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Stromausfälle in Texas:Schwimmen oder untergehen

Texas Struggles With Unprecedented Cold And Power Outages

Extremer Frost, extreme Strompreise: Der US-Bundesstaat erlebte zuletzt sehr ungewöhnliche Bedingungen.

(Foto: JOE RAEDLE/AFP)

Die Texaner zelebrieren gerne ihre Eigenständigkeit und ihren Individualismus. Diesmal hat beides sie in die Katastrophe geführt.

Von Claus Hulverscheidt

Um zu verstehen, was da eigentlich passiert ist im zeitweise tiefgefrorenen US-Bundesstaat Texas, reicht ein Blick auf jene Nachricht, die Tim Boyd vor Tagen im sozialen Netzwerk Facebook absetzte. Menschen, die wegen der extremen Kälte und des Schnees mit Stromausfällen und verunreinigtem Trinkwasser zu kämpfen hätten, sollten gefälligst nicht jammern, sondern etwas tun, schrieb der Bürgermeister des Städtchens Colorado City. "Sie haben die Wahl: Gehen Sie unter oder schwimmen Sie!" Stadt und Stromfirma jedenfalls "schulden Ihnen gar nichts!"

Boyd hat sich mittlerweile entschuldigt und ist vom Amt zurückgetreten, seine Botschaft aber bleibt: Bürger, die in guten Zeiten auf die ungezügelten Kräfte des freien Marktes setzen und staatliche Kontrolle per se für eine Beschneidung ihrer Freiheit halten, können in der Not nicht nach eben diesem Staat rufen. Das ist in sich schlüssig und entspricht dem Politikverständnis vieler Texaner. Diesmal allerdings hatte es für Millionen Menschen in dem sonst so heißen, sonnenverwöhnten Landstrich ernste Folgen - für manche sogar tödliche.

Flüsse, Seen und Wasserleitungen froren zu

Texas wurde in den vergangenen Tagen von einer Kältewelle heimgesucht, wie sie der Staat nur alle paar Jahrzehnte einmal erlebt. Es schneite kräftig, die Temperaturen fielen teilweise auf minus 20 Grad Celsius, Flüsse, Seen und Wasserleitungen froren zu. Derlei Wetter führt auch in anderen US-Bundesstaaten regelmäßig zu Stromausfällen, schließlich wird Elektrizität im ganzen Land meist in Oberleitungen von Haus zu Haus transportiert, da es schlicht zu teuer wäre, die Kabel über teils riesige Entfernungen unter die Erde zu legen. Auch im Sommer spielten die Oberleitungen schon wiederholt eine unheilvolle Rolle, bei den riesigen Waldbränden in Kalifornien im vergangenen Jahr etwa.

Im so öl- und gasreichen wie selbstsicheren Texas kommen aber noch zwei Besonderheiten hinzu, die sich jetzt verheerend auswirkten. Erstens: Um sicherzustellen, dass die ungeliebte Bundesregierung im fernen Washington bei der Stromversorgung nichts zu sagen hat, ist der Bundesstaat nicht an eines der beiden großen Verteilsysteme angeschlossen, die die Amerikaner dies- und jenseits der Rocky Mountains errichtet haben. Vielmehr betreibt er sein eigenes, vom Rest der USA weitgehend unabhängiges Netz.

Die Versorgung vieler Bürger wurde sogar vorsätzlich gekappt

Als jetzt wegen des Kälteeinbruchs fast alle Texaner gleichzeitig die Heizung hochdrehten, gab es weder ausreichend eigene Stromreserven, noch konnten die Hersteller in größerem Stil Elektrizität in Nachbarstaaten zukaufen. Damit das Netz unter der Belastung nicht kollabiert, wurde die Versorgung vieler Bürger sogar vorsätzlich gekappt.

Und zweitens: Die Branche wird von der Landesregierung kaum reguliert, die Idee ist vielmehr, dass Hunderte Anbieter auf dem freien Markt konkurrieren und so Niedrigstpreise schaffen. Das gelingt in der Praxis auch oft, die Texaner zahlen teilweise bis zu 50 Prozent weniger für Strom als die Bürger anderer Bundesstaaten. Der massive Kostendruck führt aber auch dazu, dass die Firmen weder die Mittel noch den Anreiz haben, mehr Reserven zu produzieren und die Anlagen gegen seltene Phänomene zu schützen - gegen extremen Frost etwa.

Seit Jahrzehnten raten Experten den Texanern, ihr Netz wetterfester zu machen, wie das andere Bundesstaaten auch tun. Doch die regierenden Republikaner ignorierten alle Warnungen, schließlich war der Mix aus Deregulierung, Niedrigsteuern und ultra-schlankem Staat, der ihre gesamte Wirtschaftspolitik kennzeichnet, ja lange Zeit scheinbar erfolgreich: Hunderte Firmen ließen sich im Staat nieder, darunter große und populäre wie der Autobauer Tesla, Austin gilt gerade manch jüngeren Amerikanern als coolste Stadt der USA.

Ein Atomkraftwerk schaltete sich selbst ab

Die Kehrseite der Laissez-faire-Politik zeigte sich jetzt: In den Erdgasrohren, die viele Kraftwerke mit Brennstoff versorgen, bildeten sich Eispfropfen, Generatoren und Ventile barsten, Windräder standen still, Ausweichrouten fehlten. Sogar ein Atomkraftwerk schaltete sich automatisch ab. Teilweise saßen mehr als vier Millionen Menschen ohne Heizung, Licht und warmes Wasser in ihren Wohnungen fest, viele tagelang. Manche schliefen bei laufendem Motor im Auto, andere entzündeten Feuer in der Wohnung. Dutzende starben.

Wieder andere mussten zwar nicht vor Kälte zittern, dafür gefror ihnen beim Blick auf die online verfügbare Stromrechnung das Blut in den Adern. Denn so günstig Elektrizität in normalen Zeiten auch ist, so exorbitant teuer kann sie bei vermeintlichen Billiganbietern wie Griddy werden, wenn die Nachfrage sprunghaft steigt. Die Theorie: Der Kunde erhält durch die Preiserhöhung einen Anreiz, Strom zu sparen oder sich einen neuen Lieferanten zu suchen, der Anbieter hat ein Motiv, mehr zu produzieren.

Der Preis schoss auf das Hundertfache

Die Praxis jedoch sah diesmal so aus: Die Kunden konnten oder wollten auf die Schnelle nicht wechseln, derweil schoss der Preis pro Kilowattstunde binnen Stunden von neun Cents auf neun Dollar in die Höhe - auf das Hundertfache also. Ein Sozialhilfeempfänger aus einem Vorort von Dallas berichtete der New York Times, sein Stromanbieter habe seine Kreditkarte mit 16 752 Dollar belastet. "Meine Ersparnisse sind weg", so der Mann.

Die Republikaner suchen derweil verzweifelt nach Sündenböcken. Nachdem ihr Versuch, alle Verantwortung auf Windräder und Sonnenkollektoren abzuschieben, rasch in sich zusammenfiel, zeigen einige in ihrer Not jetzt auf den sogenannten Green New Deal von Präsident Joe Biden - ein Programm zum ökologischen Umbau der Wirtschaft, das es noch gar nicht gibt.

© SZ/toz
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