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Zum Tode von Heiner Geißler:Als Willy Brandt die Fassung verlor

Geißler redete Kohls Falschaussage in der Flick-Affäre als "Blackout" klein, übte üble Kritik an der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Organisation " Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs IPPNW" und bezeichnete die SPD im Streit um die Nachrüstung als "fünfte Kolonne der anderen Seite". Besonders SPD-Chef Willy Brandt brachte er 1985 so sehr auf die Palme, dass der Ex-Kanzler die Fassung verlor: "Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land."

Geißlers verbale Attacken gegen die SPD und die Grünen verdeckten, dass er im Grunde seines Herzens selbst ein Liberaler war und privat als umgänglich und verschmitzt galt. Immer stärker wurde er als Unruhestifter in seiner Partei wahrgenommen und warb bereits 1987 innerhalb der CDU für einen neuen "Kurs der Mitte" ohne Ausgrenzung von Randgruppen. Früh präsentierte er seine Vorstellungen von einer "multikulturellen Gesellschaft", die bis heute Konservative erregen. Nach seiner Entmachtung blieb er unbequem.

1990 empfahl der dreifache Vater den Deutschen, sich auf das Zusammenleben mit Millionen Menschen anderer Herkunft, Kultur und Muttersprache einzustellen. Er wandte sich gegen neoliberale Auswüchse, forderte schärfere Gesetze gegen rechtsextremistische Gewalttäter, provozierte mit Thesen zur Asylpolitik und seinem Plädoyer für die Anerkennung Deutschlands als Einwanderungsland. Manchmal war er seiner Zeit einfach weit voraus.

Heiner Geißler CDU-Politiker Heiner Geißler ist tot
Ehemaliger Generalsekretär

CDU-Politiker Heiner Geißler ist tot

Der ehemalige Generalsekretär war einer der prominentesten und zugleich unbequemsten CDU-Politiker. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.   Von Heribert Prantl

Ende 1992 stürzte er mit einem Gleitschirm ab und erlitt lebensbedrohliche Verletzungen. Doch noch vom Krankenbett aus sprach er sich gegen die rigorose Sparpolitik der Regierung Kohl aus - und bezog gegen Steffen Heitmann, Kohls Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Position.

Er geißelte Gier, Geiz und Geld

Nachdem Kohl die Wahl 1998 gegen Gerhard Schröder verloren hatte, blieb Geißler "einer der letzten munteren Individualisten" im Bundestag, wie die Stuttgarter Zeitung schrieb. Als erster prominenter Christdemokrat bestätigte er dann die Existenz von "schwarzen Konten" in der CDU unter Kohl. Unverständlich blieb ihm die Ablehnung der CDU/CSU gegenüber rot-grünen Gesetzesinitiativen zur doppelten Staatsbürgerschaft, der Zuwanderung sowie zum Begriff der "Leitkultur".

Nach der Bundestagswahl 2002 kehrte er, mit 72, nicht mehr in den Bundestag zurück, sondern warb in Büchern und Talkshows für seine Positionen. Immer heftiger geißelte er - auch aus christlicher Überzeugung - Gier, Geiz, Geld und eine "anarchische Wirtschaftsordnung, die über Leichen geht". 2007 trat er Attac bei - "ein Fall von Altersradikalität, der nachdenklich macht", schrieb der Tages-Anzeiger. Mehrfach war er als Schlichter in diversen Tarifrunden tätig - auch im Konflikt um das heiß umstrittene Projekt Stuttgart 21, den er befrieden konnte.

Geißler war ein intellektuell herausragender Politiker, der sich im Laufe der Jahre zum linksliberalen Christen wandelte - und sich selbst doch treu blieb. "Auch mit 87 Jahren kann ich mich noch öffentlich aufregen und dazu beitragen, den Unsinn in der Welt abzubauen", sagte er dem Spiegel. Streitbar war er und bis zuletzt voller Pläne. Noch im hohen Alter wanderte er viel und kletterte Berge hoch. Jetzt ist Heiner Geißler nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorben.

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