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G-7-Gipfel:Die USA sind zum zentralen Problem der Geopolitik geworden

Trump liebt es, wenn er in seiner erratischen Natur die Medien zum Tanzen bringt.

(Foto: AFP)

US-Präsident Trump mag in seiner subjektiven Wahrnehmung nach wie vor machtvolle Signale setzen. Doch die Macht der Willkür ist von kurzer Dauer: Das amerikanische Jahrhundert ist beendet.

Emmanuel Macrons Ausblick auf die Welt könnte man holistisch nennen. Zu seinem Krisenkatalog, ausgebreitet vor dem G-7-Treffen in Biarritz, gehören nicht weniger als die repräsentative Demokratie, der Klimawandel, die Biodiversität, Technologie, Migration, Ungleichheit und damit der Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung, die globale Ordnung mit der Polarisierung der Welt zwischen den USA und China und der damit verbundenen Gefahr für die Länder Europas, zu Vasallen der einen oder anderen Seite zu werden. All dies hat der französische Präsident in wenigen Sätzen begründet und geschlossen mit der Bemerkung, dass man auf dem Treffen der sieben Industrienationen an diesem Wochenende angesichts dieser immensen Probleme keine belastbaren Beschlüsse zu erwarten habe und man deswegen auch kein Kommuniqué verabschieden werde. Das würde eh nicht gelesen.

Macron erwähnte freilich nicht, dass es für diese Krisenballung eine Kurzversion gibt, in der sich mit fünf Buchstaben das zentrale Übel der globalen Handlungsschwäche dieser Tage ausdrücken lässt: Trump. Macron mag auch recht haben, dass die wenigsten Menschen Kommuniqués lesen oder dechiffrieren können. Gleichwohl sind Kommuniqués Ausdruck politischer Handlungsbereitschaft. Die Tatsache, dass die G 7 auf eine Handlungsanweisung verzichten, ist ebenfalls dem Fünf-Buchstaben-Problem zu verdanken. Wieder muss eine Selbstverständlichkeit internationaler Politik abgeschrieben werden.

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Donald Trump und die von ihm regierten USA sind zum zentralen Problem der Geopolitik geworden. Das Land gestaltet Weltpolitik nicht mehr, es hantiert mit ihr nach Gutdünken. Ordnungsideen interessieren diesen Präsidenten nicht, sie sind obsolet geworden.

Diese wachsende Weltentfremdung der USA sind keine Erfindung der Trump-Präsidentschaft. Amerikas außenpolitische Identitätskrise begann weit früher. Allerdings hat der amtierende Präsident die Weltunordnung Made in America in atemberaubendem Tempo beschleunigt. Ein Ereignis wie der G-7-Gipfel erlaubt es, den Stand dieses Zerstörungswerks in besonderer Klarheit zu erkennen. Das amerikanische Jahrhundert mag kalendarisch noch nicht abgelaufen sein, politisch aber ist es beendet. Es war Donald Trump, der die USA nicht stärker, sondern deutlich schwächer gemacht hat und die einst bestimmende Kraft im Spiel der Mächte bisweilen der Lächerlichkeit preisgibt.

Die USA ziehen sich aus den tragenden Strukturen dieser Welt zurück

Trump mag in seiner subjektiven Wahrnehmung machtvolle Signale setzen. Politische Lenker zittern vor seinen Tweets, seine Regierungswillkür lässt die Börsen beben und stürzt Staaten wie das kleine Dänemark in größte Konflikte. Trump liebt es, wenn er in seiner erratischen Natur die Medien zum Tanzen bringt, volkswirtschaftliche Beziehungen wie etwa mit China zur Achterbahnfahrt macht und selbst scheinbar Allmächtige wie den jungen Kim aus Nordkorea der Lächerlichkeit preisgibt. Keiner nimmt, keiner gibt, was heute sicher ist, kann morgen verflogen sein, Unberechenbarkeit ist die Berechnungsgrundlage der Außenpolitik.

Diese Macht der Willkür ist allerdings von kurzer Dauer, sie erlischt wie der Goldregen im Feuerwerk und lässt lediglich Schwefelrauch zurück. Was sich heute in einem Rekordstreitkräftebudget von 738 Milliarden Dollar als schier unangreifbare Militärmacht präsentiert, findet sein Gegenstück in einem nicht messbaren, aber nicht weniger beeindruckenden Ansehens- und Glaubwürdigkeitsverlust. Amerika befindet sich in der politischen Rückzugsbewegung aus den tragenden Strukturen dieser Welt, für die das G-7-Dilemma sinnbildlich steht.

Washingtons diplomatische Kraft ist in aller Welt geschrumpft, der Verlust an Einfluss auf globale Institutionen lässt sich am Niedergang der Budgets für internationale Nothilfe oder medizinische Katastrophenvorsorge ablesen. Afrika findet in dieser Außenpolitik nicht mehr statt, Lateinamerika ist auf das Migrationsthema reduziert, und der Nahe Osten wurde Subunternehmern wie Benjamin Netanjahu überantwortet.

Europa sieht sich in immer kürzeren Abständen den Salven aus dem Weißen Haus ausgesetzt. Nato, Handelsverträge, Klimabündnis, das Desinteresse an der Rüstungskontrolle und Absurditäten wie die Grönland-Episode: Dieser Präsident hat das transatlantische Stützgerüst eingerissen - ein Wunder, dass die Konstruktion noch nicht vollends kollabiert ist.

Eine große Zäsur in der Geschichte

Globale Beziehungen sind nie statisch, die Probleme der Welt bleiben meist dies: Probleme. Wer Außenpolitik betreibt, mildert Konflikte, aber löst sie in der Regel nie ganz. Unter Trump haben die USA ihre Funktion als Lösungs- und Ordnungsmacht weitgehend aufgegeben, die Kernkompetenz dieses Präsidenten scheint die Ausdehnung der Problemzonen, die Erhöhung des Risikos zu sein.

Am besten lässt sich das an dem Jahrhundertereignis studieren, dem Umgang mit der aufsteigenden Macht China. Hier haben die USA unter Trump das Transpazifische Abkommen gekündigt und es dann versäumt, mit der EU eine Strategie zur Korrektur chinesischen Marktmissbrauchs zu entwickeln. Nun lässt sich Chinas Einfluss nur noch schwer begrenzen, geografisch haben sich die militärisch geschützten Einflusszonen bereits verschoben, ökonomisch ist das chinesische Modell so stark, dass die darin wohnende Willkür nicht mehr so einfach zu bremsen ist. Schlimmer noch: Chinas politisches System findet kein entschlossenes Gegenmodell mehr, Trumps Umgang mit der Welt macht ihn nicht zum Traumpartner.

Das Ende einer amerikazentrischen Welt wird als große Zäsur in der Geschichte wahrgenommen werden. Wodurch genau sie spürbar sein wird, ist noch nicht entschieden. Kriege? Neue Handelswege? Autokratenwillkür auf allen Kontinenten? Sicher ist nur, dass dieser Epochenschnitt einen Namen trägt.

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