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Historiker Andreas Rödder:"Dass Lafontaine Kanzler wird, war eine ganz realistische Annahme"

Globalisierung und Digitalisierung, Finanzkrise und Terrorismus - seit der Wiedervereinigung mussten die Deutschen sich einigen Herausforderungen und Krisen stellen. Haben sich West- und Ostdeutschland durch diese gemeinsamen Erfahrungen einander angeglichen?

Was die Infrastruktur angeht, ist das in vielem sicherlich richtig. Die neuen Bundesländer sind da viel näher an den alten Bundesländern als an den anderen postkommunistischen Staaten. Insgesamt habe ich aber nicht den Eindruck, dass diese Entwicklungen überwiegend Gemeinschaft gestiftet hätten. Nach wie vor gibt es erhebliche sozialpsychologische Differenzen zwischen Ost und West. Diese werden besonders in der Deutung der genannten Krisen sichtbar. Was die Finanzkrise und ihre Folgen angeht, scheint das in den neuen Ländern noch stärker der Marktwirtschaft zugeschrieben zu werden als im Westen. Und wenn man auf den Terrorismus schaut, kommt man ganz schnell zur Frage der Flüchtlingspolitik, die Ost und West weiter auseinandergebracht hat.

Zeithistoriker Andreas Rödder lehrt als Professor an der Universität Mainz. Neben anderen hat er mehrere Bücher zur jüngeren deutschen Geschichte geschrieben. Zuletzt erschienen "Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems" (S. Fischer Verlage 2018) sowie in zweiter Auflage seine kleine "Geschichte der deutschen Wiedervereinigung" (C.H.Beck Verlag 2018).

(Foto: Bert Bostelmann)

Inwiefern unterscheidet sich die Ausländerfeindlichkeit in Ost und West?

Dieses Phänomen gibt es einerseits hüben wie drüben. Andererseits ist es in Ostdeutschland offensichtlich manifester. Dort ist es in stärkerem Maße möglich, offen Dinge zu artikulieren, die im Westen nicht öffentlich artikuliert werden können.

Sehen Sie eine Rückwirkung auf Westdeutschland?

Es gibt natürlich Entgrenzungstendenzen. In dem Moment, wo das eine am Ort A möglich wird, wird es auch am Ort B möglich. In der Frage, was man öffentlich sagen kann, gibt es natürlich Wechselwirkungsprozesse zwischen Ost- und Westdeutschland. Aber dabei geht es allenfalls darum, Dinge zum Vorschein zu bringen, die bereits angelegt sind. Die Westdeutschen sind nicht durch den Osten "infiziert" worden.

Die alte BRD war eine vielen Bereichen konservative Gesellschaft. Deutlich wird das unter anderem an der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Beruflicher Aufstieg wurde vor allem Männern zugestanden. Verheiratete Frauen arbeiteten oft gar nicht oder in Teilzeit - und es war ganz klar, dass vor allem sie für Kinder zuständig waren. Hat das ostdeutsche Modell der Vollzeit arbeitenden Mutter hier etwas verändert?

Die weibliche Emanzipation ist meiner Ansicht nach in allererster Linie eine Folge der Bildungsreformen der Sechzigerjahre gewesen - und nicht der Wiedervereinigung. Die Generation der heute Vierzig- bis Fünfzigjährigen ist damit groß geworden, dass Frauen ganz selbstverständlich akademische Bildung genießen und erwerbstätig sein wollen. Das hat sich mit einer gewissen Verzögerung gesamtgesellschaftlich durchgesetzt. Zudem muss man bedenken, dass es grundsätzlich zwei sehr unterschiedliche Begründungen für weibliche Erwerbstätigkeit gibt.

Was meinen Sie damit?

Es gibt die proletarische Form, wonach Frauen arbeiten müssen, weil der Lohn des Mannes allein nicht reicht. Und es gibt die bürgerliche Variante, die sagt: Frauen wollen arbeiten, weil sie darin die Möglichkeit zu Selbstentfaltung und sozialer Positionierung sehen. Die Tradition der DDR lag rein volkswirtschaftlich betrachtet in der Tradition der proletarischen Frauenerwerbstätigkeit, während die moderne Familienpolitik, wie sie insbesondere von Ursula von der Leyen durchgesetzt wurde, sehr stark in der bürgerlichen Tradition steht. Diese beiden Begründungsstränge haben Sie bis heute. Es ist ja ein Unterschied, ob eine Frau als Fabrikarbeiterin im Schichtdienst arbeitet oder ob eine promovierte Chemikerin Karriere macht.

Wie sieht es mit der Kinderbetreuung aus? Noch 1989 wurden Vorstöße für Krippenplätze in Westdeutschland als "Frühablieferung" und "sozialistischer Irrweg" geschmäht.

Die DDR hat mit ihrer Tradition der umfangreichen frühkindlichen außerfamiliären Betreuung sicher Druck auf das Modell der Bundesrepublik ausgeübt. Entscheidender war jedoch der Druck durch die Frauenerwerbstätigkeit und die zunehmend globalisierte Wirtschaft.

Die Berliner Republik wirkt weltläufiger und offener als die Bonner Republik. Liegt das am gewachsenen Selbst- oder Machtbewusstsein durch die Wiedervereinigung?

Auch hier denke ich eher, dass es andere Entwicklungen sind, die die Lebenswelten verändert haben. Wenn ich mir anschaue, wie junge Menschen heute Englisch sprechen und wenn ich das mit meinem Englischunterricht in der Schule der Achtzigerjahre vergleiche, dann ist da eine Form von Weltläufigkeit normal geworden, die mit Bildungsreform, Globalisierung und Digitalisierung sicher besser zu erklären ist als mit der Wiedervereinigung.

Zum Schluss noch ein Gedankenspiel: Ende der Achtzigerjahre waren viele Wähler Helmut Kohls überdrüssig. Wäre die Mauer nicht gefallen, wäre bei der Bundestagswahl 1990 vielleicht Oskar Lafontaine zum Kanzler gewählt worden.

Dass Lafontaine Bundeskanzler wird, entsprach noch im Januar 1990 den allgemeinen Erwartungen, das war eine ganz realistische Annahme.

Was wäre in der Bundesrepublik dann politisch anders gelaufen?

Vieles. Die SPD hätte eine Wirtschaftspolitik im Sinne der ökologischen Marktwirtschaft gemacht, die sie auf dem Parteitag im Dezember 1989 beschlossen hatte. Das Programm, das die SPD sich damals gegeben hat, war auf der Höhe der Zeit für eine Volkspartei der linken Mitte. Es wurde unter der Lawine der Wiedervereinigung begraben. Der Gedanke, dass Lafontaine Kanzler geworden wäre, zeigt, wie offen Geschichte ist. Dass Helmut Kohl die nächsten Bundestagswahlen gewinnt, das war Anfang 1990 die eher unwahrscheinliche Option - etwa so, als wenn Angela Merkel 2021 noch einmal Kanzlerin wird.

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