Waffenruhe in Syrien:Putin und Erdoğan nutzen Machtvakuum im Westen für Syrien-Deal

Waffenruhe in Syrien: Entdecken politische Gemeinsamkeiten: Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan

Entdecken politische Gemeinsamkeiten: Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan

(Foto: AFP)

Russland und die Türkei entdecken, dass ihre gemeinsamen Antipathien gegenüber dem Westen stärker sind als ihre Differenzen über Syrien. Der ausgehandelte Waffenstillstand zeugt von der neuen Kräfteverteilung in Nahost.

Analyse von Moritz Baumstieger

Als die türkische Luftabwehr im November 2015 einen russischen Kampfjet abschoss, der beim Einsatz über Syrien einige Sekunden den türkischen Luftraum verletzt hatte, hielt man überall den Atem an: Drohte der Nato-Staat Türkei in einen offenen Konflikt mit Baschar al-Assads mächtigen Freunden in Moskau zu geraten? Noch am selben Tag trafen sich die Nato-Botschafter in Brüssel zu einer Sondersitzung. Erst als sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen Tag später persönlich um Entspannung mit Moskau bemühte, atmete man erleichtert aus.

Ein Jahr, einen Putschversuch und einen vom frischen Blut noch glänzenden Sieg Russlands in Aleppo später verkündet der türkische Außenminister, gemeinsam mit den russischen Freunden einen Waffenstillstand für Syrien ausgehandelt zu haben. Der gefährliche Zwischenfall vom November 2015 hat Moskau und Ankara nach kurzer Eiszeit letztlich zusammengebracht. Die starken Männer Putin und Erdoğan entdeckten bei ihren Annäherungsversuchen, dass ihre gemeinsamen Antipathien gegenüber dem Westen stärker sind als die Differenzen über Syrien.

Anstatt wie bisher Washington als Makler türkischer Interessen zu vertrauen, verhandelt Ankara nun selbst. Russland, das gestern noch stolz war über die Rückkehr auf die Weltbühne, beansprucht nun in Syrien die Hauptrolle. Für die USA, die Vereinten Nationen und die EU mit all ihren emsigen Diplomaten sind nicht einmal mehr Statistenrollen vorgesehen.

Wenn der Waffenstillstand hält, will die neue Allianz noch einen Schritt weiter gehen: Unter gemeinsamer Schirmherrschaft mit Assads zweitem wichtigen Verbündeten Iran sollen von Mitte Januar an in Kasachstan neue Friedensgespräche beginnen. Gut möglich, dass der Waffenstillstand länger hält als all die erfolglosen Anläufe, die Washington mit Moskau unternommen hatte.

Für die Menschen in Syrien ist der Deal der Despoten nichts Schlechtes

Die Türkei übt als Schutzmacht Einfluss auf die Führungsfiguren vieler Rebellengruppen aus - die teils im türkisch-syrischen Grenzgebiet, teils in Istanbul sitzen. Und wenn überhaupt jemand Assad klarmachen kann, dass sich so kostspielige und brutale Siege wie der in Aleppo nicht in Serie wiederholen lassen, dann ist es Russland. Die Fähigkeit, ihre Verbündeten auch zu kontrollieren, haben Moskau und Ankara bewiesen, als sie die Evakuierung Ost-Aleppos vermittelten. Noch mehr Blutvergießen im Häuserkampf wurde so vermieden.

Für die Menschen in Syrien muss der Deal der Despoten zunächst nichts Schlechtes verheißen. Ihnen ist egal, ob sie durch russische Bomben oder durch Mörser der Rebellen sterben. Deshalb dürfte ihnen auch erst einmal egal sein, welche weltpolitische Konstellation dafür sorgt, dass die Kämpfe aufhören.

Bei aller Potenz der neuen Partner bleiben aber die alten Probleme: Von der Waffenruhe ausgenommen seien "Terroristen", heißt es. Dass darunter der IS und al-Qaida-nahe Gruppen fallen, darin sind sich Ankara und Moskau einig. Bei den von der Türkei unterstützten, von Russland bekämpften gemäßigt-islamistischen Rebellen wird es schon schwieriger.

Als richtig kompliziert aber könnte sich der Umgang mit Syriens Kurden erweisen. Deren Kampfkraft gegen den IS schätzte man bisher nicht nur im Weißen Haus, sondern auch im Kreml. Für die Türkei sind die staatsähnlichen Strukturen der Kurden in weiten Teilen Nordsyriens jedoch ein Albtraum. Noch bevor der Waffenstillstand in Kraft ist, verkündete der türkische Außenminister, dass in Kasachstan keine Kurden mit am Tisch sitzen würden, wie schon bei den UN-Gesprächen. Wenn das auch die neue Meinung Russlands sein sollte, zeigt sich, dass starke Männer nicht notwendigerweise alle Realitäten im Blick haben.

© SZ vom 29.12.2016/kjan
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