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Umgang mit toten Attentätern:Im Tod des Feindes muss die Feindschaft enden

Attentat in Ansbach

Mit seinem Sprengsatz verletzte der Attentäter von Ansbach mehrere Menschen - er selbst kam bei dem Anschlag ums Leben.

(Foto: dpa)

Terroristen und Mördern ein menschenwürdiges Begräbnis zu verwehren, ist falsch. Auch im Islam ist Gott der letzte Richter - nicht der Mensch.

Der Reflex ist nachvollziehbar: Will man einen Attentäter, gar einen Mörder auf dem Friedhof neben den Verwandten liegen haben? Die Reaktion der meisten Menschen ist: bloß nicht. Weg mit ihm ins Schandgrab. Attentätern sollte das islamische Begräbnis verweigert werden, sagt ein Vertreter des Zentralrats der Muslime in Deutschland. So sehen es auch viele Muslime in Frankreich. Der Istanbuler Bürgermeister Kadir Topbaş hat dem Gedanken gleich die Tat folgen lassen und für die getöteten Putschisten einen "Friedhof der Verräter" planieren lassen.

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Topbaş und all die anderen, die fordern, Attentätern, ja Mördern im Tod die letzte Würde zu verweigern, sollten Antigone lesen, die Tragödie, die der griechische Dichter Sophokles geschrieben hat.

Antigones Bruder Polyneikes hat Krieg gegen die Stadt Theben geführt, er hat verloren, er liegt tot vor der Stadtmauer. Kreon, Thebens König, befiehlt, ihn dort verfaulen zu lassen - doch für Antigone steht die Menschlichkeit über dem Befehl des Herrschers: Sie begräbt ihren Bruder, sie nimmt dafür das Todesurteil in Kauf. Doch auch für Kreon, den Protagonisten der Staatsräson, endet die Geschichte furchtbar: Sein Sohn, der Antigones Verlobter ist, und seine Frau bringen sich um. Kreon ist ein gebrochener Mann.

Der Rechtsstaat verfolgt niemanden über den Tod hinaus

Im Tod des Feindes endet die Feindschaft. Es gilt das Gebot, auch dem ein menschenwürdiges Begräbnis zu geben, der die Menschenwürde mit Füßen getreten hat. Das ist die Botschaft des Sophokles, sie ist bald 2500 Jahre alt - sie gilt heute wie damals. Wer sich anmaßt, über den Tod hinaus zu richten, zerstört jene Ordnung, die er schützen möchte.

In Deutschland gab es diese Debatte schon einmal, als die Terroristen der RAF sich 1977 in Stuttgart-Stammheim selbst getötet hatten. Ausgerechnet ihr härtester Verfolger, der BKA-Chef Horst Herold, stellte damals klar: Der Rechtsstaat verfolgt niemanden über den Tod hinaus.

Dem toten Attentäter, Mörder, Gewalttäter das würdevolle Begräbnis zu verweigern, bedeutet auch, ihn und seine Tat verdrängen zu wollen: Der gehört nicht zu uns. Der ist kein Muslim, Christ, Staatsbürger. Das war schon bei den Suizidanten falsch, denen die katholische Kirche lange das christliche Begräbnis verweigerte. Das ist bei den Terroristen und Mördern heute nicht anders. Sie sind ein Teil des Menschseins, diese Terroristen und Mörder, ein Teil der Gesellschaft und Gemeinschaft, aus der sie stammen.

Was hat dazu beigetragen, dass einer Terrorist wurde, Amokläufer, Mörder?

Das bringt schreckliche Fragen mit sich: Was hat dazu beigetragen, dass einer Terrorist wurde, Amokläufer, Mörder? Diese Fragen lassen sich nicht wegdrängen, indem man den unerwünschten Toten auf dem Schandacker verscharrt.

Es sollte sich also ein Imam finden, der tut, was Antigone tat: dem toten Staatsfeind die letzte Würde geben. Weil die Menschenwürde stärker ist als der Hass. Seine Religion sollte er dabei auf seiner Seite haben: Auch im Islam ist Gott der letzte Richter - und nicht der Mensch.

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