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Trumps Corona-Infektion:Der kranke Präsident

Keine Schadenfreude, keine Häme: Der Respekt vor mehr als einer Million Corona-Toten verbietet es, dass die Infektion des US-Präsidenten und seiner Frau nun zum Gegenstand von Spott wird.

Kommentar von Stefan Kornelius

Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten mit einem potenziell lebensbedrohlichen Virus infiziert ist, dann ist das zunächst eine bedrückende, irritierende und gefährliche Nachricht. Nicht anders verhielte es sich bei einer anderen Führungsfigur dieser Welt. Schwere Erkrankungen provozieren neben dem menschlichen Mitgefühl sofort Fragen prinzipieller Art: Wie wird sich die Krankheit auf die Fähigkeit zur Amtsführung ausüben? Welchen politischen und wirtschaftlichen Schock kann die Nachricht auslösen? Das ist bei Donald Trump nicht anders als es bei Wladimir Putin oder Angela Merkel wäre.

Zunächst aber gebührt auch Donald Trump die Empathie, die selbst die härtesten Gegner des Mannes aufbringen müssen, wenn sie sich einen Funken Menschlichkeit bewahrt haben. Natürlich ist es jetzt ein Kinderspiel, Häme und Spott über Trump auszuschütten. Seine verniedlichenden Sätze über das Covid-Virus, seine verachtende und menschengefährdende Pandemie-Politik und seine Ignoranz der Wissenschaft gegenüber lassen sich in einer einzigen Zahl ausdrücken: 207 000. Die USA rangieren in der Zahl der Todesfälle deshalb an der Weltspitze, weil ihr Präsident in der Corona-Bekämpfung jämmerlich versagt hat.

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All dies erklärt die Schadenfreude, die sich nach der Corona-Diagnose des Präsidenten nun ergießt. Aber Schadenfreude, Häme und Erniedrigung sind die Kategorien des Trump-Lagers. Michelle Obama, die Frau des ehemaligen Präsidenten, hat die Gebrauchsanweisung für die Verachtungspolitik Trumps geprägt: "When they go low, we go high" - wenn der Gegner unter die Gürtellinie schlägt, reagiert man umso würdevoller darauf. Der Respekt vor mehr als einer Million Corona-Toten verbietet es, dass die Infektion des US-Präsidenten und seiner Frau nun zum Gegenstand von Spott und Häme wird.

Neue Dimension im Wahlkampf

Jenseits der Person gibt es aber den Präsidenten und den Wahlkämpfer Trump. Die Erkrankung des 74-jährigen Mannes aus der höchsten Risikogruppe ist deshalb zunächst und vor allem politisch brisant. Trump wird bei einem milden Infektionsverlauf seine Lesart bestätigt sehen, das Virus weiter kleinreden und die Corona-Folgen für die USA erfolgreich aus dem Wahlkampf heraushebeln können. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, selbst von einer Infektion genesen, macht das gerade vor. Seine Zustimmungswerte sind hoch.

Sollte die Krankheit bei Trump aber schwerer verlaufen, dann stellt sich die Frage, wie und ob er weiter kandidieren kann. In einem extremen Szenario könnten seine Tage als Präsident gezählt sein. Sicher war seit dem Wahlkampfauftakt in Tulsa, dass die Trump'sche Fixierung auf Großveranstaltungen Menschen gefährdet. Nun ist der Präsident selbst Opfer seiner Hybris geworden: Ohne Maske und ohne Abstand in Menschenmengen einzutauchen, grenzt an Körperverletzung. Wenigstens das lässt sich jetzt bereits sagen: Viereinhalb Wochen vor der Abstimmung erleben die USA einen Wendepunkt im Wahlkampf. Ein an Dramatik kaum zu steigerndes Duell tritt ein in eine bisher unbekannte Dimension.

© SZ/hum
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