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Tourismus in den Alpen:Lieber ganz oben

Touristen mit Mundschutz warten vor dem Matterhorn auf den Zug der Gornergratbahn.

Touristen mit Mundschutz warten vor dem Matterhorn auf den Zug der Gornergratbahn.

(Foto: dpa)

Naturnaher Urlaub steht hoch im Kurs. Deshalb ist in vielen Orten in den Bergen gerade viel los. Das liegt auch an den Einheimischen.

Von Hans Gasser

Die Kanzlerin liegt im Trend. Zwar hofft man in Südtirol, dass sie ihren alljährlichen Wanderurlaub doch noch in Sulden verbringt, aber dem ZDF hat sie auf die Frage, wo es denn im Sommer hingehe, geantwortet: "nach Deutschland". Sie ist da in guter und großer Gesellschaft, denn sehr viele Deutsche verbringen ihre Ferien in diesem Sommer lieber im eigenen Land. Das ist übrigens nicht nur in Deutschland so, sondern auch in den anderen Ländern, die Anteil an den Alpen haben. Auch die Schweizer, Österreicher und Italiener bleiben zu großen Teilen in ihren Ländern. Davon profitieren vor allem Badeseen, aber genauso die Bergurlaubsorte.

Das Allgäu etwa ist schon seit Juni wieder stark gebucht. "Wir haben eine gute bis sehr gute Auslastung der Betten, manche Hotels sind ausgebucht", sagt Bernhard Joachim, Geschäftsführer der Allgäu Tourismus GmbH. Die Hauptsaison, also Juli und August, laufe aller Voraussicht nach genauso gut wie im vergangenen Rekordjahr. Auch die Tagesausflügler hätten zugenommen, aus einfachem Grund: "Viele Einheimische fahren nicht weg, haben aber trotzdem Urlaub. Das merken wir", sagt Joachim. Auswüchse wie Falschparken und Wildcampen seien eine Folge davon. Am Schrecksee auf 1800 Meter hat die Gemeinde eine Livekamera montiert, um illegales Campen zu verhindern. Es werde mit 400 Euro Bußgeld geahndet. Ähnliches hört man auch aus Berchtesgaden oder aus dem ans Allgäu angrenzenden Außerfern in Tirol, wo die Bergwacht gegen zahlreiche Wildcamper zum Beispiel auf dem Säulingplateau vorgeht.

Naturnaher Urlaub steht nach dem Lockdown und wegen der Verunsicherung durch das Coronavirus hoch im Kurs. Während die Hotellerie in sonst überlaufenen Städten in diesem Sommer teilweise Buchungsrückgänge von 80 Prozent verzeichnet, können sich die Hotels in Bergurlaubsorten freuen - nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Südtirol und der Schweiz. Zwar reisen die Deutschen zurzeit nicht mehr ganz so zahlreich ins nahe Ausland wie in den vergangenen Jahren. Weil aber auch die Schweizer, Italiener und Österreicher lieber die eigenen Berge entdecken, bedeutet dies für viele Tourismusorte eine relativ gute Buchungslage.

"Wir sind recht zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Sommersaison", sagt Christina Demetz, Sprecherin von Gröden Tourismus in Südtirol. Die Sommersaison habe zwar erst so richtig Ende Juni angefangen, die Buchungen seien aber gut: Die Hotels und Ferienwohnungen in dem beliebten Dolomitental seien im Juli und August etwa zu 80 Prozent ausgelastet. Bei den Deutschen und anderen europäischen Gästen gebe es einen Rückgang von etwa 50 Prozent. "Das wird aber mehr oder weniger ausgeglichen von italienischen Gästen, die in diesem August noch mehr als sonst zu uns kommen", so Demetz. Für September seien noch nicht so viele Reservierungen eingegangen, die generelle Unsicherheit führe zu sehr kurzfristigen Buchungen. Von Overtourism, über den zurzeit im Zusammenhang mit einigen Tagesausflugszielen in der Nähe von Großstädten gestöhnt wird, kann bei den Übernachtungsgästen in Berggebieten keine Rede sein.

So ist in Österreich die Lage differenziert: Die bekannten Seen, die ja meist von Bergen umgeben sind, erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit - trotz des jüngsten Aufflammens von Corona am Wolfgangsee. "Wir sehen in unseren Umfragen, dass Badeurlaub in Österreich heuer eine echte Alternative ist zu einem klassischen Badeurlaub am Meer", sagt Sören Kliemann, Marktmanager der Österreich Werbung in Deutschland. Insgesamt sei die Auslastung aber deutlich geringer als im vorigen Sommer.

In bekannten Berggebieten läuft es relativ gut, zum Beispiel rund um den Wilden Kaiser. Gut heißt: "Wir gehen davon aus, dass wir ungefähr 80 bis 90 Prozent der Übernachtungen des Vorjahressommers erreichen", sagt Theresa Aigner vom Tourismusverband Wilder Kaiser, viele deutsche Stammgäste seien wiedergekommen.

In der Schweiz freut man sich über unerwartet hohe Nachfrage. In Graubünden etwa seien die Buchungen laut Tourismusverband "so hoch wie im letztjährigen Rekordsommer, in einigen Destinationen liegen sie sogar noch darüber". Auch bekannte Gebirgsorte im Berner Oberland und im Wallis wie Saas-Fee, Adelboden und Aletsch melden eine bessere Bettenbelegung als im Vorjahr. "Das liegt vor allem an den Schweizern, von denen in diesem Jahr viele nicht ins Ausland fahren", sagt Thalia Wünsche, Sprecherin von Graubünden Ferien. "Die Schweizer haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis." Die vielen Freizeitmöglichkeiten in der Bergnatur, wie Wandern und vor allem E- und Mountainbiken trügen einiges zur Inlandsnachfrage bei. Orte wie Davos oder Lenzerheide, die sich auf Mountainbiker spezialisiert haben, sind sehr gut gebucht, aber auch kleine Wanderdörfer im Unterengadin.

Deutsche und Niederländer kämen zwar wieder, aber weniger zahlreich als im Sommer 2019, so Wünsche. "Es verlagert sich noch mehr in Richtung Schweizer Gäste." Und eine Sache ist auch in der Schweiz nicht anders als in Deutschland: Die Campingplätze sind ausgebucht, Wildcamping floriert, und die Städte darben.

© SZ vom 06.08.2020/edi

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