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Kolumne "Ende der Reise":Endlich allein mit Michelangelo

Wie um Himmels willen diesen Anblick genießen, wenn man ständig angerempelt wird?

(Foto: dpa)

Alle reden über Overtourism. In Italien werden nun aber geniale Ideen dagegen umgesetzt, die sich ein Renaissancefürst nicht schöner hätte ausmalen können. Weiter so!

Die Sixtinische Kapelle in Rom ist schön, aber anstrengend. Wer sie sehen will, muss sich auf Gedränge und stundenlange Wartezeiten vor den Vatikanischen Museen einstellen. Drinnen verrenken sich bis zu 30 000 Besucher täglich den Hals nach der Schöpfungsgeschichte, die Michelangelo an die Decke gemalt hat.

Städteurlauber aus aller Welt wollen berühmte Szenen wie die Erschaffung Adams, die millionenfach reproduziert auf Postkarten, Möbelhauspostern und Keksdosen prangt, mit der Realität im sakralen Raum abgleichen. Aber es ist weder für eine innige Rezeption noch für die Bandscheiben sehr förderlich, dabei ständig von anderen Hobbykunstkennern angerempelt zu werden.

Und nun die geniale Idee!

Umso dankbarer muss man wieder einmal den Touristikern sein, die Menschen massenhaft an die gleichen Orte locken, um die dadurch erst entstehenden Mängel mit neuen, kostenpflichtigen Angeboten zu beheben. In diesem Fall ist ein britischer Luxusveranstalter auf die geniale Idee gekommen, Kunden fast alleine in das heilige Schatzkästlein der Renaissance zu lassen: morgens um sechs Uhr, begleitet von einem Kunsthistoriker.

Das Erlebnis kostet 5558 Dollar pro Person - wirklich nicht so viel, wenn man bedenkt, dass ein japanisches Ehepaar kürzlich ganz in der Nähe der Museen für zwei Teller Spaghetti mit frischem, abzuwiegenden Fisch 349,80 Euro zahlen musste - 80 Euro Servicepauschale extra obendrauf. Die Restaurantgäste riefen die Polizei. Die Kapellenbesichtiger aber dürften mit der Leistung für ihr Geld zufrieden sein: Michelangelo intim, wie ihn sonst vielleicht noch der Papst genießen darf.

Gut so! Alle reden von zu viel Tourismus, aber kaum einer traut sich, das Problem über den Preis zu regeln. Museen nur noch für Millionäre - warum nicht gleich ganze historische Städte nur gegen Eintritt, Flughäfen allein für Privatjets, Kreuzfahrten nur noch mit eigenem Kahn. Urlaub machen ohne Plebs - ein Renaissancefürst hätte sich diese Vision nicht schöner ausmalen lassen können.

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