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Street Art:Mehr Berlin täte Moskau gut

Wandbild von Martin Ron

Einwurf aus 14 000 Kilometer Entfernung: Der zehnjährige Harry Lebrun aus Südaustralien auf einer Moskauer Häuserwand.

(Foto: Paul Katzenberger)

Ob Biennalen, Auktionen oder Festivals: Kein anderes Land forciert die Straßenkunst so sehr wie Russland. In Moskau entstanden so innerhalb weniger Jahre Tausende Wandbilder. Doch mit Protestkultur hat das nichts zu tun.

Dafür, dass Harry Lebrun persönlich noch nie in Moskau war, kennen verhältnismäßig viele Moskauer sein Gesicht. Es prangt an der Seitenwand eines fünfstöckigen Wohnhauses an der verkehrsreichen Marschall-Schukow-Allee im Stadtteil Schtschukino. Das Graffito zeigt den zehnjährigen Jungen aus Tumby Bay in Südaustralien, wie er einen Einwurf mit einem Fußball ausführt.

Auf die Hauswand gesprüht hat es der argentinische Straßenkünstler Martin Ron kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Jahr in Russland. Am verkehrsreichen Taganka-Platz verewigte er außerdem kickende Superhelden wie Iron Man, Spiderman und Captain America im Moskauer Stadtbild.

Rons Wandbilder, die im Rahmen des Street-Art-Festivals "Most" entstanden sind, stehen exemplarisch für das Bemühen Moskaus, Teil der globalen Street-Art-Szene zu werden. Und tatsächlich: Wer in diesen Tagen durch die Moskauer Innenstadt geht, stößt fast an jeder Ecke auf Wandmalereien. Die Themen betreffen nicht nur die Fußball-WM, sondern sind vielschichtig. Es geht um Kultur, Geschichte und allgemein Menschelndes wie Melancholie und Alter.

Graffiti in Moskau

Heldenkult statt Diskurs

Auch außerhalb der Innenstadt werden die Wände immer bunter: Mal sieht man einen 30 Meter hohen "Russischen Bären" an einer Hausfassade im Südwesten der Stadt, mal den "Löwen Bonifaz" im Westen, eine in Russland bekannte Zeichentrickfigur des Cartoonisten Sergej Alimow.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Wandbilder in Moskaus Straßen offiziell als unerwünscht galten: Noch 2010 beklagte sich die Moskauer Street-Art-Kuratorin Oksana Bondarenko in der New York Times darüber, wie hart das Leben in Russland für Sprayer sei: "Der Staat investiert Millionen von Rubel, um Graffiti-Künstlern das Handwerk zu legen und deren Arbeiten im öffentlichen Raum zu übermalen", sagte sie damals.

150 "Graffitis" auf einen Schlag

Mit Sergej Sobjanin änderte sich das allerdings. Als er 2010 Bürgermeister von Moskau wurde, setzte er sich zum Ziel, die Stadt zugänglicher im urbanen Raum zu gestalten: Plötzlich zierten Grünstreifen die Straßen, der Gorki-Park wurde mit neuen Galerien, Freilichtkinos und schicken Restaurants aufgewertet und war im Sommer prompt voller Leben.

Auf einmal gab es sogar Radwege, die der Rede wert waren. Der Plan: Moskau sollte urbaner und "europäischer" werden. Auch im Stadtbild. Da war es nur folgerichtig, dass 2013 ein Umdenken bei der Stadtverwaltung hinsichtlich der Straßenkunst einsetzte. Der Leiter des Moskauer Kulturamtes, Sergej Kapkow, kündigte damals an, dass im Rahmen des Festivals "Beste Stadt der Welt" auf einen Schlag 150 "Graffiti" entstehen sollen.

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Graffiti bedeutet in diesem Fall allerdings nicht kritische Auseinandersetzung oder Abbildung persönlicher Meinung. Kapkows Behörde hatte keineswegs vor, Sprayern einen größeren Freiraum zuzugestehen. Vielmehr steckte dahinter als einzige Motivation, das Dekor im Stadtbild aufzuhübschen. Dieses sollte dem Mainstream-Geschmack entsprechen, "schön" und gediegen sein - und vor allem frei von jedem kontroversen Inhalt. Aber genau dieser ist nun mal bestimmendes Merkmal einer Protestkultur wie Graffiti.

Von zeitloser Harmlosigkeit geprägt

Tausende Wandbilder entstanden in Moskau innerhalb weniger Jahre auf Nachfolgeveranstaltungen des Festivals "Beste Stadt der Welt" ( eine Auswahl ist auf dieser Karte in russischer Sprache zu sehen, Anm. d. Red.) Und obwohl sie häufig von international anerkannten Street Art-Künstlern stammen, erinnern sie manchmal sogar an die Heile-Welt-Propaganda an den Hauswänden in der Sowjetunion: Darstellungen berühmter Schriftsteller, historischer Figuren oder etwa Kriegshelden. Handwerklich saubere Auftragsarbeit, die gut bezahlt wird, und in der Mehrzahl von zeitloser Harmlosigkeit geprägt ist.