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USA gegen WHO:Akt der Selbstgefährdung

U.S. President Trump hosts roundtable discussion with executives during coronavirus response event at the White House in Washington

Trump will mit der WHO nichts mehr zu tun haben.

(Foto: REUTERS)

An der Weltgesundheitsorganisation gibt es vieles zu kritisieren. Aber Trumps Austritt ist übertrieben.

Der US-Präsident hat an diesem Freitag die Welt wieder ein gutes Stück unsicherer gemacht. Nicht zuletzt die Welt der US-Amerikaner. Am Nachmittag verkündete er im Rosengarten des Weißen Hauses, er werde die Mitgliedschaft der USA in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kündigen. Der Schritt ist Teil eines, es lässt sich kaum anders sagen, propagandistischen Rachefeldzuges gegen China, von dem Trump berichtet, es habe die WHO längst übernommen.

Mitten in einer globalen Pandemie kappt der US-Präsident die Verbindungen zu einer Organisation, die nicht perfekt ist. Die aber wie keine andere Organisation dazu in der Lage ist, globale Infektionsketten zu bekämpfen. Ebola, Polio, Kinderlähmung, HIV - ohne die Hilfe der WHO würden diese Krankheiten wohl immer noch ungebremst grassieren.

Auch in dieser Pandemie leistet sie unschätzbare Arbeit: Sie verbreitet verlässliche Informationen zum neuen Coronavirus, sie hilft auch Ländern, die nicht über die besten Virologen der Welt verfügen. Sie hat schon früh im Jahr dazu beigetragen, dass ein an der Berliner Charité entwickelter Corona-Test weltweit verfügbar war: Grundvoraussetzung, um die Pandemie einzudämmen. Wer die WHO schwächt, der schwächt einen wesentlichen Bestandteil des organisatorischen Immunsystems der Menschheit.

Diesen einmaligen Gesundheitsdienstleister jetzt zu verlassen, ist, als würde ein schwerkranker Mittfünfziger seine Krankenversicherung ersatzlos kündigen, weil der Versicherungschef einen zu großen Dienstwagen fährt. Eine überzogene und selbstschädigende Reaktion.

Es gibt durchaus Kritikwürdiges an der WHO. Etwa, dass sie auch den autokratischen Verbrecherstaaten unter ihren 164 Mitgliedern ab und zu entgegenkommt. Das ist vielleicht der Kompromiss, den eine Organisation eingehen muss, deren oberstes Ziel es ist, die Gesundheit der Menschen weltweit zu verbessern und zu schützen.

Oder dass 20 Prozent des WHO-Budgets aus privaten Stiftungen und Unternehmen kommen. Das kann die Unabhängigkeit der notorisch unterfinanzierten Organisation in Gefahr bringen. Das Problem ließe sich beheben, wenn die Mitgliedsstaaten ihre Beiträge erhöhen würden. Oder zumindest pünktlich zahlten. Die WHO nimmt nur etwa 3,7 Milliarden Dollar im Jahr ein, aus den USA kamen 2019 davon zusammengerechnet mehr als 400 Millionen Dollar. Die anderen Mitgliedstaaten sollten das nun entstehende Loch schnell stopfen.

Trump lehnt jede Verantwortung ab

Trump opfert die Handlungsfähigkeit der WHO, weil er Schuldige braucht. Er lehne jede Verantwortung ab, hat er mal gesagt. Also macht er in der Coronakrise andere verantwortlich. China, die WHO, demokratische Gouverneure in den US-Bundesstaaten. Mehr als 100 000 Tote, fast 1,8 Millionen registrierte Infizierte verzeichnen die USA bisher. Jeden Tag kommen mehr als 20 000 bestätigte Neuinfektionen hinzu. Das System Trump hat in dieser Krise versagt. Aber im Herbst sind Wahlen. Darum setzt er alles daran, von seinem eigenen Versagen abzulenken.

Die WHO hätte helfen können. Ein Problem war ja, dass sich in den USA bis Mitte März das Virus ungehindert ausbreiten konnte. Es wurde so gut wie nicht getestet. Die USA wollten unbedingt einen eigenen Test entwickeln, sind aber gescheitert. Den verfügbaren und funktionierenden Test der WHO wollten sie nicht, ohne die Tests tappten die USA im Dunkeln. Weshalb es erst vier bis sechs Wochen zu spät zu den notwendigen Kontaktbeschränkungen kam. Die New York Times hat ausgerechnet, dass mindestens 36 000 Todesfälle hätten verhindert werden können, wenn die USA früher reagiert hätten.

Trump sagt, die WHO habe nicht früh genug vor dem Virus gewarnt, aus Rücksicht auf China. Das mag sogar stimmen. Erst am 11. März erklärte die WHO die Ausbreitung des Virus zur Pandemie. Aber niemand hinderte Trump bis dahin daran, das Virus dennoch ernst zu nehmen. Er aber faselte über Wochen nur davon, dass das Virus auf magische Art verschwinden werde, dass seine Regierung alles unter Kontrolle habe.

Trump geht inzwischen wieder golfen, eine Maske trägt er aus Prinzip nicht und zu den Todeszahlen äußert er sich kaum noch. Er tut so, als hätte er mit der Krise nichts zu tun. Sollen die Leute sterben, Hauptsache die Wirtschaft läuft wieder an.

Aus der WHO auszutreten, birgt aber noch eine andere Gefahr. Wenn es darum geht, womöglich im kommenden Jahr einen Corona-Impfstoff weltweit verfügbar zu machen, sind die Netzwerke der WHO von entscheidender Bedeutung. Die US-Bürger können nur hoffen, dass dann nicht mehr Trump im Weißen Haus sitzt.

© SZ.de/jobr
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