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Gewerkschaft:"Unter normalen Bedingungen würden wir Bambule machen"

Tarifrunde im Öffentlichen Dienst 2020

Verdi-Chef Frank Werneke wirft dem Management der Modekette H&M vor, ihr Verhalten sei "schamlos".

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Verdi attackiert die Modekette H&M: Sie nutze die Pandemie, um geräuschlos Stellen abzubauen. Auf der Jahrespressekonferenz verkündet Gewerkschaftschef Frank Werneke zudem leicht sinkende Mitgliederzahlen.

Von Benedikt Peters

In der Corona-Krise verlieren die großen Gewerkschaften Mitglieder. Nachdem die größte und die drittgrößte Gewerkschaft, IG Metall und IG BCE, bereits sinkende Zahlen gemeldet hatten, verkündete nun auch Verdi, die Nummer zwei, ein leichtes Minus. 2020 sank die Mitgliederzahl um 14 000 auf 1 941 071 Mitglieder, das ist ein Rückgang von 0,72 Prozent.

Dabei habe es im vergangenen Jahr besonders viele Eintritte gegeben, sagte Verdi-Chef Frank Werneke auf der Jahrespressekonferenz der Gewerkschaft am Montag. Dem gegenüber stünden aber auch zahlreiche Abgänge. Dafür nannte Werneke zwei Gründe: Zum einen sei es während der Shutdowns im Frühjahr und im Winter schwieriger gewesen, die Beschäftigten anzusprechen und als Mitglieder zu werben. Zweitens verlören viele Menschen in der Corona-Krise ihren Job und träten dann auch aus der Gewerkschaft aus.

Der Verdi-Chef warf manchen Arbeitgebern vor, die Pandemie auszunutzen, um geräuschlos Stellen einzusparen. Als Beispiel nannte er die Modekette H&M, die vor wenigen Tagen angekündigt hatte, 800 Arbeitsplätze in Deutschland abzubauen. "Wir würden unter normalen Bedingungen selbstverständlich Bambule machen", sagte Werneke; er bezog sich dabei auf Warnstreiks und andere Protestaktionen. Das sei aber angesichts der Ladenschließungen nicht möglich.

Werneke sagte, das Verhalten der Manager von H&M sei "schamlos". Sie wollten gezielt junge Mütter loswerden. Nach Angaben der Modekette sollen die Stellen über ein Freiwilligenprogramm abgebaut werden; klappe das nicht, werde die Entscheidung über eine Sozialauswahl getroffen.

Werneke sprach auch über das Ziel, einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Altenpflege einzuführen. "Hier sind wir sehr weit", sagte er. Nach dem Willen der Gewerkschaft soll das Bundesarbeitsministerium einen bereits geschlossenen Vertrag, der Mindestlöhne für die gesamte Branche vorsieht, für allgemeinverbindlich erklären. Das aber ist nur möglich, wenn die Pflegedienste der Kirchen mitmachen. Die Abstimmungen mit Caritas und Diakonie seien "eng und gut", sagte Werneke. Er gehe davon aus, dass die Allgemeinverbindlichkeit Anfang März beantragt werden könne.

Der Klage des Arbeitgeberverbands Pflege sehe er gelassen entgegen, sagte Werneke weiter. Der Verband, der private Anbieter repräsentiert, hatte angekündigt, Verdi vor Gericht für tarifunfähig erklären lassen zu wollen. Werneke hielt dem entgegen, in seiner Gewerkschaft seien zahlreiche Pflegekräfte organisiert, man habe bereits viele Verträge abgeschlossen. "Es kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass wir tarifmächtig sind."

Mindestens 1200 Euro Kurzarbeitergeld

Mit Blick auf die Corona-Krise forderte Werneke erneut ein Mindest-Kurzarbeitergeld von 1200 Euro. Menschen mit geringen Einkommen, etwa in der Gastronomie und im Friseurhandwerk, seien von der monatelangen Kurzarbeit existenziell bedroht. Frauen seien überdurchschnittlich oft betroffen, etwa weil sie häufiger in Teilzeit arbeiten. Es gebe inzwischen Unterstützung für das Mindest-Kurzarbeitergeld, sagte Werneke, nicht nur von Grünen und Linken, sondern auch zunehmend von Teilen der SPD und der Union. "Ich bin ganz optimistisch, dass wir hier noch zu Verbesserungen kommen."

Auf der Jahrespressekonferenz präsentierte Verdi außerdem einen Forderungskatalog zur Bundestagswahl, die im Herbst ansteht. In einem Bündnis mit den Bewegungen "Fridays for Future" und "Unteilbar" drängt die Gewerkschaft unter anderem auf eine ökologische Verkehrswende. Die Kapazitäten im öffentlichen Nahverkehr sollten verdoppelt werden. Außerdem fordert Verdi ein neues "Entgeltgleichheitsgesetz", das die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen überwinden soll.

© SZ
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