Werkstatt Demokratie:China: Ernüchterter Blick auf einen Sehnsuchtsort

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Merkel auf einem Magazin-Cover in China

Magazin-Cover mit Angela Merkel in Peking (Archivbild)

(Foto: dpa)

Vor ein paar Jahren veröffentlichte eine amerikanische Zeitschrift die meist gesuchten Begriffe und Fragen chinesischer Internetnutzer rund um Europa. Da hieß es dann zum Beispiel: Warum hassen die Deutschen immer noch Hitler? Warum wird Italien nicht wie Japan und Deutschland für seine Rolle im Zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht? Wenn Österreich deutschsprachig ist, warum schließt es sich Deutschland nicht an? Warum überfällt Spanien nicht Portugal und Italien den Vatikan?

Wer in China unterwegs ist, bekommt nicht wenige solcher Fragen direkt gestellt. Das Interesse an Europa ist hoch, die Neugier ehrlich. Das Wissen in der Bevölkerung allerdings ist nicht immer groß (wenn auch weit größer als bei Europäern über China!).

Die chinesische Regierung dagegen hat Europa in den vergangenen Jahrzehnten genau studiert. Die Mechanismen der Europäischen Union und ihre Schwächen? Peking kennt sie. Die Flitterwochen zwischen beiden Partnern nach Ende des Kalten Krieges sind aber nach Jahren der Annäherung vorbei, schreibt der chinesische Politologe Chen Zhimin. Das wachsende Handelsdefizit, unfaire Geschäftspraktiken, die Frage der Menschenrechte und das umstrittene chinesische Engagement in Afrika belasten das Verhältnis.

Europa war für viele Chinesen lange ein Sehnsuchtsort, das bessere China. Sichere Lebensmittel, vertrauenswürdige Produkte, gute Luft. Die aufsteigende Wirtschaftsmacht träumte davon, an mächtige Staaten wie Deutschland aufzuschließen. Die Finanz- und Schuldenkrise haben in China aber Zweifel an der Regierungsfähigkeit der europäischen Staaten geweckt. Während sie wankten, beschloss Peking ein Investitionspaket in Milliardenhöhe. Die boomende chinesische Konjunktur wurde zum Motor der Weltwirtschaft. Die globale Machtverteilung verschob sich in Richtung Asien. In einer Umfrage der staatlichen Global Times erklärten noch 2009 rund 20 Prozent der chinesischen Bevölkerung, Europa sei ein wichtiger Partner. Ein Jahr später waren es nur noch sieben Prozent.

Die Staatspresse schlachtete die Krisen hemmungslos für ihre Tiraden gegen die westlichen Demokratien aus. Das anscheinende Chaos machte es leicht, die Kommunistische Partei als handlungsfähigeren Akteur zu porträtieren. China sollte nicht mehr zum Westen aufschauen. Das chinesische Modell, die Einparteienherrschaft, sei eben doch überlegen, jubiliert die Presse seitdem. Nicht wenige Chinesen reisen nicht mehr nach Europa. Sie glauben durch die Berichte über die Flüchtlingskrise, dass es dort zu unsicher geworden sei. Viele halten es zudem für naiv, Flüchtenden zu helfen, vor allem Muslimen.

Ist die Faszination der Chinesen für Europa also vorbei? Das eher nicht. Wenn man heute Europa in eine chinesische Suchmaschine eintippt, vervollständigt sie das Wort immer noch zu der Frage: "Wie komme ich an ein Schengen-Visum?" Sicher ist aber, dass der Blick auf den alten Kontinent nüchterner geworden ist.

Von Lea Deuber, Peking

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