Wahl in Frankreich Der härtere Wahlkampf steht Macron noch bevor

  • Der parteilose Emmanuel Macron hat die französische Präsidentschaftswahl mit mehr als 65 Prozent der Stimmen gewonnen.
  • Der ehemalige Wirtschaftsminister steht für einen proeuropäischen, wirtschaftsliberalen Kurs. Sein Programm ist allerdings in vielen Punkten noch unklar.
  • Der 39-Jährige muss sich schnell in seine Rolle einfinden. Im Juni sind Parlamentswahlen und Macron hat keine schlagkräftige Partei hinter sich.
Von Lilith Volkert, Paris

Der neue Präsident kommt zu Fuß. Alleine. Am Sonntag um kurz nach halb elf Uhr abends, zweieinhalb Stunden nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse, geht Emmanuel Macron langsam durch das Tor des Louvre. Der 39-jährige parteilose Kandidat hat diese Wahl mit mehr als 66 Prozent der Stimmen gewonnen. Man kann seinem Gesicht ansehen, dass er das noch nicht fassen kann. Zu Beethovens "Ode an die Freude" durchquert Macron den abgesperrten Teil des weitläufigen Hofes, steigt auf die Bühne vor der weltberühmten Glaspyramide und blickt fast staunend in ein Meer aus blau-weiß-roten Fahnen. Tausende seiner Anhänger jubeln ihm zu.

Die meisten Franzosen haben Macron allerdings nicht aus Begeisterung gewählt, sondern aus reiner Vernunft. Viele stimmten nur für ihn, um Marine Le Pen zu verhindern. Die rechtsextreme Kandidatin bekam mehr als ein Drittel der Stimmen. Dass sich jeder vierte Franzose enthalten hat und zwölf Prozent der abgegebenen Stimmen ungültig waren, schwächt Macrons Ergebnis zusätzlich. Nur etwa 20 der 47 Millionen Stimmberechtigten waren für ihn.

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Andererseits hat dieses Ergebnis auch etwas Gutes: Anders als sein Vorgänger François Hollande muss Macron sich nicht mit übertriebenen Erwartungen seiner Landsleute herumschlagen. In seiner Rede vor dem Louvre verneigt sich Macron mehrfach vor den Franzosen. Vor denen, die ihn gewählt haben, aber auch den anderen, die ihm nicht ihre Stimme gaben. Er sagt wenig "ich" und viel "wir". Sehr oft erwähnt er die "gewaltige Aufgabe", die vor ihm und dem ganzen Land liege.

Der neue Präsident hat kein Problem mit zu geringem Selbstvertrauen

Das Publikum nimmt die Worte des zukünftigen Präsidenten wohlwollend, aber nicht enthusiastisch auf. Wer französischer Präsident wird, muss sich mit Charles de Gaulle und Napoleon vergleichen lassen. Es sieht nicht so aus, als habe Macron ein Problem mit zu geringem Selbstvertrauen. Das zeigt schon der Ort, an dem der 39-Jährige vor seine Anhänger tritt. Die Sozialisten feiern ihre Wahlsiege traditionell an der Bastille, wo die französische Revolution ihren Anfang nahm, die Konservativen am Place de la Concorde. Macron hat keine Partei, deren Tradition er folgen muss. Er lässt sich dort bejubeln, wo früher Frankreichs Könige residierten.

Hier habe sich französische Geschichte abgespielt, sagt Macron in seiner Rede am Louvre. Der Platz sei ein "Ort aller Franzosen". Macron wird nicht viel Zeit haben, um sich in seine neue Rolle einzufinden. Ihn erwarten zahlreiche Probleme und ein strikter Zeitplan. Spätestens am 14. Mai wird er das Amt von François Hollande übernehmen. Vier Wochen später finden die Parlamentswahlen statt. Bis dahin muss Macron nicht nur eine Regierung ernennen und auf Kurs bringen, sondern auch seine im April 2016 gegründete Bewegung in eine schlagkräftige Partei verwandeln. Dieser noch anstehende Wahlkampf wird vermutlich härter als der, den Macron gerade erfolgreich hinter sich gebracht hat.