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Attentäter:"Männer verletzen nicht sich, sie verletzen andere"

Der Münchner Amokläufer David S. auf dem Dach eines Parkhauses nach seiner Tat.

(Foto: Schneider, Martin)

Der Rechtspsychologe Dietmar Heubrock erklärt, warum Attentäter meist männlich sind, woran man sie erkennen kann - und warum in Zukunft auch mit weiblichen Terroristen zu rechnen ist.

Dietmar Heubrock leitet das Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen - und forscht mit ungewöhnlichen Methoden. Bei seinen Vorträgen kommt es vor, dass plötzlich ein "Terrorist" im Publikum auftaucht und ihn "erschießt" - allerdings nur mit einer Waffenattrappe. Heubrocks Team filmt und wertet aus. Seit Jahrzehnten forscht Heubrock zudem zur Geschichte von Terrororganisationen, Attentaten und Amokläufen. Die SZ sprach mit ihm darüber, warum die meisten Täter männlich sind - und wie man Verdächtige im öffentlichen Raum erkennen kann.

SZ: Die Täter von Ansbach und München, von Nizza und von Paris haben eines gemeinsam: Sie waren Männer. Stimmt der Eindruck, dass Attentäter und Amokläufer in der Regel männlich sind?

Dietmar Heubrock: Ja. Es mag immer wieder Ausnahmen geben, zum Beispiel Tashfeen Malik, die Attentäterin von San Bernardino, oder die "Schwarzen Witwen" in Russland. In der Regel aber sind Attentäter und Amokläufer männlich, das wissen wir aus historischen Analysen.

Warum ist das so?

Bei den Ursachen sollten wir zwischen Attentätern und Amokläufern unterscheiden. Wenn wir uns die Amoktäter hier in Deutschland anschauen, waren nahezu alle psychisch gestört, von der Tat in Erfurt bis zur Tat in Winnenden. Jungen und Männer reagieren auf psychische Störungen anders als Mädchen und Frauen. Letztere neigen eher zu selbstschädigendem Verhalten, sie ziehen sich völlig zurück, wollen nicht mehr essen, ritzen sich die Arme auf. Männer hingegen zeigen eher das, was Psychologen "externalisierende Handlungen" nennen. Sie verletzen nicht sich, sie verletzen andere. Sie neigen eher zu Schlägereien, auch zu Morden - und der Gipfel ist dann eine Amoktat.

Woher kommen diese unterschiedlichen Reaktionsmuster?

Die Hauptursache ist meiner Ansicht nach eine biologische. Bei Männern ist das Stresshormon Cortisol stark ausgeprägt - schon bei männlichen Neugeborenen ist das anders als bei weiblichen. Das führt dazu, dass sie tendenziell mehr schreien, sich mehr bewegen, aktiver sind. Vereinfacht könnte man sagen: Je höher das Cortisol-Level, umso stärker der Drang zu externalisierendem Verhalten.

Dietmar Heubrock

Dietmar Heubrock leitet das Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen.

(Foto: privat)

Aber die unterschiedliche Bereitschaft zum Amoklauf lässt sich doch nicht durch ein Hormon allein erklären.

Nein, natürlich nicht. Wie gesagt, eine Grundbedingung ist eine psychische Störung. Soziale Faktoren haben auch einen Anteil: Etwa das Rollenbild vom "kämpfenden Mann" oder der Umstand, dass Egoshooter-Spiele bei vielen jungen Männern als "cool" gelten. Der entscheidende Unterschied zu Frauen bleibt aber, dass es durch den höheren Cortisol-Spiegel in Stresssituationen wahrscheinlicher ist, dass Männer gewalttätig reagieren.

Wie kann man dem vorbeugen?

Männer, die psychisch krank sind, müssen intensiver betreut werden. Man darf nicht einfach davon ausgehen: Der ist depressiv, also antriebsarm, der legt sich ins Bett. Viele Therapeuten vergessen, dass sich eine Depression auch als Gewalthandlung äußern kann. Patienten mit psychischen Störungen werden heute oft nur kurz stationär behandelt. Danach werden sie entlassen und bekommen Medikamente verschrieben - aber ob sie die dann auch nehmen, kontrolliert niemand mehr.

Sie sagen, wir müssen zwischen Amokläufern und Attentätern unterscheiden. Was ist bei Attentätern anders?

Die biologische Vorbedingung, die Männer stärker zu Gewalttaten neigen lässt, ist die gleiche. Bei Attentätern aber muss man sich zusätzlich ansehen, wie die Terrororganisationen funktionieren, die sie entsenden. In fast allen Organisationen werden Frauen auf eine unterstützende Rolle reduziert. Sie verpflegen die Kämpfer und behandeln sie. Zudem übernehmen sie Schmuggel- und Kurierdienste, weil sie für Sicherheitsbehörden weniger verdächtig sind.