Katholische Kirche:Woelkis Rückkehr im Unfrieden

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Katholische Kirche: Begleitet wurde Rainer Maria Woelkis Rückkehr von Demonstrationen, zum Beispiel hier vor dem Kölner Dom.

Begleitet wurde Rainer Maria Woelkis Rückkehr von Demonstrationen, zum Beispiel hier vor dem Kölner Dom.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Der Kölner Kardinal hat seine Auszeit beendet, die Krise seines Erzbistums ist es nicht - im Gegenteil. Woelki will nun vor allem zuhören und bietet dem Papst seinen Rücktritt an.

Von Jana Stegemann, Düsseldorf, und Annette Zoch

Ein Transparent ziert an diesem Aschermittwoch den Kirchturm von St. Agnes, der bekannten Kirche im Kölner Agnesviertel: "Schmerzlich unwillkommen" steht darauf. Nicht weit entfernt, auf dem Roncalliplatz in der Nähe des Doms, haben sich am Morgen die Frauen von Maria 2.0 versammelt. "Es reicht uns", steht auf einem Plakat.

Kölns Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki ist an diesem 2. März wie angekündigt nach seiner fünfmonatigen Auszeit in seinen Dienst zurückgekehrt. Doch mit Verfallsdatum: Er hat dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Dieser werde "zu gegebener Zeit entscheiden", heißt es in der Mitteilung auf der Homepage des Erzbistums Köln. Der Papst habe angeordnet, dass Woelki wie geplant vorerst zurückkehren solle - obwohl die Vertrauenskrise, die der Erzbischof durch ein zurückgehaltenes Missbrauchsgutachten ausgelöst hatte, keineswegs überwunden ist.

Woelki wandte sich in einem Fastenhirtenbrief an die Katholiken: Ihm sei klar, dass viele mit seiner Rückkehr "ganz unterschiedliche Gefühle" verbänden: "Verunsicherung, Unverständnis, Misstrauen bis hin zur Ablehnung meiner Person", schreibt Woelki. Es tue ihm leid, "dass diese Zeit für viele Menschen in unserer Kirche eine so belastete Zeit ist" und er wisse, "und es schmerzt mich, dass auch ich für diese Situation Verantwortung trage".

In ihm, schreibt Woelki, sei "manches in Bewegung gekommen"

Eine Auszeit löse noch keine Probleme, schreibt Woelki. Die innere Auseinandersetzung mit seinen Fehlern, seinen Versäumnissen und seiner Schuld sei nicht leicht gewesen. "So kehre auch ich nicht unverändert einfach so zurück, als sei in dieser Zeit nichts geschehen." Er habe seine Auszeit mit Gebetsübungen verbracht und im Sozialeinsatz "mit ganz unterschiedlichen Menschen, bei denen ich nicht in einer Schublade stecke". Dabei sei "in mir manches in Bewegung gekommen, was sich in der immer angespannteren kirchlichen Situation und zunehmenden, oft sehr persönlichen Anfeindungen meiner Person in unguter Weise in mir verhärtet hatte". Dies betreffe auch Zusammenhänge von Leitung und Beteiligung und notwendige Reformen in der Kirche bis hin zu systemischen Veränderungen. Was genau er damit meint, schreibt Woelki allerdings nicht. Bislang galt er als erklärter Kritiker systemischer Reformen, wie sie das Reformprojekt Synodaler Weg fordert.

Maria Mesrian von Maria 2.0 erreichte die Nachricht vom Rücktrittsangebot Woelkis während der Demo vor dem Kölner Dom. "Es bringt auf jeden Fall erst mal eine Erleichterung hier nach Köln", sagt Mesrian. "Allerdings ist das erst der Anfang eines langen Weges, und wir müssen dranbleiben, dass diese dringend notwendigen Strukturreformen stattfinden."

Er müsse nun erst einmal aufholen, wolle vor allem zuhören, deshalb werde der Beginn in Köln für ihn ein stiller sein, schreibt Woelki. Geplant hatte der Kardinal das allerdings anders - gleich als erste Amtshandlung wollte er den Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler feiern, die Einladungen waren gedruckt und verschickt. Erst als es zu massiver öffentlicher Kritik kam, sich alle wichtigen Gremien gegen seine Rückkehr ausgesprochen hatten, sagte Woelki den Gottesdienst ab. Auf dem Empfang im Maternushaus war Woelki dann zwar im Gespräch mit Besuchern zu sehen, aber nicht als offizieller Gastgeber. Die Absage des Gottesdienstes hatte Spekulationen genährt, dass Woelki vielleicht doch nicht zurückkehren würde. Sein Generalvikar Markus Hofmann hatte gleichwohl alle Bistumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter Anfang der Woche in einem Brief über die Rückkehr informiert - und er sei zuversichtlich, "dass neues Vertrauen wachsen" könne.

