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Missbrauchsskandal:Woelki gibt sich reumütig in einer Krise ohne Beispiel

Kardinal Rainer Maria Woelki

"Tiefe Risse, die durch unser Erzbistum gehen": Kardinal Rainer Maria Woelki bei einer ökumenischen Andacht zum Beginn der Passionszeit.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Die Server brechen zusammen unter dem Ansturm von Menschen, die aus der Kirche austreten wollen. Der Kardinal verspricht Aufklärung - auch was seine eigenen Fehler betrifft.

Von Annette Zoch

Die Heilige Familie hält die Erdkugel, die zerfurcht ist von tiefen Rissen - dieses Bild der Künstlerin Beate Heinen ziert den diesjährigen Fastenhirtenbrief des Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Maria Woelki. Von "tiefen Rissen, die durch unser Erzbistum gehen", schreibt Woelki in dem Brief, der am Wochenende in Gottesdiensten der Erzdiözese vorgelesen werden sollte: "Ich habe sie nicht 'nur' vor Augen, ich spüre sie jeden Tag: den Verdacht von Vertuschung im Kontext der Aufarbeitung von Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt und pädophilen Verbrechen. Den gravierenden Vertrauensverlust."

Woelki bittet in dem Brief erneut um Verzeihung für Fehler, wirbt aber auch um Verständnis dafür, dass er das Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zunächst nicht veröffentlicht, sondern ein zweites Gutachten abwarten will: "Tatsächlich benötige ich als Bischof hinsichtlich aller relevanten Personen eine bestimmte qualitative und quantitative Faktenlage, die ein klares und konsequentes Veränderungshandeln dann auch nachhaltig möglich macht", schreibt Woelki. Sein Ziel sei weiterhin die Aufklärung - "selbstverständlich auch im Blick auf meine Person".

Am 18. März soll das zweite Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke vorgestellt werden. Es zählt mehr als 300 Verdachtsmeldungen, mehr als 300 Opfer und mehr als 200 Beschuldigte auf, berichtet der Spiegel. Woelki hatte schon früher mitgeteilt, dass Gercke 236 Fälle untersucht habe. Woelkis Entscheidung, das erste Gutachten - unter Verweis auf angebliche methodische Mängel - nicht zu veröffentlichen, hatte eine beispiellose Krise ausgelöst. Der Diözesanrat kündigte Woelki die Zusammenarbeit auf.

Die Bischofskonferenz wird über die Kölner Affäre reden

Die Krise weist inzwischen weit über das Erzbistum hinaus. Sie wird auch die Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz beschäftigen, die am Dienstag beginnt. Die Bischöfe wollen auch über Kirchenaustritte reden, die Kölner Affäre dürfte die Zahlen noch einmal nach oben treiben.

Als am Freitag auf der Homepage des Amtsgericht ein neues Kontingent für Austrittstermine freigeschaltet wurde, brachen unter dem Ansturm der Interessenten die Server zusammen. Zeitweise habe es gleichzeitig etwa 5000 Zugriffsversuche gegeben, sagte ein Gerichtssprecher. So etwas sei noch nie vorgekommen.

Von einer "ökumenischen Haftungsgemeinschaft" sprach der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski. Wenn Menschen in der Kirche misshandelt, missbraucht und herabgewürdigt würden, litten alle Konfessionen darunter. Rekowski feierte am Samstag mit Woelki eine ökumenische Passionsandacht in der Düsseldorfer Johanneskirche. Von evangelischer Seite war die Forderung laut geworden, die Andacht abzusagen. Rekowski lehnte das ab. Ein Gottesdienst sei "kein unterstützendes Signal für kirchenpolitische Entscheidungen".

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland steht wegen ihrer Missbrauchsaufarbeitung in der Kritik. Ein systematisches Gutachten, über das man streiten könnte, gibt es dort noch nicht einmal.

© SZ/jok
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