Wahlkampf in Hamburg:Viele Köpfe, wenig Tiefgang

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Wahlplakate in Hamburg

Wahlplakate in Hamburg

(Foto: dpa)

100 000 Plakate mit lächelnden Gesichtern - in Hamburg ist man umzingelt von Slogans und künstlicher Zuversicht. Der Wahlkampf war eine Enttäuschung. Aber vielleicht wollen es die Wähler ja gar nicht anders.

Ein Kommentar von Thomas Hahn

Am Sonntag ist Schluss mit Wahlkampf, und dann kommen hoffentlich auch bald die Köpfe herunter, die jetzt noch überall an der Alster von Bäumen und Wänden hängen.

In den vergangenen sieben Wochen hatte man in Hamburg manchmal den Eindruck, jemand habe eine Meisterschaft im Plakate-Wettkleben ausgeschrieben, so großflächig tapeziert war die Hansestadt mit den Werbe-Bildern der Parteien. Mehr als 100 000 Plakate hingen da, lauter lächelnde Gesichter und Schlagzeilen, die eine bessere Welt versprachen - in der Dichte der Hafen-Metropole wirkte es, als sei man umzingelt von Slogans und künstlicher Zuversicht.

Die Farben der Demokratie waren sehr gegenwärtig, was im Grunde eine gute Sache war. Und doch hat man in Hamburg jetzt irgendwie genug davon. Nervt die Politik?

Das ist nichts Neues, dass die Politik ihre eigenen Schlagzeilen schreibt, und dass diese Schlagzeilen manchmal größer und platter sind als jene aus der gescholtenen Boulevardpresse. Trotzdem bleibt die Frage aktuell, ob es sich bei diesem Wahlkampf-Theater nur noch um eine Abfolge von Show-Effekten handelt oder doch um eine authentische Inszenierung gesellschaftlicher Hingabe.

Aufs Kleingedruckte kommt es an. Auf die Inhalte hinter den großen Buchstaben, und gerade in der vornehmen Handelsstadt Hamburg, in der man so viel von hanseatischen Umgangsformen und gediegener Streitkultur hält, möchte man wissen, ob es den Parteien im Wettlauf um die Wählerstimmen gelungen ist, diese Inhalte ans Licht und ins Bewusstsein der Leute zu bringen.

Haben die Wahlkämpfer die Chance genutzt, die ihnen diese Wochen vor dem entscheidenden Sonntag boten? Haben sie den Menschen einen Weg durch die Gegenwart Richtung Zukunft weisen können? Oder haben sie sich doch wieder nur aufgehalten mit verwirrendem Klein-Klein und ideologischen Schattengefechten?

Mehr als ein Panoptikum der Eitelkeiten

Fleißig sind sie jedenfalls gewesen. Niemand hat sich geschont, das ist sicher, und es wäre viel zu einfach, wenn man die Hauptdarsteller dieses Hamburger Wahlkampfes abtun würde als reine Handlanger der Oberflächlichkeit. Das Parteienspektrum ist viel mehr als ein Panoptikum der Eitelkeiten. Gerade dort, wo die Macht kein natürlicher Anspruch ist, kann man eine Leidenschaft und eine Freude am Zweifel entdecken, die dem politischen Diskurs erst Sinn gibt.

Den Grünen und den Linken hat man dabei zusehen können, wie sie gegen einen schalen Optimismus ankämpften, der großzügig über die ökologischen beziehungsweise sozialen Probleme Hamburgs hinwegsieht. Und wenn einer sagt, er habe nicht verstanden, für was die FDP-Frau Katja Suding steht, dann hat er die Ohren nicht richtig aufgemacht. Auf der Bugwelle ihres Bundesvorsitzenden Christian Lindner hat Suding deutlich Position bezogen für die Freiheiten einer eher kompromisslosen Marktwirtschaft. Und die Debatte dieser drei sogenannten kleinen Parteien im NDR war das Beispiel für ein gepflegtes Gegeneinander im 45-Minuten-Format.

Trotzdem ist auch dieser Wahlkampf wieder eine Enttäuschung gewesen. Der SPD-Bürgermeister Olaf Scholz hat sich sehr bemüht, so bürgernah wie möglich zu wirken. Er hat sich sogar zweimal auf eine Zwei-Mann-Diskussion mit seinem CDU-Widersacher Dietrich Wersich eingelassen.

Aber erstens waren diese als "Duell" vermarkteten Fernsehauftritte keine Duelle auf Augenhöhe, so abgeschlagen wie der freundliche Herr Wersich in den Umfragen war.

Zweitens bewarfen sich die beiden Männer in erster Linie mit Zahlen und Fakten, welche sie jeweils für ihren Bedarf zusammengesammelt hatten und die mehr Verwirrung als Klarheit stifteten.

Vorhersehbares Gezänk war das, das der Amtsinhaber Scholz im Vertrauen auf seine Stärke stoisch ertrug. Er zählte die Versprechen auf, die er nach seinem Prinzip des ordentlichen Regierens gehalten hatte, und stellte seine eiserne Vernunft zu Schau. Es fiel ihm nicht schwer, die Angriffe abzuwehren. Er kam dabei ohne jede neue Idee für die Stadt aus. Es wirkte wie Wahlkampf nach Vorschrift. Nicht sehr inspirierend.

Kleine Affäre um die Beine einer Überlebenskämpferin

Und sonst? Die AfD mit ihrer Mannschaft aus früheren Schill-Partei-Gängern war zwar neu unter den Bürgerschaftsbewerbern, aber ihre rechtskonservative Haltung wirkte alt und staubig.

Und dann gab es ja auch noch die Publikumserfolge der FDP-Überlebenskämpferin Suding: die kleine Affäre um ihre Beine, denen ein ARD-Kameramann beim Dreikönigstreffen der Liberalen eine Einstellung in Überlänge gewidmet hatte. Sowie ihr Auftritt mit den Partei-Kolleginnen Lencke Steiner und Nicola Beer als Stöckelschuh-Karate-Engel im Regenbogen-Magazin Gala.

So erschließe man der Politik breitere Gesellschaftsschichten, sagte Katja Suding, und das Schlimme ist: Wahrscheinlich stimmt das sogar. Die meisten Leute haben gar nicht den Anspruch an die Politiker von heute, dass sie einen radikalen Entwurf für die Stadt von morgen liefern sollen - irgendeine außergewöhnliche Idee, die das Nebeneinander von Wirtschaft, Umwelt und Sozialstaat auf ein neues Niveau hebt.

Die wollen ihre Ruhe. Die wollen sich ohne Tamtam regieren lassen. Die sind schon froh, wenn eine Parlamentarierin gut aussieht und ab und zu ein paar Faxen macht. Insofern werden die meisten Leute gar nichts vermisst haben in den Wochen dieses Hamburger Wahlkampfes. Und sie werden ganz bestimmt auch nichts vermissen, wenn die vielen Plakate an den Bäumen und Wänden der Hansestadt bald wieder weg sind.

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