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USA und Nordkorea:Trumps außenpolitische Bilanz ist verheerend

Kim und Trump bei ihrem Treffen im Juni an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

(Foto: Brendan Smialowski/AFP)

Das zeigt sich vor allem an seinem Umgang mit Nordkorea. Diktator Kim Jong-un weiß: Der US-Präsident ist wankelmütig und schwach. Und er hat Wahlen zu gewinnen.

Wahltag ist Zahltag - das gilt auch in den USA. Doch der Bilanzzettel des größten Geschäftemachers aller Zeiten im Präsidentenamt ist bedenklich leer, und nirgendwo ist der Mangel an Erfolg so augenfällig wie im Umgang mit Nordkorea. Donald Trump hat seine wohl spektakulärsten Momente als Außenpolitiker dem Tabubruch im Umgang mit Kim Jong-un zu verdanken. Doch wer mit großem Risiko spielt, muss auch mit Verlust rechnen. Wie hoch die Rechnung für Trump ausfällt, wird nun verhandelt. Der nordkoreanische Machthaber entscheidet gerade über seinen Einsatz.

Wer seit der nordkoreanischen Staatsgründung das Spielmuster der Kim-Dynastie analysiert, wird auf den immer gleichen Rhythmus stoßen: Provokation, Tabubruch und Erpressung wechseln sich regelmäßig ab, unterbrochen von kurzen Phasen der Entspannung. Der Spannungsaufbau aber dient dem immer gleichen Zweck: der Abschottung nach außen und der Stabilisierung des Regimes im Inneren. Immer waren die USA oder (indirekt) China Adressaten der Grußadressen aus Pjöngjang. Warum also sollte die Trump-Präsidentschaft von dieser historischen Kontinuität ausgenommen bleiben?

Trump und Kim haben sich dreimal getroffen - Spektakel waren das, wie sie die Welt selten erlebt. Das Machtgefälle zwischen den USA und Nordkorea, die Spielernatur der Hauptfiguren und die Kühnheit der Annäherung haben den voyeuristischen Wert dieser Veranstaltungen in Singapur, Hanoi und Panmunjom steil nach oben getrieben. Das praktische Ergebnis stand freilich in keiner Relation dazu. Beide Seiten haben pompöse Ziele in Aussicht gestellt, sind aber nur winzige Schritte zur Entspannung gegangen.

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Nordkorea hatte eine entsprechende Sitzung als "ernsthafte Provokation" bezeichnet und eine Reaktion angekündigt. Nun scheitert das Treffen - die Angst vor einer Eskalation des Atomstreits steigt.

Der Mangel an Vertrauen, die Unfähigkeit zur Verständigung und die grundunterschiedliche Vorstellung von einer sicherheitspolitischen Architektur in Ostasien machen es unwahrscheinlich, dass Nordkorea und die USA zusammenfinden. Vor allem aber hat sich in der kurzen Phase der Beschnupperung Trumps China-Bild deutlich verändert. Der Präsident hat verstanden, dass er im Umgang mit Peking nicht zwischen Männerfreundschaft und Handelsfeindschaft oszillieren kann. Es gehört nun zum politischen Konsens in Washington, dass die USA für lange Zeit in einer harten technologischen und militärischen Rivalität mit China leben werden. An dieser Festlegung kommt Trump nicht vorbei, sie wird im Wahlkampf außenpolitische Maxime sein, und sie überlagert alle Nordkorea-Träumereien.

Diese Träume wurden am Wochenende durch den Test eines offenbar neuartigen Raketenantriebs final beendet. Sollte sich der Verdacht erhärten, dann hat Nordkorea einen leichter zu transportierenden und damit taktisch flexibleren Antrieb für eine Interkontinentalrakete getestet und damit gegen das selbstauferlegte Moratorium verstoßen. Vorausgegangen waren 13 Kurzstrecken-Tests in nur sieben Monaten und ein Ultimatum, das Kim seit geraumer Zeit wie eine Monstranz vor sich herträgt: Sollten die USA bis 31. Dezember keine Zugeständnisse machen und die Sanktionen lockern, dann ...

Dann was? Trump reagiert nicht ganz falsch, wenn er diese Drohungen väterlich abtut und Kim immer wieder daran erinnert, dass Abrüstung im eigenen Interesse sei. Allerdings: Der US-Präsident hat offenbar nicht bemerkt, dass auch er angreifbar ist, weil er nach dem 31. Dezember ein ganz anderes Problem vor der Nase hat: seine eigene Wiederwahl.

Kim reitet auf einem Schimmel den Berg Paektu empor

Trumps außenpolitische Bilanz ist verheerend. Von seinen großspurigen Ankündigungen hat sich nichts realisieren lassen. Iran ist ein Desaster, in Syrien hat er Chaos gestiftet, Israel wartet noch immer auf den Friedensplan, ein Abzug aus Afghanistan ist Theorie, der Zollstreit mit China bleibt über den Wahltag erhalten, die Nato-Partner lachen ihn aus, und die größte Friedensinitiative aller Zeiten wird von Freund Kim mit einem Raketenfeuerwerk und möglicherweise der Wiederinbetriebnahme der Anreicherungsanlage in Yongbyon gefeiert.

Kim weiß, dass er Trump erpressen kann. Der amerikanische Präsident bestätigte es ihm persönlich, als er schrieb, dass Kim "nicht seine besondere Beziehung mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten entwerten oder sich in die US-Präsidentschaftswahlen einmischen" solle. Da springt die Angst aus jeder Zeile, der kleine Kim könne den großen Trump am Nasenring durch die Manege ziehen.

Trump hat in Kim seinen Meister gefunden. Keiner beherrscht die Kunst der Inszenierung so gut wie der Diktator. Gerade ist er wieder auf dem Schimmel den Berg Paektu emporgeritten, wie immer, wenn das Volk mit großen Ankündigungen zu rechnen hat. Kim wird den Iran-Konflikt studiert haben und Syrien. Er weiß: Trump ist wankelmütig und schwach. Er selbst hingegen sitzt auf dem geflügelten Pferd Chollima, dem Symbol für Durchhaltevermögen. Die Mythologie kann Trump nicht bezwingen.

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