Wenig Vertrauen in kirchliche Strukturen zur Aufdeckung von Missbrauchstätern hat hingegen Christoph Kaufmann. Der erfahrene Richter und Vorsitzende der 2. Großen Strafkammer am Landgericht Köln hatte am vergangenen Freitag den 70-jährigen Priester Hans Bernhard U. wegen sexuellen Missbrauchs von neun Mädchen in 110 Fällen für zwölf Jahre in Haft geschickt - auch dieser Prozess hat das Erzbistum erschüttert, die Nachwirkungen überschatten die Rückkehr Woelkis.

Mittlerweile sind nach einem Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers bei der Staatsanwaltschaft mehrere Anzeigen gegen Bistumsverantwortliche im Fall U. eingegangen. Die Anzeige-Erstattenden sähen in deren Verhalten eine vorsätzliche Beihilfe durch Unterlassen oder auch eine fahrlässige Körperverletzung zulasten der Opfer. Unabhängig davon prüft die Staatsanwaltschaft Köln nun, ob sich aus dem Prozess weitere Ermittlungsansätze ergeben. Die Kölner Strafrechtsprofessorin Frauke Rostalski sagte dem Kölner Stadt-Anzeiger, das Urteil lege nahe, dass es im Fall U. "Unterlassungen gab, die vorwerfbar und strafrechtlich relevant sein könnten". Gegen das Urteil hat U.s Verteidiger mittlerweile Revision eingelegt; zudem laufen weitere Ermittlungen gegen den Priester.

Die Kirche sei über Jahrzehnte "leichtgläubig und passiv" gewesen

In seiner bemerkenswerten, dreistündigen Urteilsverkündung hatte Kaufmann auch auf jahrelange Versäumnisse der Verantwortungsträger des Erzbistums Köln hingewiesen. Namentlich nannte Kaufmann den heutigen Hamburger Erzbischof und früheren Kölner Personalchef, Stefan Heße, und den früheren Kölner Kirchenrichter Günter Assenmacher. Mit Blick auf einen verschlossenen Angeklagten und einige Geistliche im Zeugenstand, die sich auf angebliche Erinnerungslücken beriefen, hatte Richter Kaufmann gesagt: "Wie Brüder im Nebel haben wir uns hier auch ein bisschen gefühlt." Woelkis Vorgänger, der verstorbene Kardinal Joachim Meisner, führte schon vor 2010 ein eigenes Missbrauchstäter-Archiv für das Erzbistum Köln, es trug den Titel "Brüder im Nebel"; Woelki war jahrelang Meisners Privatsekretär.

Hans Bernhard U. war als Pfarrer in Kerpen-Türnich, Jugendseelsorger in Gummersbach, Krankenhausseelsorger in Wuppertal und zuletzt im Ruhestand in Zülpich tätig gewesen. 2010 hatte das Erzbistum Köln durch einen anonymen Hinweis von staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen U. erfahren, eine seiner drei Nichten hatte ihn wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt, diese Anzeige jedoch später zurückgenommen. Heße, damals Personalchef, hatte U. beurlaubt, doch nachdem die Staatsanwaltschaft Köln ihre Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt hatte, hatte niemand im Erzbistum Köln eigene Anstrengungen im Fall U. unternommen - sondern U. ohne Auflagen wieder als Krankenhausseelsorger, auch auf der Kinderstation, eingesetzt.

Insgesamt sei die Kirche jahrzehntelang "leichtgläubig und passiv" gewesen, sagte Kaufmann weiter, habe nur auf öffentlichen Druck gehandelt. Erst der 2015 eingerichteten Interventionsstelle des Erzbistums für Missbrauch sei es zu verdanken, dass das zuvor eingestellte Ermittlungsverfahren gegen den Pfarrer wieder aufgenommen wurde. Aber sogar die Beurlaubung U.s durch Kardinal Woelki von April 2019 an war nicht mit einem Kontaktverbot zu Kindern und Jugendlichen verbunden gewesen.

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