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US-Wahl 2016:Angst und Hoffnung in Columbus - die Wahlnacht in Ohio

Im ganzen Land zeigen sich Clinton-Anhänger schwer getroffen - hier in New York.

(Foto: AP)

Eine dramatische Wahl ist vorbei, und sie ist auf andere Weise historisch, als viele gehofft hatten. Wie unser Korrespondent die vergangene Nacht im Herzen der USA erlebt hat.

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Ohio ist ein Battleground State , einer jener Staaten, bei denen bis zuletzt nicht klar ist, für wen sich die Wählerinnen und Wähler entscheiden werden. Battleground - das klingt nach Kampf und Krieg und das passt zu dieser Präsidentschaftswahl. Die Kandidaten haben hier nicht für sich geworben, sie wollten diesen Bundesstaat erobern. Wenn es bei dieser Wahl um die Seele der Vereinigten Staaten geht - und das sagen nicht wenige -, dann ist hier der Ort, um sie zu erkunden.

Jürgen Schmieder, US-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung , berichtet an diesem Wahltag live aus Columbus. Er schildert, wie sich dieser Tag der Entscheidung im Herzen Amerikas anfühlt. So entsteht eine Reportage, die Stück für Stück wächst.

Früher Morgen - in den Straßen von Columbus

Am Ende der Nationalhymne der Vereinigten Staaten von Amerika steht eine Frage: Weht dieses mit Sternen besetzte Banner noch immer über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen? Wer in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, gegen zwei Uhr morgens, durch die Straßen von Columbus läuft zum Ohio Statehouse, dem offiziellen Regierungssitz des Bundesstaates Ohio, der sieht die Antwort vor diesem Gebäude: Nein, es weht gerade nicht, dieses mit Sternen besetzte Banner, es hängt trostlos herunter über dem Land, das gerade ganz offensichtlich Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat.

Info

Columbus ist die Hauptstadt von Ohio. 850 000 Menschen leben hier; auf der Liste der größten Städte der USA liegt der Ort auf Platz 15. Es gibt ein paar Spitznamen für die Stadt: "größte Kleinstadt Amerikas" etwa oder auch "Stadt der Entdecker". Es gibt Menschen, die nennen Columbus "das Herz der Vereinigten Staaten": Weil die Demografie ziemlich genau dem Rest des Landes entspricht, testen Unternehmen neue Produkte hier, bevor sie landesweit eingeführt werden.

Es gibt eine andere Frage, Thomas Mann stellt sie gleich zu Beginn seines Meisterwerks Buddenbrooks - Verfall einer Familie: "Was ist das. - Was - ist das ..." Genau das denkt der Mensch, der in dieser Nacht verwirrt und verstört durch die Straßen dieser Stadt wandert, von der es heißt, dass sie das Herz der USA sei. Dass hier an diesem Dienstag über die Seele der Vereinigten Staaten entschieden würde. Was ist das? Was - ist - das? Bei den Amerikanern heißt es: "What the fuck?"

Angst und Hoffnung in Columbus, mit dieser Überschrift - in Anlehnung an das Buch Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson - hat dieser Bericht über einen Tag in Ohio begonnen. Die Sonne hat geschienen, die Menschen sind in die Wahllokale gefahren und haben ihre Stimme abgegeben. Sie haben ihren Nachbarn Schildern aus dem Garten geklaut. Sie haben debattiert. Sie haben gestritten. Sie haben sogar gerauft. Sie haben begründet, warum sie für Hillary Clinton gestimmt haben oder für Donald Trump - oder warum sie keine Lust hatten, überhaupt ihre Stimme abzugeben. Warum sie auf Clinton gewettet und warum sie vor dem Ohio Statehouse Anzeigetafeln aufgestellt haben mit der Aufschrift: "BlahBlahBlah".

So funktioniert Demokratie

Irgendwann ungefähr um die Zeit, als die Wahllokale in Ohio geschlossen wurden, da begann es zu regnen in Columbus. Und bei vielen Menschen wurde Hoffnung zu Angst. Bei noch mehr Menschen jedoch, da wurde Angst zu Hoffnung. Die meisten Menschen in Ohio nämlich, sie haben für Donald Trump gestimmt an diesem Dienstag. Die meisten Amerikaner haben für Donald Trump gestimmt an diesem Dienstag. So funktioniert Demokratie. Die Amerikaner haben Donald Trump zum Präsidenten gewählt.

Gegen 23 Uhr, es regnete noch immer, bemerkten die Menschen im Union Café im Stadtzentrum, dass etwas nicht stimmt. Eigentlich wollten sie eine historische Nacht feiern: die erste Präsidentin dieses Landes. Diese Bar ist bekannt dafür, dass Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Orientierung keine Rolle spielen. Es ist eine Bar, die für die Offenheit der Menschen in Columbus und Ohio steht, für die Vielfalt in diesem Land.

Columbus, Ohio

Trump wird doch nicht wirklich Präsident werden? Im Union Café in Columbus weicht Zuversicht zunehmender Sorge.

(Foto: Jürgen Schmieder)

Jetzt zeichnete sich für die Besucher des Union Café immer stärker ab: Dieses Land steht vielleicht doch auch für ganz andere Dinge, Dinge, die Donald Trump in diesem Wahlkampf gesagt hat. Gegen Schwule. Gegen Frauen. Gegen Menschen anderer Hautfarbe. Ach was, gegen fast alle.

Von Mitternacht an, da haben viele Menschen in dieser Bar geweint. Sie haben Angst.

Wer in dieser Nacht durch die Straßen von Columbus läuft, denkt lange darüber nach, was er erlebt hat an diesem Tag. Was er gesehen hat. Mit wem er gesprochen hat. Er denkt aber vielleicht auch an Abraham Lincoln, der in seiner Rede The Perpetuation of Our Political Institutions gesagt hat: "Als Nation freier Menschen müssen wir entweder alles überleben oder durch Selbstmord sterben." Das mag zunächst ängstlich klingen, und oftmals wird dieser Satz auch so interpretiert. Er kann aber auch so gelesen werden, dass diese Nation alles überstehen kann - so vermittelt er Hoffnung.

Angst und Hoffnung in Columbus. Vor dem Ohio Statehouse in Columbus fällt der Blick erneut auf das mit Sternen besetzte Banner. Es hängt nicht trostlos herunter. Es weht.