recht des Stärkeren, der Staat ist in der Daseinsvorsorge so gut wie absent. Produktivität, gute Rohstoffpreise und Arbeitsamkeit haben dem Land eine lange Stabilitätsphase eingebracht. Doch parallel stieg die Wut über die Schattenseiten: Explodierende Preise für Gesundheitsversorgung, Miete, Strom, Bus und Bildung haben viele Menschen in Existenznöte gestürzt.

Ein Ausweg ist vorerst nicht in Sicht. Zu verletzlich sind die Wirtschaftssysteme, zu groß ist die Abhängigkeit vom Rohstoffexport. Zu befürchten ist eher, dass das On-Off, der ständige Wechsel sich krass widersprechender Radikalkuren von rechts und links - eine solche steht Argentinien wohl ins Haus -, die labilen Systeme weiter schwächen wird.

Neben gerechterer Verteilung steht aber noch etwas anderes auf der Liste vieler Demonstranten: die Forderung nach funktionierender Demokratie, transparenten Wahlen, sauberen Machtwechseln. Eine zunehmend gut informierte, sozial organisierte und selbstbewusste junge Generation lässt sich die alten patriarchalischen Methoden des Machterhalts durch Trickserei - wie in Venezuela oder derzeit in Bolivien - nicht mehr bieten und begehrt auf. Und das ist immerhin eine gute Nachricht aus Lateinamerika.

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