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Alpen:Großglockner - auf dem Gipfel Österreichs

Der höchste und damit höchst gefragte Berg des Landes ist zum Ziel von Genussbergsteigern geworden. Ist das schlimm?

Bergführer sind schon sakrisch raffinierte Schlitzohren, und deshalb hat der Toni abends auf der proppenvollen Erzherzog-Johann-Hütte unterhalb des Großglockners die entscheidenden Tipps. Der Toni, der eigentlich Ponholzer heißt, aber als Bergführer im Grunde keinen Nachnamen mehr hat, meint also, man müsse vorm Schlafengehen schon alles vorbereiten, Steigeisen, Wanderstöcke, Rucksack, und morgens müsse einer aus der Seilschaft dann rechtzeitig am Ausschank stehen, am besten um 5.15 Uhr, vor all den anderen Gipfelstürmern. Offiziell gibt es zwar erst um halb sechs Frühstück, "aber die Wirtsleute sind meistens schon etwas früher da". Diese Viertelstunde sei wichtig, "glaubt mir".

Der Wecker wird ohne Widerrede auf fünf Uhr gestellt, denn der Toni sagt sinngemäß noch: Wer auf den Bergführer hört, hat mehr vom Berg.

Man muss sich jetzt, wenn die Menschen ihre Wecker stellen, um auf Gipfel und um Massive und auf Almen zu rennen wie die Ameisen, in Erinnerung rufen, wo der Bergtourismus seine Wurzeln hat. Man landet dann sehr schnell in Kals, dem etwas mehr als 1000 Einwohner zählenden Bergdorf in einem Osttiroler Seitental am Fuße des Großglockners. Kals gehört zu jenen Orten, in denen es mehr Kirchtürme als Einkaufsläden gibt; und die heute einen ständigen Kampf führen, um weder als Freilichtmuseum zu enden noch dem profitablen Kirmesmodus zu erliegen. Als vor wenigen Jahren der 500-Betten-Betrieb Gradonna Mountain Resort genehmigt wurde, entstand nicht nur ein neuer Ortsteil. Der Bau war richtungsweisend.

Bergführer Toni kennt den Geschmack von Mäusen: "wie Meerschweinchen"

Als der Prager Kaufmann Johann Stüdl 1867 erstmals nach Kals kam, gab es keine Richtung, zumindest keine, die etwas mit Fremdenverkehr zu tun hatte. Der Großglockner war mit seinen 3798 Metern noch nicht einmal der höchste Berg des Landes, weil der gut 100 Meter höhere Ortler noch zu Österreich gehörte. "Abgeschnitten, ein weißer Fleck, bitterarm." Die Begriffe verwendet Martin Gratz, wenn er seinen Ort zu Stüdls Zeiten beschreibt.

Gratz ist als zweiter Bürgermeister für den Tourismus von Kals verantwortlich und damit gewissermaßen der Tourismusmeister des Dorfes. Er hat die Ausstellung "Im Banne des Großglockners" im Kalser Glocknerhaus initiiert, wo es viel um Stüdl und um die Vorgänger von Toni Ponholzer geht. Denn Stüdl bedeutete für den hiesigen Bergtourismus eine ähnliche Zäsur wie Thomas Cook zur ziemlich gleichen Zeit für die Pauschalreise: Er schuf Strukturen, infrastrukturell wie institutionell. 1868 veranlasste Stüdl den Bau der Stüdlhütte, ein Jahr später die Gründung des Kalser Berg-und Skiführervereins, der erste der Ostalpen.

SZ-Karte

Das Büro liegt im Ortszentrum, neben Gemeindeverwaltung, Kirche und Glocknerhaus. Stüdl habe den Menschen hier wirklich helfen wollen, meint Gratz. "Zuvor haben sich Bergführer oft unter Wert verkauft." Gratz sagt aber auch: "Anfangs waren die Bergführer nicht die Helden im Dorf." Echte Kerle gehörten auf das Feld, nicht in die Berge.

Um 5.15 Uhr gehören Menschen ins Bett, echte Kerle hin oder her. Stattdessen: dem Bergführer gehorchen, Frühstück. Es war sowieso eine unruhige Nacht auf 3454 Metern, wo die Luft so dünn ist, dass manchen der Kopf brummt. Verschlafene Gesichter blicken auf trockene Brotscheiben und Brotaufstrich-Portionspackungen von der Kalbsleberwurst bis zur Marillenmarmelade. Gut, dass der Toni was von ausreichend Fettreserven im Körper erzählt. Er selbst esse nur zweimal am Tag. Und in Patagoniens Bergwelt, in der er die Winter gerne verbringt, hat er sich auch schon von Mäusen ernährt, zumindest teilweise. "Schmecken wie Meerschweinchen."

Bei einer Großglockner-Besteigung über den Normalweg braucht es keine Fettreserven. Es werden eher welche gebildet, denn über den Normalweg ist der Großglockner für geübte Bergsteiger ein vergleichsweise dankbarer höchster Berg. Auf 2802 Metern und damit 900 Höhenmeter oberhalb des Parkplatzes liegt schon die Stüdlhütte, in der es zwar keine Meerschweinchen gibt, dafür aber Hüttenwirt Georg Oberlohr.