bedeckt München 22°

Historiker Andreas Rödder:"Die Deutschen haben die Tendenz zu einem kulturellen Überlegenheitsgefühl"

Wiedervereinigung, Tag der deutschen Einheit

Etwa eine Million Menschen feierten in der Nacht des 3. Oktober 1990 in Berlin die wiedergewonnene deutsche Einheit. Heute ist nicht mehr allen zum Feiern zumute, das geeinte Deutschland aber doch Normalität.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was hat sich eigentlich im Gebiet der alten Bundesrepublik durch die Wiedervereinigung verändert? Historiker Andreas Rödder über Kontinuität und Wandel in Westdeutschland.

Für die Menschen in der ehemaligen DDR bedeuteten der Mauerfall und die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 einen massiven Umbruch. Doch was hat sich im Gebiet der alten Bundesrepublik dadurch verändert? Zeithistoriker Andreas Rödder über den deutschen Hang zur Selbstüberhöhung, belastete Sozialkassen und die zerstobene Option eines Kanzlers Lafontaine.

SZ: Herr Rödder, die Front des Kalten Krieges führte mitten durch Deutschland hindurch. Fühlten sich die Westdeutschen nach dessen Ende sicherer, atmeten sie auf?

Andreas Rödder: Das taten sie, denn tatsächlich hat sich die reale, aber auch die empfundene Bedrohungslage ja gewandelt. Wenn man bedenkt, dass sechs Jahre vor dem Mauerfall die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen in Deutschland begonnen hatte und damit der Höhepunkt des sogenannten Zweiten Kalten Krieges erreicht war; wenn man überlegt, wie stark die bundesdeutsche Kultur immer von der Angst geprägt war, dass "der Russe" kommen könnte, dann wird klar, welchen Unterschied das Ende der Blockkonfrontation bedeutete. So verstärkte sich etwas, das vor 1989 bereits angelegt war: das Selbstverständnis Deutschlands als Zivilmacht. Das ist das Bild von sich selbst, das die Bundesrepublik bis heute in hohem Maße hat.

Bundesregierung Die zähe Aufholjagd des Ostens
Deutsche Einheit

Die zähe Aufholjagd des Ostens

Überalterung, Strukturschwäche, Fachkräftemangel: Der Jahresbericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit zeigt, dass der Osten noch immer hinter dem Westen zurückbleibt. Aber es gibt Hoffnung.   Von Gunnar Herrmann

Unterscheidet sich dieses Selbstbild sehr stark von früheren?

Vor allem vor 1914, aber insgesamt noch bis 1945 haben die Deutschen ihre Tugenden vor allem als Gehorsam, Treue und Tapferkeit definiert - das hat sich grundlegend gewandelt. Was sich allerdings durchzieht, ist die Tendenz der Deutschen zu einem kulturellen Überlegenheitsgefühl. Das gilt für die deutsche Tapferkeitskultur vor 1914 genauso wie für die Willkommenskultur von 2015.

Sie meinen, wir haben einen generellen Hang zur Überhöhung unserer Tugenden?

Genau. Diese Neigung geht zurück auf die Entstehung des deutschen Selbstbildes in der Romantik mit all ihrem idealistischen Überschuss. Ein universalisierender Nationalismus vor 1914 hat sich in einen universalisierenden Humanitarismus des frühen 21. Jahrhunderts verwandelt. Die Inhalte sind unterschiedlich, die Mechanismen sind ganz ähnlich.

Kommen wir zurück zur Wiedervereinigung. Die Menschen in der ehemaligen DDR haben nach der Wende von 1989/90 eine enorme Anpassungsleistung erbracht. Inwiefern hat sich der Westen verändert?

Was die Westdeutschen angeht, waren Globalisierung und Digitalisierung als Treiber des gesellschaftlichen Wandels stärker als die Wiedervereinigung. Institutionell hat sich hier durch die Angliederung der DDR kaum etwas verändert. Deshalb haben die Westdeutschen übrigens auch die umfassende Verändungs- und Anpassungsleistung der Ostdeutschen unterschätzt. Das ist eine der Ursachen für die Diskrepanzen, die uns heute noch begleiten. Im Gebiet der alten Bundesrepublik hat sich die Wiedervereinigung mittelfristig durch die Erhöhung von Steuern und Abgaben sowie durch das Fehlen von Geld und das Ausbleiben von Investitionen bemerkbar gemacht - also durch die wirtschaftliche Krise infolge der Vereinigung. Außerdem hat die Tätigkeit des Staates deutlich zugenommen. Keine private Institution oder Organisation hätte so mit all diesen Folgelasten der Wiedervereinigung umgehen können.

Interview am Morgen "Cheer up, Germany!"
Deutscher Pessimismus

"Cheer up, Germany!"

Jeremy Cliffe berichtet für den britischen "Economist" aus Berlin und wundert sich über die Schwarzmalerei im Land. Wenn Deutschland so weitermache, so der Journalist, drohe es im eigenen Pessimismus zu ertrinken.   Interview von Carolin Gasteiger

Die finanzielle Belastung durch die Wiedervereinigung war deutlich höher als zunächst angenommen. Wie konnten Wirtschaftexperten und Regierung sich so täuschen?

Es war eine riesige Illusion zu glauben, dass die Wiedervereinigung kostenneutral über die Bühne gehen könnte. Die alte westdeutsche Bundesrepublik hat sich den Illusionen ihres eigenen Gründungsmythos hingegeben. Die Vorstellung vieler war, das Ganze wird so werden, wie es 1948 gewesen war: Man macht eine Währungsreform und dann kommt das Wirtschaftswunder. Doch dann machten die Menschen in den neuen Ländern eine ganz andere Erfahrung: der Einführung der D-Mark folgte der industrielle Absturz. Nicht zuletzt in dieser Erfahrung liegen erhebliche sozialpsychologische Folgewirkungen der Wiedervereinigung in den neuen Ländern begründet.

Der sogenannte Soli - ursprünglich eingeführt für ein Jahr - wird von den Steuerzahlern bis heute abgeführt. Vor allem aber wurden die Arbeitslosen- und Rentenkassen massiv belastet. Wären die umstrittenen Hartz-Gesetze auch ohne die Wiedervereinigung notwendig gewesen?

Die Hartz-Reformen wären vermutlich nicht so dringlich gewesen. Strukturprobleme der sozialen Sicherungssysteme gab es auch schon in der alten Bundesrepublik vor 1989. Sie wurden durch die Folgelasten der Wiedervereinigung aber enorm verstärkt. Wie sehr diese Folgekosten auch die westdeutschen Bundesländer beeinträchtigt haben, ist deutlich sichtbar, wenn man heute nach Österreich oder in die Niederlande blickt. Hier sind die öffentlichen Investitionen, was zum Beispiel die Infrastruktur angeht, wesentlich weiter gekommen.