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TV-Debatte der Republikaner:Trump macht George W. Bush für 9/11 verantwortlich

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Jeb Bush (links) und Donald Trump (rechts) streiten während der TV-Debatte der Republikaner in Greenville, South Carolina. Ted Cruz (Mitte) wundert sich.

(Foto: AFP)

Vor, während und nach Trumps Tabubruch fliegen in der TV-Debatte der Republikaner die Fetzen. Fünf Lehren eines lauten Abends.

Von Matthias Kolb, Washington, und Johannes Kuhn, New Orleans

Der Tod des von Konservativen verehrten Verfassungsrichters Antonin Scalia überschattet die TV-Debatte der Republikaner in South Carolina. Und das Ereignis liefert Wahlkampf-Munition: Alle sechs Republikaner fordern Barack Obama dazu auf, keinen Nachfolger für Scalia zu nominieren. Der amtierende US-Präsident sei viel zu parteiisch für diese Entscheidung.

Wie parteiisch die Republikaner sind, offenbart die Warnung des Texaners Ted Cruz: "Wir sind nur eine Stimme entfernt von einem Gericht, das alle Begrenzungen für Abtreibungen abschaffen würde." Donald Trump sagt pragmatisch: "Auch wenn ich mich aufrege, wird Obama es versuchen."

Die Schweigeminute, um die CBS-Moderator John Dickerson zu Beginn gebeten hat, ist ungewöhnlich für eine TV-Debatte. Es ist der einzig stille Moment - für den Rest des Abends wird auf und vor der Bühne kräftig gebrüllt. Die Kandidaten schreien sich an, das Publikum im "Peace Center" (kein Witz!) von Greenville johlt und buht quasi ununterbrochen.

Fünf Lehren, die sich aus dem denkwürdigen Abend ziehen lassen:

Lehre 1: Extrem-Wahlkampf führt zum bislang brutalsten Tabubruch

Kein Verhältnis zwischen den Kandidaten strotzt so von Verachtung wie das zwischen Donald Trump und Jeb Bush. "Aberwitzig" sei Trumps Idee, mit Russland zu kooperieren, giftet Bush zu Beginn. "Jeb hat keine Ahnung", kontert der Milliardär. Das laute Buhen im Saal kommentiert er mit: "Oh, das sind Jebs Lobbyisten." Kurz darauf wird klar: Das war nur ein sanfter Auftakt verglichen mit dem, was folgt.

Moderator Dickerson konfrontiert Trump, der eine Woche vor der Vorwahl in South Carolina alle Umfragen anführt, mit einer Aussage von 2008: Damals befürwortete er ein Amtsenthebungsverfahren gegen George W. Bush. Der Irak-Krieg sei eben ein Desaster gewesen, kontert der Geschäftsmann, und legt nach: "Sie haben gelogen über die Massenvernichtungswaffen. Es gab keine und sie wussten es."

"Ich habe es sowas von satt, dass Trump meine Familie niedermacht", schimpft Jeb zurück. Sein Vater, der 41. US-Präsident, sei der großartigste Mann, der je gelebt habe - und "während Donald seine Reality-TV-Show startete, baute mein Bruder einen Sicherheitsapparat auf, der unser Land beschützte."

"Das World Trade Center stürzte ein, als dein Bruder im Amt war", ruft Trump. Das Publikum buht lautstark, in South Carolina ist der 43. US-Präsident noch sehr populär. Und als konservativer Kandidat Bush junior in einer Republikaner-Debatte für die Anschläge von 9/11 - und damit für 3000 Tote - verantwortlich zu machen: So etwas hat es noch nie gegeben, kein normaler Kandidat würde sich das trauen.

Doch Trump ist noch nicht fertig. Als Jeb Bush seine 90-jährige Mutter lobt, kontert er trocken: "Soll sie doch kandidieren!" Unerwartete Unterstützung erhält Bush von Marco Rubio: "Ich danke Gott ständig, dass George W. Bush während der Anschläge von 9/11 im Weißen Haus saß und nicht Al Gore. Er hat uns beschützt und dafür bin ich ihm für immer dankbar." Und für 9/11 sei Bill Clinton verantwortlich, weil der Bin Laden nicht getötet habe. Denkwürdige Minuten in einem ohnehin denkwürdigen Wahlkampf.

