Ägypten "Natürlich digital und interaktiv"

Auf einem weißen Tisch liegt abgedeckt mit hauchdünnem Japan-Papier ein Halsschmuck, 6000 Einzelteile, aufgespannt mit Stecknadeln. Howard Carter hatte seinen Sensationsfund 1922 detailliert dokumentiert - davon profitieren heute die Restauratoren. Einzelne Elemente, die fehlen, werden nachgegossen aus transparentem Kunststoff. So kann der Betrachter später erkennen, welche Teile rekonstruiert wurden. Teilweise müssen die Restauratoren frühere Versuche, Exponate zu bewahren, rückgängig machen. So arbeitete Carter etwa mit flüssigem Wachs, das nun mühsam mit Holzspateln wieder entfernt wird.

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Jedes einzelne Stück wird zunächst dokumentiert, um dann eine Strategie für die Restaurierung zu entwickeln. Wichtigste Maßgabe: Alles muss reversibel sein. Rekonstruiert werden auch die Streitwagen und andere Artefakte, die bisher nur in Teilen ausgestellt wurden. 28 000 Stücke sind schon durch die Hände der Restauratoren gegangen, 82 000 sollen es werden bis zur vollständigen Eröffnung in vier Jahren.

Geändert hat sich auch das Konzept der Ausstellung: "Wir distanzieren uns ein bisschen von der Blickweise, dass Tutenchamun nur der goldene Pharao ist", sagt Tawfik, auch wenn die massive Totenmaske mit den eingelegten Halbedelsteinen wohl der Besuchermagnet bleibt. Stattdessen wird der Pharao als Repräsentant seiner Zeit gezeigt. "Tutenchamun nimmt also den Besucher mit auf eine Reise, 3500 Jahre zurück in die 18. Dynastie, und dort kann man dann sehen, wie sich ein König kleidete, was er aß, wie sein Schmuck aussah, seine Streitwagen, sein Mobiliar", sagt Tawfik. Zudem werde erläutert, warum sich diese Artefakte und Objekte in seinem Grab befanden - es wird darüber hinaus moderne Multimedia-Guides geben. "Wir wollen gerade auch junge Menschen mit der Sprache ihrer Zeit ansprechen", sagt Tawfik, "was natürlich digital und interaktiv ist."

Die zweite Etappe der Eröffnung ist für 2020 geplant

Im Museum am Tahrir-Platz fällt Besuchern ohne Führer die Orientierung schwer. Oft fehlt schon die grundlegende Beschriftung. Und das vor 117 Jahren eröffnete Haus ist mit Exponaten überfüllt, was ihm den wenig schmeichelhaften Beinamen "berühmteste Rumpelkammer des Nahen Ostens" eingetragen hat. Nun fürchtet es um seine Bedeutung, auch wenn es einer behutsamen Renovierung entgegensieht und Tawfik versichert, die Museen sollten sich ergänzen. Bis auf den Schatz des Tutenchamun und die Grabfunde der Königin Hetepheres I. sollen alle Meisterstücke dort bleiben. Sie werden durch eine bessere Präsentation aufgewertet. Doch musste das Museum auch schon Mumien an das ebenfalls neu errichtete Museum der ägyptischen Zivilisationen im Süden von Kairo abgeben.

Informationen

Wer einen heißen Tag an den Pyramiden stilvoll ausklingen lassen will, sei der Garten des angrenzenden Mena-Hotels empfohlen, das Marriot übernommen hat. Man kann dort mit Blick auf die Pyramiden zum Sonnenuntergang etwas essen oder einen Drink nehmen. Das Fünf-Sterne-Haus hat bald 120 Jahre Tradition und zählte Prominenz wie Agatha Christie, Winston Churchill und Roger Moore zu seinen Gästen. Wer dort nicht übernachten will, findet Alternativen etwa auf der Nil-Insel Gezira, die nahe zur Innenstadt mit dem Ägyptischen Museum liegt und im Viertel Zamalek etliche gute Restaurants aufzuweisen hat. Eines der wenigen kleinen, individuellen Häuser in Kairo ist das von Besitzerin Hebba Bakri geführte Hotel Longchamps (www.hotellongchamps.com). pkr

Für Ende 2020 ist die zweite Etappe der Eröffnung geplant: weitere 27 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, auf denen 45 000 Artefakte gezeigt werden, die von der prähistorischen bis in die griechisch-römische Zeit in Ägypten reichen. "Sie werden in wirklich chronologischer Anordnung präsentiert werden", sagt Tawfik, "sodass der Besucher die Artefakte in ihrer Entwicklung und über eine Zeitspanne von 5000 Jahren erleben kann."

10 000 Besucher erwartet - pro Tag

In einer dritten Phase im Jahr 2022 soll dann noch ein Annex-Bau direkt hinter dem Atrium öffnen, der ein neues kleines Museum für das zweite Boot des Königs Khufu (Cheops) beherbergen soll. Die andere Sonnenbarke ist neben der Pyramide ausgestellt. Auch auf dem Plateau gibt es Veränderungen: Ein neuer Eingangsbereich wird errichtet, und die bisherigen Asphaltstraßen werden durch geschotterte Wege ersetzt, die besser dem Plateau und der Umgebung angepasst sind.

2022 soll dann auch die vierte Metro-Linie in Kairo fertiggestellt sein, die das neue Museum mit dem Tahrir-Platz verbinden wird. "Eine Haltestelle ist bereits vor dem Ticketing Office errichtet worden", sagt Tawfik. Spätestens dann sollen auch Geschäfte, Restaurants und ein Boutique-Hotel fertig werden, die zum Museumskomplex gehören. Sie sollen zusammen mit den Eintrittsgeldern, deren Höhe sich "im üblichen internationalen Vergleich" bewegen werden, die laufenden Unterhaltskosten decken. Mit 10 000 Besuchern rechnet Tawfik - pro Tag. Ausgelegt ist das Museum auch für größeren Andrang. Darauf hofft er, darauf hofft aber vor allem Ägyptens Tourismusbranche.

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