Wahl in Niedersachsen:Stephan Weil stützt ein Korsett aus klaren Prinzipien

Aber keiner sollte Weil unterschätzen. Den netten Mann stützt ein Korsett aus klaren Prinzipien, nach denen er Politik macht und seine Leute hinter sich versammelt. Er ist ein Chef, der nicht schreien muss, um klarzumachen, was die Situation erfordert. Mit seiner ausgleichenden Art hielt er viereinhalb Jahre lang die Koalition zusammen. Keine einzige Abstimmung verlor das rot-grüne Bündnis mit der Ein-Stimmen-Mehrheit. Und als die Zeiten turbulent wurden, schlug er mit der Gelassenheit des Redlichen zurück.

Der Stil der Regierung Weil war geprägt von Bekenntnissen zu sozialem Ausgleich, Gemeinschaftsschulen, Inklusion, Umwelt- und Tierschutz in der Landwirtschaft. Bei diesen Themen wollten CDU und FDP die Rot-Grünen stellen und als chaotische Weltverbesserer überführen. Das hätte auch gelingen können auf dem Fundament einer breiten konservativen Stammwählerschaft, die es gerade in den ländlichen Gebieten Niedersachsens gibt.

Aber Weil konterte mit der Erzählung von den kalten, wirtschaftsfreundlichen Konservativen, denen jedes Mittel auf dem Weg zur Macht recht sei. Der Coup, Elke Twesten aufgenommen zu haben und so die Mehrheitsverhältnisse umzudrehen, traf die CDU wie ein moralischer Bumerang. "Das ist bis heute ein Vorgang, der bei vielen Menschen in Niedersachen in Erinnerung geblieben ist und Empörung ausgelöst hat, dass man so was nicht macht", sagte Weil bei jeder Gelegenheit. Sein Herausforderer, der CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann, 50, versuchte das Thema Twesten kurzzuhalten, aber sah dabei nicht besonders überzeugend aus.

Der Beginn des VW-Skandals lag noch bei Schwarz-Gelb

Und auch die VW-Debatte überstand Weil ohne Schaden. Den Vorwurf, er habe seine Regierungserklärung frisieren lassen, entkräftete er. Er hatte sie nur auf bedenkliche Formulierungen im komplizierten juristischen Zusammenhang prüfen lassen. Und ein knappes Jahr bevor der Vorgang Anfang August in der Bild am Sonntag erschien, hatte ihn der Wirtschaftsausschuss durchgewinkt.

Althusmann versuchte, Weil als zaghaftes Aufsichtsratsmitglied darzustellen, er sagte im TV-Duell: "Sie haben sich treiben lassen ohne Verstand und Ziel." Da bekam Weils Stimme wieder diesen spitzen Ton, den er immer bekommt, wenn ihm politische Gegner mit dem Mittel der Vereinfachung begegnen.

Per Gesetz ist Niedersachsen 20-prozentiger Anteilseigner bei VW, dem wichtigsten Arbeitgeber des Landes, Ministerpräsident und Wirtschaftsminister sitzen im Aufsichtsrat. Das war auch schon so, als die VW-Machenschaften um eine betrügerische Abgas-Software vor etwa zehn Jahre begannen - und damals regierte Schwarz-Gelb.

Als der Skandal da war, musste Weil das tun, was auch jeder CDU-Ministerpräsident hätte tun müssen: Nach innen die Selbstherrlichkeit hochmögender Manager bremsen, aber im Interesse des Landes auch die Interessen des Unternehmens im Blick haben. Diesen Spagat schaffte Weil ordentlich, über Althusmanns Kritik lächelte er abschätzig. "Wir hatten in den zehn Jahren davor Fehlentwicklungen bei VW, die wir jetzt aufzuarbeiten haben", sagte er, "es ist beileibe nicht alles abgearbeitet."

Weil ist ein Bürgerpolitiker, der das Amt nicht als Bühne, sondern als Dienst am Gemeinwohl sieht. Als er Bürgermeister von Hannover war, setzte er sich monatlich im Fernsehen den Fragen der Bürger aus. Auch im Wahlkampf stellte er den Dialog über die markige Rede.

Gut möglich, dass er deshalb ein bisschen bieder wirkt. Dafür strahlt er ein echtes Interesse an den Menschen aus. Dass man damit Wahlen gewinnen kann, ist die beste Nachricht, die von seinem Sieg ausgeht.

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