Lehre 2: Trump ist immer gereizter

Die Attacken gegen die Bush-Familie sind nicht die einzigen Momente, in denen Trump nicht wie ein Staatsmann wirkt. In vorherigen Debatten konnte er häufiger abtauchen, dieses Mal nicht. "Du bist der größte Lügner von allen, du bist schlimmer als Jeb", giftet Trump gegen den Texaner Ted Cruz, der ihm abspricht, ein echter Konservativer zu sein und ihm vorwirft, die umstrittene Organisation "Planned Parenthood" zu unterstützen.

In South Carolina Witze über den dortigen Senator Lindsey Graham (der als Kandidat kläglich gescheitert war) zu machen, ist politisch unklug - oder zumindest ziemlich riskant. "Dies war meine beste Leistung in einer Debatte", sagt Trump später zu Fox News. Dem mögen seine Anhänger, die etwa ein Drittel der Republikaner ausmachen, wahrscheinlich zustimmen; unabhängige Wähler werden bemerkt haben, dass Trump in Details weiter ausweicht und wirkt, als sei sein Fell deutlich dünner als sonst.

Cruz gegen Rubio, Bush gegen Kasich

Lehre 3: Zwei Latinos streiten, wer Latinos vergrault

Ted Cruz und Marco Rubio haben kubanische Wurzeln, doch in der Logik der republikanischen Vorwahlen 2016 streiten die beiden darüber, wer einen schärferen Kurs gegen (meist aus Mittelamerika stammende) Einwanderer verfolgt. Und damit quasi darum, wer die hispanischen Wähler am erfolgreichsten vergraulen kann.

Wie schon zuvor bezichtigen sich die beiden, einst Amnestie für illegale Einwanderer unterstützt zu haben. Dann wird es persönlich: Rubio habe Obamas laxe Abschiebepolitik im spanischsprachigen TV unterstützt, sagt Cruz. "Das kannst du gar nicht wissen, weil du kein Spanisch sprichst", antwortet Rubio. Cruz, dessen Sprachkenntnisse in der Tat als schwach gelten, antwortet auf Spanisch: "Wir können das gerne auf Spanisch austragen."

In diesem Moment ist Rubio beinahe sprachlos, ansonsten wirkt er konzentrierter und natürlicher als in der vergangenen Debatte. Die Fragen nach seiner Erfahrung kann er allerdings weiterhin nicht überzeugend beantworten.

Lehre 4: Bush und Kasich kämpfen um den "Erwachsener"-Stempel

Zwei Gouverneure, zwei Establishment-Kandidaten, zwei Vertreter moderater Ideen - das ist in dieser Phase des Wahlkampfs jeweils einer zu viel. John Kasich und Jeb Bush versuchen deshalb, sich durch unterschiedliche Strategien als der bessere "erwachsene Kandidat" im überdrehten Rennen zu profilieren: Bush betont seine Erfahrung als Entscheider, Kasich als wählbarer Kandidat mit positiver Botschaft.

"Ich liebe die Demokraten-Wähler aus der Arbeiterschicht", gibt der Gouverneur von Ohio zu Protokoll, "weil sie uns im Herbst wählen werden." Doch Bush kennt Kasichs Schwachpunkt unter Konservativen: dessen Ausbau der Gesundheitsfürsorge geißelt er als Unterstützung von Obamas Gesundheitsreform. Erwachsen oder nicht: die Nähe der Demokraten ist keine Zone, in der Republikaner-Kandidaten gute Aussichten haben.

Lehre 5: Carson ist einsam (aber wach)

Irgendwann in einem der zahlreichen Stimmengewirre tönt es von irgendwoher verzweifelt "mein Name wurde zweimal erwähnt!". Es ist Ben Carson. Der Neurochirurg hat noch Geld in der Wahlkampfkasse und Hoffnung auf die evangelikalen Wähler in South Carolina. Und er hat es, anders als beim letzten Mal, ohne Probleme auf die Bühne geschafft. Sonst gibt es allerdings angesichts seiner meist zusammenhanglosen Aussagen kaum einen Grund für seine Anwesenheit.

"Ich habe den Nahen Osten studiert", sagt er, der im Wahlkampf einmal nach Jordanien flog. Oder "Geht auf meine Website und lest über meine Einwanderungspläne. Denn die ergeben wirklich Sinn!" Immerhin wirkt er etwas wacher als sonst, doch sein Status im Sextett zeigt sich alleine schon darin, dass keiner der Konkurrenten ihn angreifen möchte oder überhaupt wahrnimmt.

Sie sind damit beschäftigt, sich gegenseitig niederzumachen und unabhängige Wähler zu verschrecken.

© Süddeutsche.de/mkoh
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