US-Präsidentschaftswahl:Wie der Bildungsfetisch der Demokraten die US-Mittelschicht zerstört

US-Präsidentschaftswahl: "Amerikaner unter 35 fühlen sich verraten", sagt Thomas Frank. Absolventen wie hier von der Columbia University würden deshalb Bernie Sanders wählen.

"Amerikaner unter 35 fühlen sich verraten", sagt Thomas Frank. Absolventen wie hier von der Columbia University würden deshalb Bernie Sanders wählen.

(Foto: Timothy A. Clary/AFP)

Der Historiker Thomas Frank über die Fehler der US-Demokraten, ihre Deals mit den Mächtigen des Silicon Valley und den Verrat an der Arbeiterklasse.

Interview von Matthias Kolb

Lange Zeit hat sich der Bestsellerautor Thomas Frank, 51, am konservativen Amerika abgearbeitet. In "What's the matter with Kansas" untersuchte er, wieso die weiße Unterschicht die Republikaner wählt, obwohl diese den Staat zusammenkürzen. "Arme Milliardäre" beschrieb, wie die Konservativen die Finanzkrise zu ihrem Vorteil umdeuteten. In "Listen, Liberal" (Metropolitan Books) knöpft er sich nun die Demokraten vor und kritisiert deren Bildungsbesessenheit. Diese Polemik ist nicht ohne Ironie: Das Interview mit dem promovierten Historiker findet in seinem Haus in Bethesda statt - jeder neunte Bewohner dieses Washingtoner Vororts besitzt einen Doktortitel.

SZ: In "Listen, Liberal" kritisieren Sie die Demokraten scharf: Die Partei von Obama und den Clintons habe Amerikas Arbeiter verraten.

Thomas Frank: Nach dem Vietnam-Krieg reformierten sich die Demokraten, Gewerkschaftsfunktionäre verloren ihre Sitze in der Führung und damit die Chance, ihre Anliegen vorzubringen. Trotzdem taten sie 1992 alles, um nach zwölf Jahren wieder einen Demokraten ins Weiße Haus zu bringen. Als Dank hat Bill Clinton ihnen das Messer in den Rücken gerammt und das Freihandelsabkommen Nafta mit Mexiko und Kanada durchgedrückt. Die Abgeordneten und Funktionäre wussten, dass ihnen die Gewerkschaften treu bleiben . . .

Bei den Republikanern finden sie noch weniger Gehör.

Ja, die Konservativen würden Gewerkschaften am liebsten abschaffen. Sie waren entscheidend für Obamas Wiederwahl, doch geholfen hat er ihnen anschließend nicht. Die Partei identifiziert sich nun mit anderen Gruppen, umwirbt die Kreativwirtschaft und IT-Experten. Kurzum: die reichen Leute mit Uni-Abschlüssen. Bildung wird zum Fetisch erhoben.

Sie bezeichnen diese Obsession in Ihrem Buch als Ideologie.

Für die Demokraten ist Bildung die Lösung aller Probleme. Umverteilung ist unnötig, weil theoretisch jeder studieren kann. Die Ideologie ist so wunderbar, weil sie diesen Eliten alles erklärt: Sie sind so wohlhabend, weil sie die besten Hochschulen besucht haben. Amerikas Konservative definieren sich über ihren Kontostand, die Liberalen berechnen den Wert ihrer Mitmenschen nach der Uni, die besucht wurde. Wenn die Arbeiter etwas vom Reichtum abhaben wollen, dann sagen sie: Wärt ihr mal aufs College gegangen. Wenn sie das getan haben, heißt es: Ihr habt das falsche Fach studiert. Zur Not war die Uni nicht gut genug, es kann nicht jeder nach Harvard.

Ein weiteres Wort, von dem die Demokraten besessen sind, ist Innovation.

Ich nenne sie gern "Inno-crats". Obama spricht ständig in einem Atemzug von Innovation und Zukunft: Nur so lasse sich Amerikas Wohlstand sichern. Unübersehbar sind die Verbindungen zu Google: Dessen Chef Eric Schmidt berät Obama seit 2008, und er hat ihm geholfen, Big Data für seine Wiederwahl zu nutzen. Google-Mitarbeiter bildeten 2012 auch die drittgrößte Gruppe an Spendern für Obama.

Beim SXSW-Technikfestival in Austin hat Obama zuletzt die Nerds aufgefordert, der Regierung zu helfen, die Effizienz des Staates zu erhöhen.

Das ist typisch für ihn. Sein Vertrauen in Branchenprofis und Absolventen der Elite-Unis ist ungebrochen. Als es um die Bewältigung der Finanzkrise ging, holte er Leute von der Wall Street. Jeder würde sagen: Die haben das Problem ausgelöst, jemand anders soll hier aufräumen. Früher spottete man, Goldman Sachs müsste "Government Sachs" heißen, weil so viele Angestellte zwischen Bank und Regierung hin und her wechseln. Zum Ende von Obamas Amtszeit sollte man von "United States of Google" sprechen. Momentan hilft Schmidt übrigens Hillary Clinton dabei, potenzielle Wähler zu identifizieren - sie hat sich als Außenministerin stets für das "Grundrecht auf Internet-Zugang" eingesetzt. Eric Schmidt ist heute der Lieblingsmilliardär der liberalen Elite und Beleg dafür, dass das Silicon Valley deutlich mehr Einfluss hat als die Wall Street.

Dabei hat das Silicon Valley eigentlich den Ruf, libertär zu sein: Die Regierung soll sich möglichst wenig einmischen.

Nein, die Gruppen verstehen sich heute prächtig. Die Top-Berater des Präsidenten versilberten ihre guten Kontakte früher an der Wall Street. Nun arbeitet David Plouffe, der Kopf hinter Obamas Wahlsiegen, für Uber. Und Jay Carney, der Ex-Sprecher des Weißen Hauses, hat bei Amazon angeheuert. Auch sie werben ständig für mehr Innovation - das ist ein hohles Wort, gegen das niemand etwas sagen kann. Wissen Sie, was Schmidt bei seinen Auftritten als Beispiel nennt?

Womöglich das fahrerlose Auto?

Richtig, das Lieblingsprojekt von Google. Dass nach dessen Einführung Millionen Amerikaner, die heute Taxis, Lastwagen oder Busse fahren, arbeitslos würden - das scheint weder Eric Schmidt zu stören noch die Demokraten, die sich früher um die kleinen Leute sorgten.

Die soziale Ungleichheit wird so wohl nicht abnehmen.

Die wachsende Schere zwischen Arm und Reich ist das größte Problem der USA, und sie wird durch moderne Technologien noch schlimmer. Im Silicon Valley tut man so, als könne Technik Armut reduzieren. Dort denkt man ebenso wie die "Inno"-crats: Die USA sollten eine Meritokratie sein, wonach die kompetentesten Leuten die wichtigsten Ämter bekleiden. Natürlich haben beide Gruppen kein Problem damit, dass die US-Oberschicht so extrem gut verdient - sie gehören ja schließlich beide zur Elite. Es ist wie mit dem Freihandel: IT-Experten haben davor genauso wenig Sorge wie Anwälte, Banker oder Lobbyisten. Es sind ja nicht ihre Jobs, die nach Mexiko oder China verlagert werden.

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