Ukraine-Konflikt:Warum die Türkei Waffen an Kiew verkauft

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FILE PHOTO: Turkish President Erdogan attends a news conference in Istanbul

Bei Waffenverkäufen scheut er keine Konflikte: der türkische Präsident Erdoğan.

(Foto: Murad Sezer/Reuters)

Im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine spielt auch Ankara eine Rolle: Es beliefert Kiew mit Rüstungsgütern, Drohnen zum Beispiel. Moskau, mit dem es ein ambivalentes Verhältnis hat, ist verärgert.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Ein Werbeclip als Lehrstunde in Geopolitik und Drohdiplomatie: Auf der Luftfahrtshow in Dubai stellte der russische Hersteller Suchoi jüngst die Su-75 vor, einen Kampfjet. Während die noch nicht serienreife Checkmate ihre Manöver fliegt, nimmt der Pilot eine Drohne ins Visier. Es ist nicht irgendein unbemanntes Flugobjekt. Die Maschine vom Typ Bayraktar stammt aus der Türkei. Sie ist einer der Verkaufsschlager des Landes, die türkische Drohne war einer der Gründe für den Sieg Aserbaidschans im jüngsten Kaukasus-Krieg.

Auch die Ukraine hat diese unbemannten Flieger. Jetzt, da ein russischer Einmarsch in die Ukraine droht, hat Kiew neue Bayraktar-Drohnen bestellt. Moderne Waffen für den Feind, das sieht man in Moskau ungern, das alarmiert den Kreml. Der Suchoi-Werbefilm sagt über das türkische Verhältnis sowohl zu Russland als auch zur Ukraine einiges aus.

Ankara verkauft seit Langem Waffen an Kiew, hat die Rüstungszusammenarbeit ausgebaut. Die Türkei möchte zu einem führenden Rüstungsanbieter auf dem Weltmarkt werden, baut unbemannte Fluggeräte, Fregatten, Raketen, Helikopter und gepanzerte Fahrzeuge, verkauft an Staaten wie Pakistan, Kasachstan oder eben die Ukraine. Kiew wird laut der US-Agentur Bloomberg seit 2019 beliefert. Das Land habe mit mehreren Dutzend Drohnen mehr Fluggeräte als offiziell bekannt ist. Auch die nötigen Bodenleitstationen kämen aus der Türkei.

Nicht nur die USA, sondern auch die Türkei rüstet also die Ukraine auf. Präsident Recep Tayyip Erdoğan, Anhänger einer Provokations-und Gleichgewichtspolitik, scheut bei Waffenverkäufen und bei eigenen Waffenkäufen keine Konflikte. Weder mit Russland - siehe die Ukraine und die Drohnen -, noch mit den USA, dafür steht der Dauerstreit um das gegen den Willen Washingtons angeschaffte russische Flugabwehrsystem S-400.

Putin wirft Ankara "destruktives Verhalten" vor

Mit seiner ebenso eigennützigen wie widersprüchlichen Politik ist Erdoğan bisher durchgekommen. Im Fall der Ukraine könnte das nun schwieriger werden. Der russische Staatschef Wladimir Putin ließ seinen türkischen Kollegen jetzt wissen, dass die den Ukrainern verkauften türkischen Drohnen im Konflikt um den Donbass bereits zum Einsatz kämen. Putin warf Ankara "destruktives Verhalten" und Provokationen vor. Mit den türkischen Drohnen unterlaufe die ukrainische Seite das Minsker Friedensabkommen, bedrohe die prorussischen Separatisten.

Vor dem Hintergrund eines von der US-Regierung für Anfang 2022 als wahrscheinlich erachteten russischen Einmarschs in die Ukraine könnte die Türkei also zwischen alle Stühle geraten. Sie ist nicht nur ein Nato-Staat, sondern auch ein Schwarzmeer-Anrainer, der sich als eine Vormacht in dem Gewässer versteht: Die Türkei kontrolliert die einzige Wasserstraße, über die sowohl russische als auch Nato-Kriegsschiffe ins Schwarze Meer fahren, den Bosporus und die Dardanellen.

Zugleich bleibt Ankara ein wichtiger Rüstungslieferant der Ukraine. Und auch in anderen Fragen stützt die Regierung Kiew. In der Frage der russischen Annexion der Halbinsel Krim hat Erdoğan von Anfang an laut wissen lassen, dass er das russische Vorgehen nicht akzeptiere. Ankara ist Moskau jedoch in einem seltsam ambivalenten Verhältnis eng verbunden: Die beiden Staaten stehen bei Konflikten wie denen in Syrien oder Aserbaidschan auf verschiedenen Seiten der Fronten. Sie arbeiten aber auch zusammen, oft genug gegen die Interessen der USA, Europas oder der Nato. Und die Länder liebäugeln mit weiteren Rüstungsgeschäften.

So will Moskau der Türkei bei der Entwicklung der Triebwerke für ein eigenes Kampfflugzeug der fünften Generation helfen. Und falls die USA der Türkei keine neuen F-16-Kampfflugzeuge liefern sollten - was angesichts des Widerstands im Kongress denkbar ist -, könnte sich der türkische Präsident auch für russische Jets interessieren, wie es in der Türkei heißt.

Sollte es in der Ukraine-Krise zum Krieg kommen, könnte Erdoğan unter Zugzwang geraten. Sein erster Versuch, dem Ukraine-Dilemma auf elegante Weise zu entkommen, hat Moskau abgelehnt: Ankara hatte sich als Vermittler zwischen Kiew und Moskau angeboten. "Wir sind im Kontakt mit beiden Seiten und raten, ruhig zu bleiben", so der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Moskau winkte nur ab.

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