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Werkstatt Demokratie:Europa muss sich als zweite oder dritte Heimat anbieten

(Foto: dpa; Illustartion Jessy Asmus)

Die EU ist auf Vernunft gebaut. Doch der Mensch lebt nicht von Vernunft allein. Er braucht auch Geborgenheit, sehnt sich nach Heimat. Europa wird nur überleben, wenn es darauf Antworten findet.

Sie ist in Verruf geraten, die Heimat. Vor allem in Deutschland argwöhnten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg viele, unter den blühenden Wiesen des Heimatbegriffs könnten sich Blut und Boden samt dampfender Schollen verbergen, über die irgendwann wieder national aufgeputschte Soldaten stampfen, um erst die Heimat anderer und schließlich die eigene zu zerstören. Der Kitsch vieler Heimatfilme verstärkte die Ablehnung. War Heimat nicht nur eine Verkleidung des Spießig-Provinziellen, der geistigen Enge und sozialen Kontrolle? Ein quasi-faschistisches Bullerbü? Die entstehende EU erschien als Möglichkeit, einer solchen Heimat zu entkommen. Das Weltbürgertum eine andere. Alle Menschen werden Brüder und Schwestern.

Doch die Heimat ist zurück. Rechtsautoritäre, Identitäre und Nationalisten haben sie als Kampfbegriff an sich gerissen. Sie bringen die Heimat, im Sinne eines biologisch bestimmten Volkes und seines Territoriums, in Stellung gegen Globalisten, Eurokraten, Flüchtlingsfreunde. Sie versprechen, das von ihnen definierte Volk zu verteidigen gegen Weltkonzerne, globale Eliten, naive Gutmenschen und "die da in Brüssel".

In Großbritannien haben die vermeintlich Heimattreuen ein Referendum gewonnen. In Polen oder Ungarn sind sie an der Regierung und agitieren gegen die EU, aus der sie aber nicht austreten, der wirtschaftlichen Vorteile wegen. Dito in Italien. In Frankreich und Deutschland, zwei Kernländern der EU, haben sie mehr Zulauf denn je seit dem Krieg. Und die Pro-Europäer tun sich, kurz vor den Europawahlen, schwer, diesen Kräften etwas entgegenzusetzen.

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Heimat Europa" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Dabei ist die Schlacht um den Heimatbegriff eine entscheidende im Ringen zwischen Autoritären und Liberalen, Nationalisten und Multilateralisten. Letztere haben etliche Fehler begangen, und der Schlimmste war die Arroganz, sich über das legitime, vernünftige Heimatbedürfnis vieler Menschen hinwegzusetzen. "Heimat ist, wo mein Laptop ist", hat die isländische Sängerin Björk einmal gesagt. Das mag das Lebensgefühl einer polyglotten, hoch mobilen Minderheit ausdrücken. Die Mehrheit der Bürger findet sich darin nicht wieder. Für sie ist Heimat ein Reich des Vertrauten, Überschaubaren, der Sicherheit und Solidarität, der Verbundenheit mit der eigenen Geschichte, dem eigenen Werden. Heimat ist das Stadtviertel oder Dorf, in dem sie aufgewachsen sind, das Vogelnest im Rosenstock, die Party im Jugendklub, das Grillen mit den Nachbarn, die Sprache, die Geschichte, die Bräuche. Europa als Ganzes hat nicht viel von solcher erinnerter Geborgenheit zu bieten. "Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt", wusste schon der einstige Kommissionspräsident Jacques Delors.

Und doch wird sich Europa dem Heimatbedürfnis stellen müssen, wenn es überleben will. Rein rationale Begründungen des Einigungswerks - Frieden zwischen den Völkern, Wohlstand durch Handel, Selbstbehauptung in der globalisierten Welt - reichen nicht mehr aus, eine Union aus mehr als zwei Dutzend geschichtlich gewachsenen Nationalstaaten zusammenzuhalten. Doch welche Haltung kann Europa zur Heimat finden? Das sehr Große zum ziemlich Kleinen?

Erstens muss die EU verdeutlichen, dass sie der kleinen Heimat nichts Böses will. Im Gegenteil. Dass sie diese schützt und verteidigt in einer Welt, in der auch heute meist das Recht der Starken zählt. "Brüssel", "Europa", will niemandem seine gewachsene, vertraute, bewährte Heimat nehmen. Es will Bayern und Preußen, Katalanen, Slowaken, Schotten, Bretonen, Esten, Ungarn, Zyprioten, Sizilianer oder Wallonen nicht gleichmachen wie ein Hobel, der über eine raue Oberfläche schrammt. Das Europa der Regionen und das Subsidiaritätsprinzip - wonach die Dinge auf möglichst bürgernaher Ebene zu regeln sind - beweisen, dass die EU die gewachsene Identität ihrer Bürger achtet und fördert. Sie muss nur noch mehr tun, dies erfahrbar zu machen.

Der moderne Mensch muss sich nicht auf eine Identität festlegen

Zweitens kommt Europa nicht umhin, den Bürgern auch ein europäisches Heimatgefühl zu bieten. Die kühl-abstrakte EU der Räte, Kommissare, Verordnungen ist notwendig, aber nicht hinreichend. Europa muss, will es die Bürger gewinnen, zu Herzen gehen. Es sollte sich als zweite oder dritte Heimat anbieten, als äußere Schale einer Identitätszwiebel, in deren Kern sich Stadtviertel und Dorf befinden. Der moderne Mensch braucht sich nicht auf eine einzige Identität festzulegen, er kann mit mehreren spielen.

Die große Frage wird sein: Kann Europa das - eine eigene Identität schaffen? Dagegen sprechen seine Ausdehnung, Vielgestaltigkeit und Vielsprachigkeit, die Rivalitäten und Animositäten der Nationen, die Verführbarkeit der Bürger für populistische Parolen. Dafür sprechen die Geschichte eines Kontinents, den schon die Römer in weiten Teilen einten; die Werte - Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte -; die Interessen - Wohlstand, Sicherheit, Freiheit. Europa, das sollte Klimaschutz und Artenvielfalt sein, Hilfe für Arme und Arbeitslose über nationale Egoismen hinweg, Begrenzung der Allmacht globaler Konzerne, mehr Bürgeraustausch nach dem Vorbild des Erasmus-Programms, Vertrautheit. "Ein Europa, das schützt", wie es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fordert, und das den Bürgern so die nötige Sicherheit gibt, um sich frei entfalten zu können. Heimat eben.

Die Europäer sollten sich aber auch einmal von außen betrachten, um zu erkennen, wie sehr sie bereits jetzt einander Heimat sein könnten, wenn sie sich solidarisch fühlen, statt sich auseinanderdividieren zu lassen. Wie sehr dieses Europa einen Raum schützt, in dem Heimatgefühle auch in Zukunft möglich sind. "Ubi bene, ibi patria", sagte Cicero. "Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland." Wann ging es den Europäern je besser als in der EU?

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